Schobers Rock-Kolumne: Das Beste am Tatort: die Musik von Klaus Doldinger

Schobers Rock-Kolumne: Das Beste am Tatort: die Musik von Klaus Doldinger
Nach langer Zeit haben wir uns mal wieder einen Tatort gegönnt, nachdem wir zuvor die recht unterhaltsame Serie Bad Sisters genossen hatten. Das Vergnügen bei unserer einstigen Kult-Reihe -wir haben sicherlich über Jahrzehnte fast keine Folge verpasst- war ein getrübtes, um es noch charmant auszudrücken.
Vorbei die Zeiten, wo man dem sympathischen Raubein Götz George folgte, sich an dem kantigen Österreichischen oder das so nahbaren Münchner Team erfreute. Die Münsteraner waren anfangs natürlich auch der Knaller, Team Weimar stand in nichts nach und die Furtwängler konnte man sich schon alleine wegen ihrer Attraktivität reinziehen.
Philosoph Borowski aus Kiel hat jetzt eine Nachfolgerin, Mila Şahin. Die spielt in dem Zweiteiler, „Unter Freunden / Unter Feinden“ zwar noch passabel, aber was sich Regisseur Lars Kraume hier hat einfallen lassen, ist einfach nur mehr hanebüchener Unsinn und schwer erträglich. Der Polizeiruf war ja schon seit langem vor allem dank Charly Hübner die weitaus bessere Alternative, jetzt kann man sich leider fast nur mehr an den Streamingdiensten delektieren. Die Rundfunk- und TV‑Gebühren müssen trotz solcher Niedergänge aber bitte bleiben.
Einst mit Dexedrine durch die Nacht, heute geht`s eher zum Dämmerschoppen
heute geht`s eher zum Dämmerschoppen
Kevin Rowland erinnert sich. Wie er als irischstämmiger Einwanderer verbotene IRA-Lieder sang oder sich nach Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der Musik von Elvis und dem dortigen Lifestyle, sehnte. Geboren 1953 arbeitete er zunächst als Bauarbeiter, um dann eine Lehre als Friseur zu machen.
Rowland war schon immer unberechenbar, wankelmütig, egozentrisch, herrisch, ein typischer Künstler eben mit seinen Drogen- und Versagen-Problemen -aber auch einem genialen Geist, der wunderbare Lieder wie „Come On Eileen“ erschuf. Seine einstige und jetzige Kapelle hieß Dexy Midnight Runners (dazwischen auch mal nur Dexys, außerdem veröffentlichte er diverse, extrem gute wie extrem unerfolgreiche Solo-Alben) und die hat jetzt eine Platte mit dem schönen Namen, „Love“ (PIAS) eingespielt.
Darauf schwelgt Rowland in seinen Erinnerungen, erzählt von seinem bewegten Leben und kleidet das in üppige Arrangements und schwelgerische Melodien. Bescheidenheit war ja noch nie seine Stärke, die Eloquenz dagegen schon. So ist „Love“ ein expressionistisches, expressives, atmosphärisch überbordendes und beim Song, „I Want To Be Holding You Next Christmas“ leider auch mal etwas kitschiges Werk geworden, wo Streicher, Piano und Philly-Sounds zu viel des guten Northern-Souls werden.
Anhören konnte man sich das leider nur am 10. Oktober live in der Passionskirche zu Berlin, aber das liegt halt auch schon in der Vergangenheit.
Neues Lebenszeichen eines One-Hit-Wonders
Na ja, so ist das eben. Auf ein Album der Dexy Midnight Runners (unter genau dieser Firmierung) hat man wie gesagt zirka 40 Jahre warten müssen, auf das Neue von Gabriella Cilmi jetzt immerhin 13. Sagt Euch der Name überhaupt noch etwas?
Die charmante Australierin eroberte 2013 mit „Sweet About Me“ weltweit die Charts und jetzt sollte es auch bei dem Einen oder Anderen klingeln. Toller Song, tolle Frau. „Pure Love“ (Bertus) klingt da doch deutlich rockiger und rauer, vor allem der Titelsong geht schon eher Richtung Melissa Etheridge. Diese Stimme ist –-wenn auch immer noch jung – doch in Würde gereift, klingt jetzt rauchig, dunkel, ein wenig heiser und erstaunlich tief.
Dusty Springfield, Bonnie Raitt, Lucinda Williams und stellenweise Chrissie Hynde und sogar Amy Winehouse fallen mir als Referenzen dazu ein. Musikalisch bewegt sie sich zwischen Soul, Americana, Blues, Country-Soul und klassischem Singer/Songwriter-Pop. Immer wieder schimmern die 60er und 70er durch, ohne dass daraus eine Retroveranstaltung wird. Musik für den rauchigen Club und weniger für die großen Bühnen oder das Format-Radio. Finde ich ausgesprochen einnehmend und sympathisch.
