OTH Amberg-Weiden
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Tödlicher Champagner: Zeuge aus Niederlande kommt nicht - aber gibt Interview

Weiden. Der Champagner-Prozess läuft dieser Tage zäh. Niederländische Zeugen kommen nicht, Verhandlungstage verlaufen fast ergebnislos. Brisante Aussagen liefert ein Hauptbelastungszeuge anderswo: in der niederländischen Presse.

Weiden. Der Champagner-Prozess läuft dieser Tage zäh. Niederländische Zeugen kommen nicht, Verhandlungstage verlaufen fast ergebnislos. Brisante Aussagen liefert ein Hauptbelastungszeuge anderswo: in der niederländischen Presse.
In diesem Lager befanden sich die 20 präparierten Moet-Flaschen, ehe sie versehentlich in Umlauf gerieten. Screenshot

Tödlicher Champagner: Zeuge aus Niederlande kommt nicht - aber gibt Interview

Der Prozess um den tödlichen Champagner bereitet zurzeit wenig Vergnügen. Die Verhandlungstage beginnen spät. Oder sie enden früh. Oder es passiert gar nichts – wie am Freitag. Acht Zeugen aus den Niederlanden haben dem Landgericht einen Korb gegeben. Auch die zwei Hauptbelastungszeugen aus Arnheim bzw. Polen wollen nicht anreisen. Die Strafkammer organisiert derzeit ihre Vernehmung vor Ort in ihren jeweiligen Heimatländern.

Interessant, dass einer der beiden der niederländischen Regionalzeitung „De Stentor“ ein Interview gegeben hat. Patrick B., früherer Verwalter des Lagers „Multi Storage“ in Arnheim. Hier soll der Weidener Angeklagte Theo G. den Drogen-Champagner gelagert haben. Patrick B. stahl die Flaschen und verhökerte sie im Internet. Mit der Droge hat er wohl nichts zu tun. Im Interview sagt er: „Hätte ich vom Inhalt gewusst, hätte ich viel mehr dafür bekommen können als ein paar hundert Euro.“ Die sichergestellten Drei-Liter-Flaschen enthielten je 1000 Gramm MDMA-Base. Wert: fünfstellig.

Es war unglaublich. Plötzlich war mein Haus voller Polizisten. Sie hatten herausgefunden, dass ich die Champagnerflaschen online verkauft hatte.

Lager-Manager Patrick B.

Der Lagerverwalter war zunächst selbst verhaftet worden. „Es war unglaublich. Plötzlich war mein Haus voller Polizisten. Sie hatten herausgefunden, dass ich die Champagnerflaschen online verkauft hatte.“

Das „Multi Storage“ liegt auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei am Südufer des Rheins, der durch Arnheim fließt. Das Lager belegte nur einen Teil des abgelegenen Industriekomplexes, der inzwischen abgerissen wurde, um Platz für Wohnungen zu schaffen. Damals waren die Hallen ein Anziehungspunkt für Kriminelle. Im Juni 2020 stellte die Polizei in einem der Lagerhäuser Chemikalien und Ausrüstung für ein Drogenlabor sicher. 2021 kam es zu einer Razzia, bei der die niederländische Polizei 662 Kilogramm Crystal Meth fand.

Im Herbst 2019 soll hier eine Kiste mit 20 „Moet“-Flaschen, gefüllt mit MDMA, eingelagert worden sein. Wenn man groß genug ist, kann man von oben in die Lagerboxen gucken. Im Interview berichtet Patrick B., wie er entdeckte, dass einer der Räume illegal genutzt wurde. Auf einer Palette stand eine Kiste. Er hinterließ eine Nachricht an der Tür und forderte den Nutzer auf, die Box zu räumen. Nach sechs Monaten sei er dann selbst zur Tat geschritten.

Er holte die 20 versiegelten Champagner-Flaschen, ordentlich verpackt in Holzkisten, aus der Lagerbox. Die Zeitung zitiert ihn: „Ich habe sie verkauft, um die ausstehende Miete zu begleichen.“ Online habe er gesehen, dass für vergleichbare Jeroboams „Moet & Chandon Imperial Ice“ etwa 300 Euro verlangt werden. „So sind einige der Flaschen nach Deutschland gelangt.“ Der Käufer aus dem Landkreis Neustadt/WN zahlte auf eBay 322 Euro.

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„Ich habe ein Problem. Wie können wir das lösen?“ Mit diesem Foto reklamierte ein Käufer aus Amsterdam den dunkelroten „Champagner“ beim Verkäufer in Arnheim. Screenshot: De Stentor

Ich nahm die Flaschen zurück. Ich dachte der Inhalt sei verdorben und leerte die zehn Flaschen in die Toilette. Ich ahnte ja nicht, was noch kommen würde.“

Lager-Manager Patrick B.

