Tillyschanz – Geschichte eines Eslarner Grenzortes

Tillyschanz – Geschichte eines Eslarner Grenzortes
Die Tillyschanz ist heute ein kleiner Ortsteil des Marktes Eslarn im Landkreis Neustadt/WN. Unmittelbar an der Grenze zu Böhmen beziehungsweise dem heutigen Tschechien gelegen, ist der Ort untrennbar mit einer wechselvollen Geschichte verbunden. Der Name Tillyschanz erinnert an den Dreißigjährigen Krieg, an den Feldherrn Johann T’Serclaes von Tilly und an eine alte Grenzbefestigung, deren Reste noch heute im Gelände sichtbar sind. Doch die Geschichte der Tillyschanz beginnt bereits vor Tillys Auftreten in dieser Gegend.
Grenzbefestigungen entstehen ab 1611
Bereits im Jahr 1605 werden Befestigungen an der Grenze bei Eslarn erwähnt. Die eigentliche Schanzanlage entstand jedoch im Jahr 1611. Auf Befehl der Amberger Regierung sollten bei Waidhaus und Eslarn Bodenschanzen errichtet werden, um die Grenze gegen mögliche Einfälle aus Böhmen zu sichern. Die politische und konfessionelle Lage hatte sich damals erheblich zugespitzt. Die Grenzbefestigungen sollten einen wichtigen Übergang schützen und einen möglichen Angriff auf die Oberpfalz erschweren.
Der Bau der Eslarner Schanze begann am 18. März 1611 beiderseits der ehemaligen Straße nach Eisendorf. Für die Arbeiten wurden Untertanen aus den Ämtern Eslarn, Waidhaus, Moosbach und Burgtreswitz zum sogenannten Landesscharwerk herangezogen. Durchschnittlich etwa 48 Männer waren gleichzeitig mit den Erdarbeiten beschäftigt. Die Arbeiter wechselten nach jeweils sechs Arbeitstagen, während der Sonntag als Ruhe- und Feiertag galt. Nach elf Arbeitswochen war das Sperrwerk am 1. Juni 1611 fertiggestellt. Die Befestigung wurde zunächst von einem sogenannten „Ausschuss“, einer Art Miliz oder Volkswehr, besetzt.
Aufbau und Zustand der frühen Schanzanlage
Nach neueren Forschungen bestand die ursprüngliche Grenzbefestigung im Wesentlichen aus einem umwallten Quadrat mit einem vorgelagerten Graben. Damit entstand eine militärische Anlage, die den wichtigen Grenzpass bei Eslarn kontrollieren sollte. Heute sind allerdings nur noch Teile der Befestigung erhalten. Vor allem der spätere Straßen- und Häuserbau zerstörte größere Bereiche der ursprünglichen Anlage. Die noch sichtbaren Wälle und Gräben vermitteln dennoch einen Eindruck von der Ausdehnung und Bedeutung des einstigen Sperrwerks.
Eine entscheidende Veränderung brachte der Dreißigjährige Krieg. Nach dem Tod Kaiser Matthias’ im Jahr 1619 verschärfte sich der Konflikt zwischen den böhmischen Aufständischen und den kaiserlichen beziehungsweise katholischen Kräften. 1620 wurden die Grenzbefestigungen wieder stärker in Anspruch genommen und teilweise instand gesetzt. Auch bei Eslarn wurden die Schanzen vermutlich wiederhergestellt. Zusätzlich sicherte man die Grenzpässe durch sogenannte „Verhaue“. Dabei wurden Bäume in Reichhöhe gefällt und so über den Boden gelegt, dass ein Durchkommen feindlicher Truppen erschwert wurde.
Militärische Auseinandersetzungen im Jahr 1621
Im Sommer 1621 rückte das Gebiet um Eslarn, Waidhaus und Roßhaupt in den Mittelpunkt der militärischen Auseinandersetzungen. Hier standen sich die Truppen des katholischen Feldherrn Johann T’Serclaes von Tilly und die Kräfte des Grafen Ernst von Mansfeld gegenüber. Die Kämpfe dauerten über mehrere Monate. In diesem Zusammenhang gewann auch die Eslarner Grenzbefestigung eine größere militärische Bedeutung.
