Domkapitular Michael Dreßel besucht Caritas in Tirschenreuth-Wunsiedel
Domkapitular Michael Dreßel besucht Caritas in Tirschenreuth-Wunsiedel

Es war ein Besuch in der Heimat – vor allem aber ein Besuch zum Zuhören: Auf Einladung des Vorstandsvorsitzenden Martin Kneidl besuchte Domkapitular Michael Dreßel, Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes Regensburg, in der vergangenen Woche den Kreiscaritasverband Tirschenreuth-Wunsiedel. Im Mittelpunkt standen die Menschen, die Angebote und die aktuellen Herausforderungen der Caritas vor Ort.
Austausch über Aufgaben und Herausforderungen der Caritas
Zum Auftakt kamen die Leitungen der verschiedenen Dienste, Vertreter der Vorstandschaft sowie des Caritasrates zu einer Runde zusammen. Dabei präsentierte der Kreisverband seine drei großen Tätigkeitsbereiche: Pflege, Beratungsdienste sowie Kinderbetreuung. Gleichzeitig ging es um die Entwicklung des Verbandes, aktuelle Herausforderungen und die Frage, wie die Caritas auch künftig nah bei den Menschen bleiben kann. Seit fünf Jahren steht Dreßel an der Spitze des Diözesan-Caritasverbandes und der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) und ist für rund 20.000 Mitarbeitende in der Diözese verantwortlich. Dabei versteht er seine Aufgabe ausdrücklich nicht als Tätigkeit vom Schreibtisch aus. „Wo die Probleme und Herausforderungen wirklich liegen, das siehst du erst, wenn du selbst die Einrichtungen besuchst“, betonte Dreßel. Den „Saft, der dahintersteckt“, bekomme man erst mit, wenn man selbst vor Ort sei.
Die Heimat aus einem neuen Blickwinkel
Für den gebürtigen Pechbrunner war der Besuch auch eine Rückkehr in die eigene Heimat. Heute blickt er aus einer anderen Perspektive auf die Region – aus der Perspektive der Kirche und insbesondere der Caritas. Entsprechend groß war sein Interesse an den Erfahrungen und Themen der Mitarbeitenden. Auch die Entwicklung der Caritas als vielfältiger Sozialverband wurde diskutiert. Mit ihren zahlreichen Diensten könne sie durchaus wie ein komplexer Sozialkonzern wirken, so Dreßel. Bei der Übernahme von Angeboten, die keine wirtschaftliche Gewinnmarge versprechen, müsse man sich deshalb immer auch die Frage der Finanzierung stellen. Für den Vorsitzenden des Diözesan-Caritasverbandes ist ein Rückzug aus schwierigen Feldern jedoch keine Option: „Wir sind doch kein Konzern. Es ist die Aufgabe der Kirche.“ Die Caritas müsse neue Plattformen schaffen und auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. „Es wäre falsch, wenn wir uns aus manchen Feldern zurückziehen würden.“
Wie dies konkret aussehen kann, zeigt die Entwicklung des Kreiscaritasverbandes Tirschenreuth-Wunsiedel. In den vergangenen Jahren ist dieser von ursprünglich rund 25 auf mittlerweile etwa 120 Mitarbeitende gewachsen und inzwischen in Tirschenreuth, Mitterteich, Wunsiedel und Marktredwitz präsent. So übernahm die Caritas unter anderem das Mehrgenerationenhaus in Mitterteich, dessen Träger zuvor die Arbeiterwohlfahrt war, sowie die Sozialstation in Marktredwitz. Auch in Wunsiedel hat der Verband sein Angebot erweitert und das Sekretariat mit Flüchtlings- und Integrationsberatung sowie Allgemeiner Sozialberatung übernommen. Gerade die Allgemeine Sozialberatung ist dabei ein wichtiges Beispiel für ein Angebot, das nicht über klassische Refinanzierung funktioniert. Sie wird vollständig aus Kirchenmitteln finanziert und unterstützt Menschen in akuten Notlagen – beispielsweise, wenn Wohnungslosigkeit droht. Gleichzeitig stehen die Beratungsdienste selbst unter erheblichem Druck. In der Flüchtlings- und Integrationsberatung in Tirschenreuth muss aufgrund von Mittelkürzungen eine halbe Stelle gestrichen werden. „Zum Glück konnten wir unseren Mitarbeitenden den Wechsel in die Migrationsberatung ermöglichen, sodass wir niemanden entlassen müssen“, erklärte Martin Kneidl. „Aber trotzdem trifft es uns hart.“ Dreßel stimmte ihm zu: „Es ist ein Drama, das viel aussagt über eine besorgniserregende gesamtgesellschaftliche Entwicklung.“
Sucht, Schulden und immer komplexere Problemlagen
Wie vielfältig die Herausforderungen in der sozialen Arbeit inzwischen sind, wurde auch anhand weiterer Beratungsangebote deutlich. Myriam Vogtmann, Leiterin der Fachambulanz, berichtete von den aktuellen Entwicklungen in der Suchtberatung. Formen des Medikamentenmissbrauchs, unter anderem von Ketamin, nehmen stark zu. Jährlich suchen rund 250 bis 300 Menschen Unterstützung in der Fachambulanz.
