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Tödlicher Champagner: Zeuge aus Niederlande kommt nicht - aber gibt Interview

Weiden. Der Champagner-Prozess läuft dieser Tage zäh. Niederländische Zeugen kommen nicht, Verhandlungstage verlaufen fast ergebnislos. Brisante Aussagen liefert ein Hauptbelastungszeuge anderswo: in der niederländischen Presse.

Weiden. Der Champagner-Prozess läuft dieser Tage zäh. Niederländische Zeugen kommen nicht, Verhandlungstage verlaufen fast ergebnislos. Brisante Aussagen liefert ein Hauptbelastungszeuge anderswo: in der niederländischen Presse.
In diesem Lager im niederländischen Arnheim befanden sich die 20 präparierten Moet-Flaschen, ehe sie versehentlich in Umlauf gerieten. Screenshot

Tödlicher Champagner: Zeuge aus Niederlande kommt nicht - aber gibt Interview

Der Prozess um den tödlichen Champagner bereitet zurzeit wenig Vergnügen. Die Verhandlungstage beginnen spät. Oder sie enden früh. Oder es passiert gar nichts – wie am Freitag. Acht Zeugen aus den Niederlanden haben dem Landgericht in den letzten Tagen einen Korb gegeben. Auch der Hauptbelastungszeuge will nicht anreisen: Patrick B., Verwalter des Lagers, der die Flaschen erst in Umlauf brachte.

Die 1. große Strafkammer organisiert derzeit per Rechtshilfe seine Vernehmung in den Niederlanden, voraussichtlich im März. In seinem Heimatland hat der Mann der niederländischen Regionalzeitung „De Stentor“ schon im Dezember ein Interview gegeben. Er packt darin bereitwillig aus.

In seinem Lager – dem „Multi Storage Arnhem“ – soll der Weidener Angeklagte Theo G. den Drogen-Champagner deponiert haben. Patrick B. klaute die Flaschen und verhökerte sie im Internet – ohne vom tatsächlichen Inhalt zu ahnen. Er sagt: „Hätte ich vom Inhalt gewusst, hätte ich viel mehr dafür bekommen können als die paar hundert Euro.“ Der Wert der sichergestellten Drei-Liter-Flaschen war fünfstellig. Jede enthielt fast 1000 Gramm MDMA-Base, den Wirkstoff von Ecstasy.

Es war unglaublich. Plötzlich war mein Haus voller Polizisten. Sie hatten herausgefunden, dass ich die Champagnerflaschen online verkauft hatte.

Lager-Manager Patrick B.

Der Lagerverwalter war nach dem Todesfall in Weiden (13. Februar 2022) im August 2023 zunächst selbst verhaftet worden. „Es war unglaublich. Plötzlich war mein Haus voller Polizisten. Sie hatten herausgefunden, dass ich die Champagnerflaschen online verkauft hatte.“ Der Zugriff erfolgte aufgrund der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Zollfahnder aus Weiden.

Das „Multi Storage“ liegt auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei am Südufer des Rheins, der durch Arnheim fließt. Inzwischen sind die Hallen abgerissen. Damals waren sie Anziehungspunkt für Kriminelle. In der Vergangenheit kam es zu spektakulären Aufgriffen: Im Juni 2020 stellte die Polizei in einem der Lagerhäuser die Ausrüstung für ein chemisches Drogenlabor sicher. 2021 kam es zu einer Razzia, bei der die niederländische Polizei 662 Kilogramm Crystal fand. Selbst in den Niederlanden ist das viel.

Insgesamt waren es 20 Flaschen

Und genau hier, auf dieser Halbinsel im Rhein, sollen 2019 die 20 „Moet“-Flaschen, gefüllt mit MDMA-Base, eingelagert worden sein. Die Lagerboxen kann man mieten. Wer groß genug ist, kann von oben in die Verschläge gucken. Im Interview berichtet Patrick B., wie er entdeckte, dass einer der Räume illegal genutzt wurde. Auf einer Palette stand eine Kiste. Er habe eine Nachricht an der Tür mit der Bitte auf Räumung hinterlassen. Als nichts geschah, sei er sechs Monate später selbst zur Tat geschritten.