Patrick B. handelte sich mit dem Verkauf durchaus Ärger ein. Zehn Flaschen hatte er an einen Spirituosen-Händler in Amsterdam verkauft. Dieser reklamierte sofort, als er beim Öffnen die rotbraune Flüssigkeit bemerkte. Der Lager-Verwalter nahm die Flaschen zurück. „Ich dachte der Inhalt sei verdorben und leerte die zehn Flaschen in die Toilette. Ich ahnte ja nicht, was noch kommen würde.“

Damit reduziert sich die Zahl der möglicherweise vergifteten Flaschen, die noch im Umlauf sind, auf zwei. Ursprünglich sollen 20 im Lager gewesen sein. Sechs Flaschen konnten Staatsanwaltschaft und Zoll in Weiden sicherstellen, von zweien weiß man, dass sie nicht mehr existieren. Nach dem Todesfall in Weiden hatte die Lebensmittelüberwachung in den Benelux-Staaten und Deutschland eine Warnung verbreitet. Sollten Flaschen dieser Chargen-Nummern auftauchen: Nicht trinken! Jeder Schluck kann tödlich sein.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz hatte 2022 vor Flaschen aus zwei bestimmten Chargen gewarnt. Dazu wurden zwei Locodes (LAJ7QAB6780004 und LAK5SAA6490005) veröffentlicht, die auf den Drei-Liter-Flaschen
Mit diesem Foto warnte der Verbraucherschutz in den Benelux-Staaten und Deutschland vor den MDMA-Champagnerflaschen. Foto: Bundesamt für Verbraucherschutz

Patrick B. kam damals nach wenigen Stunden wieder auf freien Fuß. Man glaubte ihm, nichts vom wahren Inhalt gewusst zu haben. Kurz darauf kam es zu einer weiteren Festnahme: Diesmal handelte es sich um den polnischen Staatsangehörigen Jacek G., der ebenfalls dem Umfeld des „Multi Storage“ zuzurechnen ist. Dieser Mann beschuldigte seinen Bekannten Theo G., im Lager nach „seinem Champagner“ gesucht zu haben.

Daraufhin erfolgte im Juni 2024 die dritte Festnahme: Festival-Veranstalter Theo G. aus Arnheim, der sich seit Dezember vor dem Landgericht Weiden verantworten muss. „Beifang“ der Festnahme: Im Haus fand die Polizei 17 Kilogramm Cannabis, 4.000 Joints und mehrere tausend Euro Bargeld.

17 Kilo Cannabis und 4.000 Joints: Auf Theo G. wartet in Niederlanden weiterer Prozess

Anfangs wurde der inzwischen 43-Jährige von einem niederländischen Anwalt vertreten, Arnout Schadd. Ja, sein Mandant, habe als Organisator von Musikfestivals weltweit Kontakt zu Drogen, räumte der Jurist ein. Aber er sei kein Dealer harter Drogen, so Schadd. Der Anwalt hält die Beschuldigung durch den Polen für einen Racheakt.

Wie die Zeitung „De Stentor“ schreibt, erwartet Theo G. nach dem Prozess in Weiden ein weiteres Verfahren in den Niederlande wegen der 17 Kilo Cannabis und der 4.000 Joints.

Ab Dienstag: Ermittler beider Länder im Zeugenstand

Am Montag, dem sechsten Verhandlungstag, saß überraschend dann doch noch ein ziviler Zeuge aus den Niederlanden auf dem Zeugen-Stuhl. Dabei handelte es sich um den früheren Besitzer des Geländes, auf dem das „Multi Storage“ stand. Seine Aussagen: wenig hilfreich. Die Verwaltung lag in den Händen von Mitarbeitern.

Er habe sich selbst wenig auf dem Gelände aufgehalten: „Ich weiß nicht mal, ob ich einen Schlüssel hatte.“ Den Angeklagten habe er dort nie gesehen. Lagerverwalter Patrick B. kennt er indessen sehr gut. Dieser habe sich auf dem Gelände um alles gekümmert. „Er kann alles. Wenn wir ein Problem hatten, hat er es gelöst. Er war sieben Tage die Woche vor Ort.“

Für nächste Woche sind wieder Niederländer geladen: Diesmal sind die Aussichten gut, dass sie auch wirklich alle kommen. Es handelt sich um Ermittler aus Kerkrade und Arnheim. Bei der Fortsetzung am morgigen Dienstag, 20. Januar, werden ab 11 Uhr Beamte der Polizei Weiden angehört.