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Muezzinruf, Kippa und Kreuz: Abend der Religionen in St. Michael in Weiden

Weiden. Seit 9/11 bringt der Interreligiöse Gesprächskreis Weiden die Religionen zusammen. Muezzinruf, Kippa und Kreuz unter einem Kirchendach: Beim „Abend der Religionen“ in St. Michael begegnen sich Juden, Christen und Muslime.

Weiden. Seit 9/11 bringt der Interreligiöse Gesprächskreis Weiden die Religionen zusammen. Muezzinruf, Kippa und Kreuz unter einem Kirchendach: Beim „Abend der Religionen“ in St. Michael begegnen sich Juden, Christen und Muslime.
Gemeinsam beim „Abend der Religionen“ in St. Michael: Von links DITIB-Imam Mehmet Küçük mit Yilmaz Güngör, Pfarrerin Christiane Weber, Werner Friedmann von der Jüdischen Gemeinde, Melanie Hennig von der Neuapostolischen Kirche, Kirchenvorsteherin Elisabeth Heider, Imam Mahir Khedr, Pfarrer Alfons Forster und Tobias Schmauss. Foto: Christine Ascherl

Muezzinruf, Kippa und Kreuz: Abend der Religionen in St. Michael in Weiden

Der Interreligiöse Gesprächskreis Weiden hat am Donnerstag zum „Abend der Religionen“ eingeladen. Sechs Gläubige stellen den Besuchern etwas vor, das für ihren persönlichen Glauben eine besondere Bedeutung hat. Es geht dabei nicht um theologische Vorträge. Die Religionen werden ganz konkret: Eine kleine Torarolle wird ebenso gezeigt wie ein Weihrauchfass, ein evangelisches Losungsbuch, eine Bibel und ein alter Gebetsteppich.

Gesprächskreis: entstanden nach 09/11

Das Motto des Abends lautet: „Aufstehen, aufeinander zugehen, voneinander lernen, miteinander umgehen.“ Pfarrerin Christiane Weber eröffnet den Abend: „In diesen kritischen Zeiten von besonderen Wahlen und auch im Gedenken an 25 Jahre 9/11 wollen wir mit diesem Abend unsere Vielfalt präsentieren und leben.“

Pfarrer Gerhard Pausch erinnert an die Gründung des Interreligiösen Gesprächskreises in Weiden. Ausgangspunkt waren die Terroranschläge vom 11. September 2001. Wenige Tage später, am 19. September 2001, versammelten sich rund 3000 Menschen in Weiden zu einer öffentlichen Kundgebung.

Vertreter der jüdischen Gemeinde, der muslimischen Gemeinschaft sowie der evangelischen und katholischen Kirche beteten gemeinsam für den Frieden. Aus dieser Begegnung entstand die Frage: Soll es bei diesem einen Abend bleiben? Der damalige evangelische Dekan Wolfgang Scheidel brachte die Idee eines interreligiösen Gesprächskreises ins Spiel. Bereits am 7. November 2001 kam die Runde erstmals zusammen.

„Da ist Vertrauen gewachsen“

Fast 25 Jahre später blickt Pausch auf zahlreiche Begegnungen zurück: gemeinsame Gebete, gegenseitige Besuche in Moschee, Synagoge und Kirchen sowie gemeinsame Projekte. Entscheidend sei aber etwas, das sich kaum in Protokollen festhalten lasse: „Da ist Vertrauen gewachsen.“

Gerade in einer Zeit, in der vieles auseinanderdrifte, sei diese Erfahrung wichtig. Der Gesprächskreis habe gezeigt, dass Verständigung und ein gutes Miteinander möglich seien. „Wenn ich heute auf diese erste Runde zurückblicke, dann sehe ich keine großen Programme oder ausgefeilten Konzepte. Ich sehe Menschen, die neugierig aufeinander waren. Menschen, die einander kennenlernen wollten.“