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Er holte die 20 versiegelten Champagner-Flaschen, ordentlich verpackt in Holzkisten, aus der Lagerbox. Die Zeitung zitiert ihn: „Ich habe sie verkauft, um die ausstehende Miete zu begleichen.“ Online habe er gesehen, dass für vergleichbare Doppel-Magnums „Moet & Chandon Imperial Ice“ etwa 300 Euro verlangt werden. „So sind einige der Flaschen nach Deutschland gelangt.“

Patrick B. handelte sich dabei durchaus Ärger ein. Zehn Flaschen hatte er an einen Spirituosen-Händler in Amsterdam verkauft. Dieser reklamierte sofort, als er beim Öffnen die rotbraune Flüssigkeit bemerkte. Der Lager-Verwalter nahm die Flaschen zurück. „Ich dachte der Inhalt sei verdorben und leerte die zehn Flaschen in die Toilette. Ich ahnte ja nicht, was noch kommen würde.“

„Ich habe ein Problem. Wie können wir das lösen?“ Mit diesem Foto reklamierte ein Käufer aus Amsterdam den dunkelroten „Champagner“ beim Verkäufer in Arnheim. Screenshot: De Stentor

Ich nahm die Flaschen zurück. Ich dachte der Inhalt sei verdorben und leerte die zehn Flaschen in die Toilette. Ich ahnte ja nicht, was noch kommen würde.“

Lager-Manager Patrick B.

Damit reduziert sich die Zahl der möglicherweise vergifteten Flaschen, die noch im Umlauf sind, auf zwei. Ursprünglich sollen 20 im Lager gewesen sein. Sechs Flaschen konnten Staatsanwaltschaft und Zoll in Weiden sicherstellen, von zweien weiß man, dass sie nicht mehr existieren.

Erst nach dem Todesfall in Weiden hatte die Lebensmittelüberwachung in den Benelux-Staaten und Deutschland eine Warnung verbreitet. Sollten Flaschen dieser Chargen-Nummern auftauchen: Nicht trinken! Jeder Schluck kann tödlich sein.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz hatte 2022 vor Flaschen aus zwei bestimmten Chargen gewarnt. Dazu wurden zwei Locodes (LAJ7QAB6780004 und LAK5SAA6490005) veröffentlicht, die auf den Drei-Liter-Flaschen
Mit diesem Foto warnte der Verbraucherschutz in den Benelux-Staaten und Deutschland vor den MDMA-Champagnerflaschen. Foto: Bundesamt für Verbraucherschutz

Patrick B. kam im Sommer 2023 nach wenigen Stunden wieder auf freien Fuß. Man glaubte ihm. Kurz darauf kam es zu einer weiteren Festnahme: Diesmal handelte es sich um den polnischen Staatsangehörigen Jacek G., der ebenfalls dem Umfeld des „Multi Storage“ zuzurechnen ist. Dieser Mann beschuldigte Theo G.

Daraufhin erfolgte im Juni 2024 die dritte Festnahme: von Theo G. In seinem Haus in Arnheim fand die Polizei 17 Kilogramm Cannabis, 4.000 Joints und mehrere tausend Euro Bargeld.

17 Kilo Cannabis und 4.000 Joints: Auf Theo G. wartet in Niederlanden weiterer Prozess

Anfangs wurde der inzwischen 46-Jährige von einem niederländischen Anwalt vertreten, Arnout Schadd. Dieser räumte ein, dass sein Mandant als Organisator von Musikfestivals Kontakt zu Drogen hatte. Aber er sei kein Dealer harter Drogen, so Schadd. Der Anwalt hält die Beschuldigung durch den Polen für einen Racheakt.

Wie die Zeitung „De Stentor“ schreibt, erwartet Theo G. nach dem Prozess in Weiden ein weiteres Verfahren in den Niederlanden wegen der 17 Kilo Cannabis und der 4.000 Joints.

Ab Dienstag: Ermittler beider Länder im Zeugenstand

Am Montag, dem siebten Verhandlungstag, saß überraschend dann doch ein ziviler Zeuge aus den Niederlanden vor der Strafkammer. Dabei handelte es sich um den früheren Besitzer (55) des „Multi Storage“, inzwischen in der Schweiz wohnhaft.

Seine Aussagen: wenig hilfreich. Die Verwaltung lag in den Händen von Mitarbeitern. Er habe sich selbst wenig auf dem Gelände aufgehalten: „Ich weiß nicht mal, ob ich einen Schlüssel hatte.“ Den Angeklagten habe er dort nie gesehen. In seinem ganzen Leben habe er zusammengezählt allenfalls zwei Stunden mit ihm gesprochen.

Den Lagerverwalter Patrick B. kennt er indessen sehr gut, sogar schon dessen Vater. Patrick B. habe sich auf dem Gelände um alles gekümmert. „Er kann alles. Wenn wir ein Problem hatten, hat er es gelöst. Er war sieben Tage die Woche vor Ort.“ Aber: Der Lager-Manager sei auch ein „notorischer Lügner“, durchaus mit Kontakt zum Drogenmilieu.

Fortsetzung: Dienstag, 11 Uhr – jetzt mit Ermittlern

Für nächste Woche sind wieder Niederländer geladen: Diesmal sind die Aussichten gut, dass auch wirklich alle kommen. Es handelt sich um Ermittler aus Kerkrade und Arnheim. Bei der Fortsetzung am morgigen Dienstag, 20. Januar, werden ab 11 Uhr Beamte der Polizei Weiden angehört.