Impfen oder kündigen: Krankenschwestern auf Jobsuche

Weiden/Amberg. Impfen oder kündigen? Das ist die Frage, die derzeit scheinbar überproportional viele Krankenschwestern, -pfleger und sonstige Beschäftigte in Krankenhäusern, Pflege- und Betreuungseinrichtungen umtreibt. Ein Blick auf die Spalten mit Stellengesuchen in den Tageszeitungen zeigt, dass relativ viele Menschen aus dem Gesundheitsbereich ungeimpft sind. Oder sind diese Anzeigen gesteuert, wie manche vermuten?

BRK

Beim ARV Weiden und dem BRK-Kreisverband Weiden-Neustadt hält sich die Zahl der Ungeimpften in Grenzen, wie die beiden Geschäftsführer Christian Henkens und Sandro Galitzdörfer berichten. Auch 90 Prozent der Beschäftigten der Kliniken Nordoberpfalz AG sind nach der jüngsten Auswertung geimpft.

„Krankenschwester, ungeimpft, langjährige Erfahrung in mehreren Arbeitsbereichen, sucht zum 15.03.2022 eine neue Arbeitsstelle, auch berufsfremd“; „Ungeimpfter Krankenpfleger, derzeit beim Medizinischen Dienst Bayern, sucht ab 15.03. oder später einen neuen Wirkungskreis“; „Exam. Krankenschwester mit langjähriger Anästhesierfahrung, nicht weiter boosterwillig, sucht nach Ablauf des Immunitätsstatus neuen Wirkungskreis“; „Kinderkrankenschwester, ungeimpft, langjährige Erfahrung in mehreren Arbeitsbereichen, sucht zum 15.03. eine neue Arbeitsstelle“; „Ungeimpfte Krankenpflegerin mit 30-jähriger Berufserfahrung sucht neue Herausforderung ab Frühjahr 2022″; Ungeimpfte Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in Führungspositionen (EL und PDL) sucht ab 15.03. eine neue Herausforderung.“ So lauten fünf von insgesamt zehn Stellengesuchen, die an nur einem Tag in einer regionalen Tageszeitung aufgegeben wurden. Allen gemein war der Status „ungeimpft“ sowie der Beruf als Krankenschwester, Krankenpfleger oder Pflegekraft.

Eine geplante Aktion?

Die Impfpflicht für das Personal in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten soll ab dem 16. März 2022 gelten. In diesem Zusammenhang stellt sich bei der Anzahl an ähnlich klingenden Gesuchen die Frage, ob diese echt sind oder es sich um eine geplante Aktion weniger Personen handelt. Oder ob es im Gesundheitswesen mehr ungeimpftes Personal gibt als bekannt und offiziell eingestanden.

Für die Echtheit der Stellenanzeigen sprechen die Ergebnisse einer Studie, die allerdings schon vom Herbst vergangenen Jahres stammt, also noch vor der Ankündigung der Impfpflicht. Viele Pflegekräfte in der Altenpflege in Deutschland wollen demnach den Beruf aufgeben. 40 Prozent der Befragten erwägen, aus dem Beruf auszusteigen, wie Bernadette Klapper, Geschäftsführerin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, zu einer mit dem Altenpflege-Fachverlag Vincentz Network initiierten Studie sagte. „Das ist alarmierend. Wir brauchen eine Trendwende in der Altenpflege.“

Bis 2030 fehlen 500.000 Pflegekräfte

Nach Angaben des Verlags errechneten Experten, dass bis 2030 circa 500.000 Pflegekräfte fehlen werden. Für die Studie sind im August und September 2021 insgesamt 686 Beschäftigte in der stationären Pflege befragt worden. 90 Prozent der Befragten forderten demnach mehr Personal, weitere neun Prozent stimmten an der Stelle eher zu. 73 Prozent meinten, der Personalmangel in der Pflege habe sich in den vergangenen zwei Jahren, also mitten in der Corona-Pandemie, weiter verschärft. 68 Prozent urteilten, es werde immer schwerer, eine gute Pflege zu gewährleisten. 96 Prozent glauben nicht, dass die Politik die Lage verstanden habe und bemüht sei, sie zu verbessern.

Verdi kritisiert mangelhafte Vorgaben

Gefakte Stellengesuche kann sich Gewerkschaftssekretärin Marina Mühlbauer, bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zuständig für die nördliche Oberpfalz, durchaus vorstellen. „Da gibt es zwar keine Belege, aber es ist schon möglich, dass das aus einer bestimmten Ecke kommt.“ Andererseits spricht sie von einer „großen Unsicherheit“ im Zusammenhang mit der geplanten Impfpflicht. „Es fehlen die klaren Vorgaben und Regelungen. Wir wissen nicht, wie das genau umgesetzt werden soll und diese Unsicherheit schlägt sich natürlich auch auf unsere Mitglieder nieder.“ Erwartungsgemäß häuften sich in letzter Zeit die Anfragen von ungeimpften Verdi-Mitgliedern, wie es mit ihnen weitergehe. „Aber wir wissen es selbst nicht. Hier muss die Politik dringend nachjustieren“, fordert Mühlbauer.