Hinzu kommen Verhaltenssüchte wie Internet-, Porno- und Glücksspielsucht. Auch Essstörungen spielen eine zunehmende Rolle. Deutlich werde dabei, dass sich die Problemlagen immer stärker überschneiden und die Beratungsstellen häufiger mit sogenannten Multiproblemfällen konfrontiert seien. Stefan Zwerenz aus der Schuldner- und Existenzberatung berichtete ebenfalls von einer zunehmenden Belastung. Im vergangenen Jahr wurden 36 Insolvenzberatungen durchgeführt. Die Tendenz ist steigend. Als Hauptursachen für Überschuldung nannte er vor allem Krankheit und Unfall – und damit Gründe, die wenig mit dem häufig vermuteten verschwenderischen Lebensstil zu tun haben.
Pflege zwischen Anspruch und finanziellen Grenzen
Ein weiterer Schwerpunkt des Austauschs war die Pflege. Rainer Schmid, Geschäftsführer der ambulanten Pflegedienste, kennt die finanziellen Sorgen vieler Pflegebedürftiger aus der täglichen Praxis. Viele Menschen könnten sich die Unterstützung, die sie eigentlich benötigen, nicht mehr in dem erforderlichen Umfang leisten. Gleichzeitig können Angehörige diese Lücken nicht immer schließen. Sie wohnen häufig weiter entfernt, sind selbst berufstätig oder haben aus anderen Gründen keine Möglichkeit, die notwendige Unterstützung vollständig zu übernehmen. Gerade hier sieht die Caritas eine ihrer Stärken: Mit Pflege, Beratung und Hospizarbeit sowie weiteren sozialen Angeboten stehen verschiedene Anlaufstellen unter einem Dach zur Verfügung. „Das Komplettpaket Caritas ist unser großes Plus“, so die Überzeugung der Verantwortlichen.
Begleitung am Lebensende
Intensiv diskutiert wurde auch die Haltung der Caritas zur aktiven Sterbehilfe und die Frage, wie Mitarbeitende in der Pflege mit dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Lebensende umgehen. Dreßel machte dabei die Position der Caritas deutlich: „Wir halten die Hand, aber wir unterstützen keine Sterbehilfe – schon allein aus unserem christlichen Menschenbild heraus.“ Gleichzeitig müsse die Gesellschaft die Gründe ernst nehmen, die Menschen zu einem solchen Wunsch bringen. Wenn schwerkranke Menschen das Gefühl hätten, lieber sterben zu wollen, als Angehörigen zur Last zu fallen oder die Kosten für einen Pflegeheimplatz niemandem zumuten zu können, müsse dies als gesellschaftliches Warnsignal verstanden werden. „Dann haben wir als Gesellschaft abgewirtschaftet“, so Dreßel.
Nach dem Austausch: Kindersegnung und Andacht
Nach der intensiven Fragerunde und einem gemeinsamen Mittagessen setzte Dreßel seinen Besuch in Mitterteich fort. Im Kinderhort stand eine Kindersegnung auf dem Programm. Anschließend besuchte der Domkapitular die Tagespflege und feierte dort eine Andacht mit den Gästen und Mitarbeitenden.
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