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Schobers Rock-Kolumne: Die aktuelle politische Situation vergrellt einem fast die Lust an der Musik

Nordoberpfalz. Ein heißes, störungsfreies Reggae-Festival mit Neville Staple prägte den Sommer. Vorgestellt werden Alben von The Selecter, Keb’ Mo’, Vandever, Fortner, Immersion und Sofie Royer.

Nordoberpfalz. Ein heißes, störungsfreies Reggae-Festival mit Neville Staple prägte den Sommer. Vorgestellt werden Alben von The Selecter, Keb’ Mo’, Vandever, Fortner, Immersion und Sofie Royer.
Pokey LaFarge, The Fourth Wall, Bayonne, Ezra Collective, Kevin Burt, Radical Friendship Theory

Schobers Rock-Kolumne: Die aktuelle politische Situation vergrellt einem fast die Lust an der Musik

Ich habe Angst. Sachsen-Anhalt hat mit über 44% eine rechtsextreme Partei gewählt. Die Bürger Sachsen-Anhalts haben ihren zukünftigen Henkern selbst an die Macht verholfen, Geschichte wiederholt sich, die Parallelen zur Weimarer Republik sind augenscheinlich. Wie kann man eine Post-Faschistische Bewegung unterstützen, die jedem alles verspricht, Dinge verspricht, auf die sie überhaupt keinen Einfluss oder ein Recht dazu hat? Oder wird hier schon weiter bis nach der Machtübernahme und Diktatur gedacht?!

Wenn man den Klimawandel trotz eindeutiger wissenschaftlicher Erkenntnisse abstreitet, gibt es ihn nicht und man muss sich keine Gedanken über eventuell schmerzhafte Einschnitte machen. Leugnen, Problem gelöst. Wenn man den Fachkräftemangel durch verschärfte Einwanderungsgesetze und einem Klima der Angst befeuert, kurbelt man dann die Wirtschaft an? Wenn sämtliche Industrie- und Wirtschaftsverbände vor der AfD warnen, haben die dann wirklich die Patentlösung für einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Tasche?

Anstelle auf Speichertechnologien zu setzen, sollen Windkrafträder neuen Atommeilern weichen, die -by the way- frühestens in 10 Jahren ans Netz gehen könnten und den teuersten und gefährlichsten Strom überhaupt produzieren würden. Leute, geht`s noch!

Die halbe Welt kämpft und sehnt sich nach Demokratie, wir wählen sie einfach ab. Nicht ganz die halbe Welt sehnt sich und kämpft für mehr Bildung, wir schreiben die Geschichte im Sinne einer Partei um und schaffen die Schulpflicht ab.

Es ist eine Schande was hier gerade passiert und ich sage nur: Währet den Anfängen! Aus dem Rundfunkstaatsvertrag wollen sie ja schon aussteigen, denn diese angebliche Lügenpresse verbreitet zwar auch das Narrativ der AfD, aber stellt dummerweise noch kritischen Fragen, die unerwünscht sind.

Und unsere Musik, die lassen die patriotischen Gleichmacher aktuell noch unangetastet.

Grammer Solar
Grammer Solar

Ein höchst musikalischer Journalist

Was verbindet mich mit dem Musiker und Journalisten Robert Rotifer? Der Andre Heller ists! Ich habe ab 2018 seine Produktion, „Afrika Afrika“ als Produzent übernommen, der Rotifer hat Heller`s Album, „Spätes Leuchten“ mitgeschrieben und co-produziert. Schöne G´schicht, netter Zufall. Jetzt müssten nur wie beide uns noch kennenlernen. Ich habe  zumindest schon mal in seine neue Platte mit dem schönen Namen „Radical Friendship Theory“ (Spinout Nuggets) reinhören dürfen.