Nach den Überlieferungen und den in den Unterlagen wiedergegebenen Forschungen ist es äußerst wahrscheinlich, dass die Befestigung bei Eslarn während der Kämpfe des Jahres 1621 tiefgreifend verändert und verstärkt wurde. Möglicherweise geschah dies auf Betreiben Tillys, der in diesem erbitterten Stellungskrieg seine Flanken sichern wollte. Gerade diese Verbindung zwischen der bereits bestehenden Schanze und dem Feldherrn Tilly wurde für die spätere Namensgebung entscheidend.
Namensgebung: Von der Schanz zur Tillyschanz
Damit ist eine wichtige Tatsache für die Geschichte des Namens festzuhalten: Die Schanze wurde nicht von Tilly erbaut. Sie war bereits zehn Jahre vor seinem Auftreten in der Region vorhanden. Erst die militärische Nutzung und der Ausbau im Jahr 1621 führten dazu, dass die Befestigung dauerhaft mit seinem Namen verbunden wurde. Aus der ursprünglichen „Schanz“ wurde im Laufe der Zeit die „Tillyschanz“ beziehungsweise „Tillyschanze“.
Der Name setzt sich somit aus dem Namen des Feldherrn Tilly und dem Begriff „Schanz“ zusammen. Eine Schanze bezeichnet eine militärische Feldbefestigung aus Erdwällen und Gräben. „Tillyschanz“ kann deshalb sinngemäß als die mit Tilly verbundene Schanze verstanden werden. Der Name erinnert nicht an den Erbauer der ursprünglichen Anlage, sondern an jene Phase ihrer Geschichte, in der Tilly sie während des Dreißigjährigen Krieges nutzte und vermutlich ausbauen ließ.
Forschungsergebnisse von Staniczek und Kerscher
Für die historische Einordnung der Tillyschanz sind die Arbeiten des Kreisheimatpflegers Peter Staniczek von besonderer Bedeutung. Staniczek beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte Eslarns und insbesondere mit den Tillygräben. In seinen Ausführungen verweist er auf die neueren Forschungen des Diplom-Ingenieurs Hermann Kerscher vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Kerscher fertigte einen archäologisch-topographischen Bestandsplan an und nahm damit das Bodendenkmal systematisch auf.
Kerscher kommt zu dem Ergebnis, dass die Tillyschanze wegen ihres komplexen Ausbaus, ihrer langen, wenn auch unterbrochenen Nutzungsdauer und ihrer Lage an einer der ältesten Grenzlinien Europas zu den interessanten und bedeutenden Denkmälern der Feldbefestigungen in Bayern gehört. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass noch weiterer Forschungsbedarf besteht und insbesondere neue Bild- und Kartenquellen zusätzliche Erkenntnisse bringen könnten.
Denkmalschutz und Bedeutung für die Region
Staniczek betont darüber hinaus die grundsätzliche Bedeutung historischer Denkmäler. Sie sind Zeugnisse menschlichen Handelns aus vergangenen Zeiten und besitzen aufgrund ihrer geschichtlichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung einen Wert für die Allgemeinheit. Die Tillyschanze ist deshalb nicht lediglich ein Erdwall im Wald, sondern ein sichtbares Zeugnis der politischen und militärischen Geschichte der Oberpfalz.
Die militärische Bedeutung der Anlage endete auch nicht unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg. In den Jahren 1639 bis 1647 kam es erneut zu Auseinandersetzungen zwischen kaiserlichen und schwedischen Truppen. Auch die Schanze von Eslarn wurde in dieser Zeit wieder befestigt und besetzt. Die Grenzbefestigung war damit über längere Zeit Teil eines militärisch wichtigen Grenzraumes.
Zivile Ansiedlung seit dem 19. Jahrhundert
Erst Jahrhunderte später entwickelte sich neben der historischen Befestigung eine dauerhafte zivile Ansiedlung. Im 19. Jahrhundert wurde die Gegend zunächst einfach „Schanz“ genannt. Das erste Gebäude war ein Zollamt. Als erster Ansiedler wird für das Jahr 1863 die Familie Schüffl genannt. Weitere Familien folgten. Damit entstand aus dem früheren militärischen Grenzplatz nach und nach ein kleiner Weiler.