Witron – Nachmittag der Ausbildung
Witron – Nachmittag der Ausbildung
Werner Friedmann von der Jüdischen Gemeinde zeigt eine kleine Torarolle und erklärt ihre Bedeutung im jüdischen Glauben. Foto: Christine Ascherl
Tobias Schmauss stellt ein Weihrauchfass vor, das ihn auch an seine eigene Zeit als Ministrant erinnert. Foto: Christine Ascherl
Elisabeth Heider, evangelische Kirchenvorsteherin, hat ihr Losungsbuch mitgebracht, das sie seit vielen Jahren begleitet. Foto: Christine Ascherl
Melanie Hennig von der Neuapostolischen Kirche stellt ihre Lutherbibel vor, die für sie auch Hoffnung in schwierigen Zeiten vermittelt. Foto: Christine Ascherl
Imam Mahir Khedr vom deutschsprachigen Muslimenkreis erklärt anhand eines Gebetsteppichs die Bedeutung der fünf täglichen Gebete. Foto: Christine Ascherl
Imam Mehmet Küçük von der DITIB-Moschee stellt gemeinsam mit Yilmaz Güngör, Ditib-Weiden-Moscheeführer, den Adhan vor. Foto: Christine Ascherl

Torarolle und Weihrauchfass

Wie unterschiedlich Glaube gelebt werden kann, zeigen anschließend die sechs Beiträge. Werner Friedmann von der Jüdischen Gemeinde zeigte eine kleine  Torarolle. Die Tora mit den fünf Büchern Mose bildet die Grundlage des jüdischen Glaubens. Geschrieben wird eine Torarolle auf Pergament, traditionell von einem eigens dafür ausgebildeten Schreiber.

Der katholische Beitrag führt über den Geruchssinn: Ein Weihrauchfass erinnert für Tobias Schmauss nicht nur an Gottesdienste, sondern auch an seine eigene Zeit als Ministrant. Es ist für ihn eine schöne Besonderheit des christlichen Glaubens, dass Kinder und Jugendliche mit dem Priester die Messe feiern.  

Die evangelische Kirchenvorsteherin Elisabeth Heider bringt ihr Losungsbuch mit, das sie seit vielen Jahren begleitet. Jeden Tag findet sie darin einen Vers aus dem Alten Testament, einen aus dem Neuen Testament und ein Gebet. 

Melanie Hennig von der Neuapostolischen Kirche hat eine Lutherbibel mitgebracht. Sie ist Grundlage der Predigten in den Gottesdiensten und für sie zugleich ein Mittel, über die Sorgen des Alltags hinauszublicken. Angesichts von Krieg, Intoleranz und Umweltzerstörung gebe ihr der Glaube Hoffnung auf eine andere, friedlichere Welt.

Der Muezzinruf in der evangelischen Kirche

Dann wird es für viele Besucher besonders ungewohnt. Imam Mehmed Kücük, Vertreter der türkischsprachigen DITIB-Moschee, und Sprachlehrer Cem Kocaer stellen den islamischen Gebetsruf, den Adhan, vor. Er ruft Muslime fünfmal am Tag zum Gebet. An diesem Abend erklingt er nicht von einem Minarett, sondern mitten in der evangelischen Michaelskirche.

Imam Mahir Khedr vom deutschsprachigen Muslimenkreis hat einen Gebetsteppich dabei.  Die fünf Gebete am Tag bedeuten für ihn, die täglichen Geschäfte für einige Minuten zu unterbrechen, zur Ruhe zu kommen und die Verbindung zu Gott zu suchen.  

Vom Zuhören zum Gespräch

Doch beim Zuhören sollte es an diesem Abend ausdrücklich nicht bleiben. Nach den Vorstellungen verlagerte sich das Geschehen auf sechs vorbereitete Tische. Dort konnten die Besucher die Vertreter der verschiedenen Glaubensgemeinschaften direkt ansprechen, Fragen stellen und miteinander ins Gespräch kommen. Musikalisch begleitet wurde der Abend von Gabi und Micha Mehlan. Außerdem trat der Tanzkreis unter der Leitung von Thomas Hentschel auf.

„Abend der Religionen“: am Altar von St. Michael (von links) Pfarrer Gerhard Pausch, Pfarrerin Christiane Weber, Werner Friedmann von der Jüdischen Gemeinde, Melanie Hennig von der Neuapostolischen Gemeinde, Kirchenvorsteherin Elisabeth Heider, Imam Mahir Khedr, Pfarrer Alfons Forster, Tobias Schmauss von der katholischen Pfarrei sowie Imam Mehmed Kücük und Yilmaz Güngör von der DITIB-Moschee. Foto: Christine Ascherl