Alle wollen Ihn covern
Sympathisch und bodenständig ist auch ein Künstler, um den sich aktuell nicht alle, aber doch recht viele reißen, denn was haben Jeff Tweedy von Wilco, MJ Lenderman, Waxahatchee, Snail Mail oder auch Cameron Winter von Geese gemeinsam?
Sie alle haben in letzter Zeit live und im Studio Songs von Nate Amos gecovert – besser bekannt als This Is Lorelei. Der Gitarrist von Water From Your Eyes hat dabei auf „The Singer in My Band“ (Beggars) das Rad nicht neu erfunden. Vielmehr macht er als erklärter Bluegrass-Verehrer recht traditionelle, bodenständige und einfach strukturierte Americana- und Singer/Songwriter-Songs.
Die hat er zudem fast vollständig alleine eingespielt und zu Hause aufgenommen. Der Mann hat so etwas wie das frühe Ed Sheeran-Symptom, er ist einfach everybody’s darling. Pavement treffen hier auf die Silver Jews und trinken anschließend noch einen mit Guided By Voices – schön windschief, knarzig, wunderbar eigen und doch cleverer, als es zunächst den Anschein bei diesen Lo-Fi-Liedern hat.
Dunkel verspiegelter Song-Reigen
Da ist das neue Album von Joe Casey aka Protomartyr schon aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. So ein dichtes, Arrangement-verliebtes, üppiges Album muss man auch in einem Studio umsetzen, gerade richtig, das von Dave Fridmann (Nick Cave, MGMT, The Flaming Lips) im Staate New York. Überschlagende, Wizard-artige Rhythmen, Bläser, lakonischer Gesang, fernöstliche Einflüsse, Post-Punk und Art-Rock, Dystopie und Melancholie. Joe Casey denkt die USA als alterndes Hotel, dessen Zimmer jeweils einer anderen Form gesellschaftlicher Erosion gewidmet sind.
KI, Abschiebung, nationalistischer Überschwang, politische Radikalisierung oder die Zumutungen des Vaterwerdens werden dabei nicht zu Parolen verdichtet, sondern zu Momentaufnahmen eines Landes, das den Halt verliert. „Hotel Usona“ (Domino) beschreibt diesen Zustand, ohne den Anspruch, Lösungen anzubieten, und gewinnt gerade daraus seine Schärfe. Nick Cave-, Pere Ubu-, The Fall-Fans sollte das gefallen. Mr. Trump wird es nicht lieben.
Feiner Soul aus UK
Kürzlich hatte ich hier die Soul-Sängerin Mica Millar aus UK gewürdigt. Mein Schwager und meine Schwägerin hatten sich die aufstrebende Künstlerin daraufhin auch live in Effeltrich angehört und waren restlos begeistert. Ich sage mal, das wäre bei Robine, einer in Holland geborenen, jetzt aber in Hamburg lebenden Sängerin nicht anders.
Dummerweise spielt die aber nicht in Effeltrich und leider auch überhaupt nicht anderswo in unseren Gefilden. Also muss die Konserve in Form von „Motivation“ (Backseat) herhalten. Auf dem Debüt findet man recht schöne Lieder zwischen Indie-Pop, sanftem R&B und elektronischem Minimalismus.
Die Produktion ist sehr warm und atmosphärisch geraten, so als wäre das alles live im Studio eingespielt worden. Es hat viel Klavier, ein paar fette Chöre, mal ein Rhodes-Piano oder eine Hammond-Orgel, warm pluckernde Synthesizer, einen soliden Bass und ein tightes Schlagwerk. Von sanft verträumt bis herzhaft reicht das Spektrum, Robines Stimme bleibt bei jeder Stimmung glaubhaft und intensiv.
Die Suzie Quatro 2.0
Im Oktober spielt eine Rock`n`-Roll-Legende und Pionierin weiblicher Rock-Musik ja in Marktredwitz. Die Rede ist natürlich von Suzie Quatro (von der ich einen Bravo-Starschnitt besessen hatte!). Ihr aktuelles Pendant heißt Bobbie Dazzle, stammt aus UK und gilt als glitzernde Königin des Glam-Rock. „Star Power“ (Cargo) heißt das neue Werk und bietet genau das: Rock`n`Roll & Glam-Rock.
Wo die Suzie den Bass malträtierte, bläst Bobbie in die Querflöte -und rückt so den Titelsong ein wenig Richtung Prog-Rock und Jethro Tull. Mit Lita Ford ist eine echte Rock-Ikone als Gast auf dem Album vertreten und steuert ein Gitarrensolo zum abschließenden Track „Feel It Too“ bei. Das ist alles recht ordentlich gemacht, für mich schmeckt das jedoch zu sehr nach Mainstream.




