Simultaneum: Zukunftsmodell für die Kirchen in Weiden?

Simultaneum: Zukunftsmodell für die Kirchen in Weiden?
Gastbeitrag von Siegfried Bühner
„Wie geht es weiter, haben wir noch eine Chance als Kirche?“, fragte der Experte für Kirchengeschichte der Oberpfalz, Dr. Markus Lommer, am Ende seines Vortrags beim Freundeskreis Tutzing. Und er ergänzte: „Vielleicht können wir aus der Vergangenheit lernen.“ Welche Zeit er damit ansprach, konnte der Überschrift des Vortrags entnommen werden. „Von der Reformation über das Simultaneum zur Ökumene“, lautete diese. Eingeladen hatte der Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing. Drei historische Phasen der regionalen Kirchengeschichte wurden beschrieben.
Zunächst ging es um die Geschehnisse in der Zeit unmittelbar nach Reformationsbeginn im Jahre 1517. „Die Stadt Weiden war Vorreiterstadt der Reformation“, stellte Dr. Lommer fest. Schon im Jahre 1523 wurde der Lutherschüler Johannes Freisleben vom Stadtrat als Stadtprediger berufen. Unter anderem habe dieser dort die Schrift „Salve Regina“ als „Marienkult“ kritisiert und umgeschrieben.
Später sei es dann auch in Nabburg zwischen Freisleben und dem dortigen Pfarrer „während eines laufenden Gottesdienstes zum offenen Streit gekommen“, berichtete Dr. Lommer. Anders als Weiden sei Amberg erst 1543 per Stadtratsbeschluss zum evangelischen Glauben übergetreten. Dabei seien die Ideen der Reformation vor allem durch mündliche Überlieferungen in Predigten, auch in Wirts- und Badhäusern sowie auf dem Handelsweg „Goldene Straße“ verbreitet worden.
Simultaneum als Modell des friedlichen Zusammenlebens
Schließlich schilderte der Referent dann auch religiöse Konfliktsituationen in der Pfalzgrafenstadt Sulzbach – heute Sulzbach-Rosenberg – in diesen Jahren, unter anderem eine Strafe für die Teilnahme an einer Abendmahlsfeier in der Nachbargemeinde oder die körperliche Gewalt gegen einen evangelischen Kirchenmusiker.
Ausführlich thematisiert wurde dann im Vortrag das Simultaneum als „friedliches Zusammenleben der Religionen“. Es entstand gut einhundert Jahre nach dem Reformationsausbruch und beinhaltete gemeinsam von den örtlichen Religionsgemeinschaften genutzte Kirchen, Pfarr- und Friedhöfe sowie untereinander geteilte Gebäude und Grundstücke. Mit dem „Sulzbacher Simultaneum“ von 1652 hat Pfalzgraf Christian August ein wegweisendes Modell religiöser Toleranzpolitik im Fürstentum Pfalz-Sulzbach geschaffen, berichtete Dr. Lommer.
Das Fürstentum umfasste Regionen um die Städte Weiden, Amberg, Sulzbach bis Erbendorf, Flossenbürg und Vohenstrauß. Alle Glaubensrichtungen wurden geduldet. „Unsere Gegend hatte eine Vorreiterrolle in Europa“, betonte Dr. Lommer. Trotzdem sei es allerdings auch im Simultaneum zu kleineren Konflikten, zum Beispiel um Taufbecken, Altäre oder die Kirchenorgel, gekommen. „Aber hier gab es keine Hexenprozesse“, freute sich der Referent.
Ökumenische Perspektiven und heutige Relevanz
Bis Ende des 19. Jahrhunderts hätten die meisten Kirchen und Einrichtungen des Simultaneums Bestand gehabt. „Elf bestehen noch heute, zum Beispiel in Altenstadt bei Vohenstrauß und in Wildenreuth.“
Im „Förderverein Simultankirchen in der Oberpfalz“ und dem von diesem aufgebauten Simultankirchen-Radweg sieht Dr. Lommer ein „ganzheitliches Projekt, das die Konfessionen wieder zusammenführen soll“. Dies hält der Referent auch für notwendig, denn die Auflösung der Simultankirchen habe nur wenig zu einer ökumenischen Bewegung beigetragen. Deswegen konnten im Vortrag auch nur Einzelbeispiele ökumenischer Aktivitäten wie örtliche ökumenische Gottesdienste oder die gemeinsame Fronleichnamsprozession in Sulzbach-Rosenberg genannt werden.
Auf die Frage, wie es mit den Kirchen und auch mit deren finanziellen Problemen weitergehe, empfiehlt Dr. Lommer: „Wir müssen immer mehr über Brücken gehen. Vielleicht ist die Idee der Simultankirchen auch eine Idee für heute.“