Die dazugehörige Kapelle hört auf den gleichen Namen und versammelt einige Musik-Kollegen aus seiner Wahlheimat England, Deutschland und Österreich. Darunter sind u.a. post-Glam Veteran John Howard, das große junge Wiener Talent Leo Schlager alias The Zew, die lebende She-Punk-Legende Helen McCookerybook und der beliebteste singende Drummer der britischen Indie-Szene Ian Button zu hören. Geschrieben wurde das Werk aber eigentlich für seinen engen Freund Kenji, Ex-Sänger der deutschen Sunshine-Pop-Sensation Friedrich Sunglight. Jeder Song hat dabei quasi einen anderen Sänger/Sängerin, während der Rest auf den anderen Liedern im Chorus zu hören ist.

Es wird also vielstimmig Gesungen auf diesen eleganten Pop-Liedern, die stilistisch von Baroque Pop zu Psychedelia, Power Pop, Country Rock, Neo-Folk bis zu leisen Indie-Rock-Stücken reichen. Die Beatles sind präsent, The Divine Comedy, The High Llamas, The Go-Betweens, The New Pornographers, The Clientele und Louis Philippe, mit dem Rotifer eh schon kollabiert hatte. Man merkt, es handelt sich fast ausschließlich um „The-Bands“, die 60er und 70er sind also feste Bezugspunkte dieser melodiestarken Musiken. In Deutschland würde diese Platte wahrscheinlich bei Tapete Records erscheinen. Sehr fein!

Back To the Fifties!

Noch einen Schritt weiter zurück geht der Barde Pokey LaFarge. Man sieht das auch schon am Artwork seiner neuen Platte, „Rent Money“ (PIAS), dass hier bereits die 50er mega-präsent sind. Andrew Heissler gelingt es auch dieses Mal Swing-Jazz, Country-Blues, originären Rock`n`Roll und Ragtime mit Dub, Reggae, Boogie und gar etwas Funk zu verschmelzen. Markant dabei sind die üppigen Background-Chöre.

Der Musiker aus Illinois macht nun schon seit 20 Jahren sein Ding ohne sich auch nur einen Millimeter zu verbiegen und klingt dabei nahbar, fast kumpelhaft aber zugleich unheimlich cool. Und auch textlich sind es eher die kleinen Leute, der Mann auf der Straße, die Alltagssorgen und nicht der Weltfrieden, der ihn umtreibt. Ich denke, dass Ray Charles, Jimmy Reed und Little Richard prägende Vorbilder für ihn gewesen sein könnten, jetzt würde ich ihn in eine Liga mit J.D. McPherson, Charley Crockett, Shovels & Rope und Nathaniel Rateliff & The Night Sweats stellen. Kommt nächstes Jahr übrigens auf Tournee nach Deutschland, nahest Möglichkeit wäre leider immer noch recht weit: 21.03. Dresden, Beatpol. Lohnt sich aber wahrscheinlich.

Politik und Rock

In einem ganz anderem Zeitalter, nämlich der Zukunft tummelt sich eine Kapelle aus Portland, die quasi das amerikanische Gegenstück zu den fantastischen Besnard Lakes aus Kanada bilden. The Fourth Wall machen sich auf „Memories Of The Future“ (Devil Duck) Gedanken über unerfüllte Zukunftsträume, spekulieren über den Niedergang der Welt, über neue Kriege und Ölkrisen oder auch den DIY-Raketenbauer Mike Hughes, der sich die Unterstützung der Flat-Earth-Bewegung sicherte, um eine selbstgebaute Rakete zu konstruieren, die ihn Tausende von Fuß in die Luft befördern und ihn zur Grenze zwischen Erde und Weltraum bringen sollte. Im Jahr 2020 versagte seine selbstgebaute, dampfbetriebene Rakete und stürzte ab, was zu seinem vielbeachteten Tod führte.

Man kann schon Songs über die seltsamsten Dinge schreiben und das scheint in der DNA dieser vierten Wand festgeschrieben zu sein. Wem diese etwas verkopften Texte zu absonderlich erscheinen, kann sich ja auch nur an dem melodiösen Noise-Rock delektieren, der seine Spannung daraus zieht, eben nicht nur Noise, sondernd auch sehr viel vorgegaukelte Ruhe zu produzieren, die immer kurz vor der Explosion zu stehen scheint.