Auch wirtschaftlich gewann Tillyschanz an Bedeutung. Vor allem der Handel mit Holz aus Böhmen spielte eine wichtige Rolle. Noch vor der Jahrhundertwende entstand ein Gasthaus, das den Namen „Tillyschanze“ trug. Ein Dampfsägewerk verarbeitete aus Böhmen eingeführtes Stammholz auf bayerischem Boden. Dadurch entwickelte sich die kleine Grenzansiedlung zeitweise zu einem wirtschaftlich bedeutenden Platz. Die Beschäftigten des Sägewerks sorgten auch für eine Belebung des örtlichen Gastwirtschaftsbetriebs.
Grenzlage im 20. Jahrhundert
1913 bestand Tillyschanz aus drei Häusern mit 19 Einwohnern und gehörte zu Eslarn. Trotz seiner geringen Größe blieb der Ort wegen seiner Grenzlage von überregionalen Entwicklungen betroffen. Nach der Eingliederung des Sudetenlandes in das Deutsche Reich im Jahr 1938 verlor Tillyschanz vorübergehend seine unmittelbare Grenzlage. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Grenze erneut zu einem bestimmenden Faktor. Der Grenzübergang wurde geschlossen, und während des Eisernen Vorhangs war der Verkehr zwischen Eslarn und dem benachbarten Böhmen weitgehend unterbrochen.
Mit der politischen Wende von 1989 in der Tschechoslowakei änderte sich die Situation grundlegend. 1990 konnten wieder Menschen über die Grenze gehen. Am 1. Juli 1991 wurde der Grenzübergang Tillyschanz wieder geöffnet, zunächst allerdings nur eingeschränkt. Schließlich fielen mit dem Beitritt Tschechiens zum Schengen-Raum in der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember 2007 die Grenzkontrollen weg.
Heute: Vom Sperrwerk zur Verbindung
Heute ist Tillyschanz damit nicht mehr der abgeschlossene Grenzraum früherer Jahrzehnte. Die alten Wälle und Gräben der Schanze liegen als Bodendenkmal im Wald und erinnern an eine Zeit, in der die Grenze militärisch gesichert werden musste. Der heutige Ortsteil steht zugleich für eine völlig andere Entwicklung: Aus einem militärischen Sperrwerk wurde ein Grenz- und Zollort, aus der Grenze eine Verbindung zwischen Bayern und Böhmen.
Die Geschichte von Tillyschanz zeigt somit einen bemerkenswerten Wandel über mehr als vier Jahrhunderte. Die Anlage entstand 1611 aus den politischen und militärischen Sorgen ihrer Zeit. 1621 wurde sie im Zusammenhang mit Tillys Feldzug verändert und erhielt dadurch ihren historischen Namen. Im 19. Jahrhundert entstand die zivile Ansiedlung, die zunächst „Schanz“ und später „Tillyschanz“ genannt wurde. Zoll, Handel, Sägewerk und Grenzverkehr prägten anschließend das Leben der Bewohner. Heute sind es vor allem die erhaltenen Erdwerke und die historischen Überlieferungen, die an diese Vergangenheit erinnern.
Historische Bedeutung bleibt sichtbar
Gerade die von Peter Staniczek hervorgehobene Bedeutung des Bodendenkmals macht deutlich, dass Tillyschanz weit mehr ist als ein kleiner Eslarner Ortsteil. Die erhaltenen Reste der Befestigung verbinden die Geschichte Eslarns mit der Geschichte der Oberpfalz, Böhmens und des Dreißigjährigen Krieges. Der Name Tillyschanz bewahrt dabei bis heute die Erinnerung an jene entscheidenden Ereignisse des Jahres 1621, auch wenn die eigentliche Schanze bereits zehn Jahre zuvor errichtet worden war.
Wenn Du OberpfalzECHO als bevorzugte Quelle hinterlegst, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für Dich auf.
Füge jetzt OberpfalzECHO Deinen Quellen hinzu!