Laut Erkenntnissen der Gewerkschaft sind in der Oberpfalz circa zehn bis 15 Prozent des Personals in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ungeimpft. „Das Impfen ist zwar eine individuelle Entscheidung, trotzdem werben wir von Verdi bei unseren Mitgliedern intensiv dafür, sich impfen zu lassen. Da sind dann natürlich solche Vorkommnisse wie der Impfzertifikatbetrug des Arztes am Klinikum Weiden äußerst kontraproduktiv. Das zerstört Vertrauen und macht viel kaputt“, bedauert die Gewerkschafterin.

90 Prozent des Personals der Kliniken AG geimpft

Bei den Klinken Nordoberpfalz AG liegt die Impfquote nach aktueller Auswertung bei knapp 90 Prozent, teilte Pressesprecher Michael Reindl auf Anfrage von OberpfalzECHO mit. „Einige unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten bislang nicht geimpft werden, da der Nachweis über eine Covid-Erkrankung weniger als sechs Monate zurücklag und damals galt, dass frühestens nach sechs Monaten geimpft werden konnte (inzwischen frühestens nach 4 Wochen).“

Dennoch sei auch angesichts des begrenzten Stellenmarkts im Pflegebereich zu befürchten, dass es zu einer Verschärfung des Personalengpasses kommen könnte. „Die Einführung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht erhöht den Druck auf den Arbeitsmarkt noch mehr und wird den Fachkräftemangel im Pflegebereich wohl temporär verstärken“, befürchtet Reindl.

Booster-Impfungen sehr gut angenommen

Seit Bekanntgabe der Impfpflicht informiere man die Mitarbeitenden über die Impfangebote und werbe für eine Impfung. „Diese Aktivitäten werden wir in den kommenden Wochen noch einmal verstärken, indem wir spezielle Informations- und Beratungsangebote für noch nicht geimpfte Mitarbeiter anbieten“, betont der Pressesprecher. Impfungen seien über den betriebsärztlichen Dienst möglich.

Ferner seien die Booster-Impfungen im Haus sehr gut angenommen worden. Darüber hinaus habe es Sonderaktionen gegeben, bei denen Angehörige von Mitarbeitern der KNO an den Wochenenden vor Weihnachten geimpft worden sind. „Dies ist ein weiterer Baustein zum Schutz der Patienten und unserer Beschäftigten“, sagt Michael Reindl.

Ängste der Menschen ernst nehmen

Kein großes Problem mit der Impfpflicht hat der ARV (Allgemeiner Rettungsverband) Oberpfalz in Weiden. Geschäftsführer Christian Henkens sagt: „Wir haben nur ein bis zwei Ungeimpfte, mit denen ich aber ständig im Gespräch bin und sehr hoffe, dass wir zu einer Lösung kommen.“ Er nehme die Ängste dieser Menschen sehr ernst, denn nicht alle seien Schwurbler, die sich nicht impfen lassen wollen. „Außerdem sind das sehr gute Leute, die ich nur höchst ungern verlieren möchte.“ Sollten die betreffenden Personen den ARV aber trotzdem verlassen (müssen), sehe er keine größeren Schwierigkeiten, die Stellen neu zu besetzen. „Wir haben eine gute Bewerbersituation.“

In der Tagespflege setze der ARV ohnehin ausschließlich geimpftes Personal ein. Henkens: „Zusätzlich werden unsere Leute ständig getestet, da kann eigentlich nichts passieren.“ Bei vielen anderen Pflegeeinrichtungen in Deutschland sehe das anders aus. „Wenn ich lese, dass bundesweit 18 Prozent des Pflegepersonals ungeimpft sind, ist das natürlich fatal.“

„Berufsbezogene Impfpflicht ist unfair“

Auch beim BRK-Kreisverband Weiden-Neustadt halte sich die Zahl der Ungeimpften in engen Grenzen, berichtet Kreisgeschäftsführer Sandro Galitzdörfer: „Wir müssen kein Heim zusperren oder die ambulante Pflege einschränken, so viel ist sicher.“ Ungeimpft seien nur fünf Prozent, die sich hoffentlich um weitere drei bis vier Prozent reduzieren, wenn der Totimpstoff Valneva wie angekündigt Anfang Februar zur Verfügung steht. Ich weiß von mehreren Mitarbeitern, die auf diesen Impfstoff warten.“

Beim Rest des Personals, das sich dann immer noch nicht impfen lasse, habe er keinen Spielraum. „Die muss ich laut Vorgaben dem Gesundheitsamt melden und das wiederum entscheidet, wie es weitergeht.“ Er persönlich sei klar für eine allgemeine Impfpflicht, kritisiert aber die berufsbezogene Pflicht für den Pflegebereich. „Das ist einfach nur unfair gegenüber den Leuten, die jetzt seit zwei Jahren die Kohlen aus dem Feuer holen.“

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