Dream-Pop- und Shoegaze-Rock-Elemente findet man hier auch zuhauf, Radiohead, Placebo und die Editors hatten sicherlich ebenfalls ihren Einfluss auf den Stil der Band. Diese Lieder machen sich nie klein, türmen sich vielmehr zu wuchtigen Song-Gebäuden gebaut aus mächtigen Synthesizer-Wolken und kantigen Gitarren-Eskapaden, zusammengehalten von einer wuchtigen Rhythmus-Sektion auf.

Ein Traumtänzer will er sein

Da zeigt Roger Sellers aka Bayonne schon etwas mehr Zurückhaltung, auch wenn er den Kopf gerne mal in den Wolken hat. Der Singer/Songwriter und Experimental-Popper aus Austin/Texas bedient auf „Filters“ (Nettwork) eher Feinsinnige mit seinem leicht somnambulen, verspieltem Traumtänzer-Pop. Ausgerechnet der Winter-Song, „January“ strahlt vor lauter beschwingter Lebensfreude. Das Klavier schlägt Purzelbäume, die Akustikgitarre schnurrt verträumt, Synthesizer surren im Background, dazwischen hüpfen und huschen diverse Perkussionsinstrumente hin & her, die Stimme hoch und klar, vom Apfelbaum aus gesungen.

Dabei soll das Album eines der Trauer über den verstorbenen Vater sein. Und ja, ein wenig melancholisch klingen diese sonnengefluteten Lieder durchaus, doch das Positive überwiegt. Hier sieht schon jemand klar ein helles Leuchten am Ende des Tunnels. Mir fallen hierzu als Vergleich die Solo-Alben von Jon Anderson ein, wobei Herr Sellers ein wenig geerdeter klingt und sich auch nicht ins absolute Falsett versteigt. Zum Träumen und Wohlfühlen!

Trotz Jazz den „Mercury Prize“ gewonnen!

Eher zum Tanzen lädt eine ganz andere Platte ein, aber erst nachdem man einer kurzen Erzählung der Schauspielerin Letitia Wright gelauscht hat. Danach gibt es viel Gebläse, der erste Song auf „Here Because of Hope“ (Partisan Records) heißt ja auch, „Blow Your Trumpet“. Diese Trompete zieht sich dann wie ein roter Faden durch die vierte Platte des bemerkenswerten Ezra Collective, die als erster Jazz-Act den „Mercury Prize“ gewann und anschließend mit dem BRIT Award als „Group of the Year“ ausgezeichnet wurde.

Der Preis geht voll in Ordnung, auch wenn hier genauso viel Soul- und Funk-Anteile dem Jazz beigemischt werden. An sich instrumentell unterwegs gibt es hier auch diverse Songs mit Gast-Vokalisten wie Pa Salieu, Lila Iké, Leona Lewis und Libianca zu hören. Eine Metamorphose aus Weather Report, Fela Kuti, den Crusaders und Earth, Wind & Fire.

Veritable Neuentdeckung

Zum Abschluss zurück auf die Veranda und in den Schaukelstuhl. Gegenüber sitzt der mir bis dato unbekannte Kevin Burt mit seiner Gitarre und einer Mundharmonika und erzählt seine (wahrscheinlich) selbst erlebten Geschichten über Liebe und Liebeskummer, Freude und Angst, Resilienz und Selbstwahrnehmung.

Dazwischen unterhalten wir uns ein wenig über das Leben an sich und dabei erfahre ich, dass der Gute bereits mit dem „Blues Music Award 2026“ ausgezeichnet wurde und diverse seiner Alben in den Top 10 der Blues Music Charts platzieren konnte. Sapperlot nochmals, wie konnte mir das nur entgehen?! „This Trip“ (Bertus) wird dort sicherlich auch landen, denn diese Stimme, dieser Stil klingt wie eine Mischung aus Bill Withers‘ warmer, sonorer Soul-Nonchalance, Aaron Nevilles souligem Timbre und einer raueren, erdigen Blues-Stimme à la Taj Mahal.