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Wäij ma da Schnoowl gwachsn is – Martin Stangl präsentiert Wörterbuch bei Literaturtagen

Weiden. Bei den 38. Weidener Literaturtagen stellte Buchhändler und Autor Martin Stangl in der Almhüttn sein Wörterbuch „Wäij ma da Schnoowl gwachsn is“ vor und zeigte, wie lebendig und vielschichtig der Oberpfälzer Dialekt ist.

Weiden. Bei den 38. Weidener Literaturtagen stellte Buchhändler und Autor Martin Stangl in der Almhüttn sein Wörterbuch „Wäij ma da Schnoowl gwachsn is“ vor und zeigte, wie lebendig und vielschichtig der Oberpfälzer Dialekt ist.
Autor Martin Stangl präsentiert sein Dialektwörterbuch. Foto: Reinhard Kreuzer

Wäij ma da Schnoowl gwachsn is – Martin Stangl präsentiert Wörterbuch bei Literaturtagen

Seine Liebe zur Oberpfalz brachte der Buchhändler und Autor Martin Stangl erneut zum Ausdruck, diesmal mit seinem Wörterbuch „Wäij ma da Schnoowl gwachsn is“. Im Rahmen der 38. Weidener Literaturtage stellte der „Bouchdaandlara“ in dritter Generation sein Werk in der Almhüttn vor. Der Saal war auf Einladung des Heimatrings Weiden voll besetzt. Oberpfälzer Dialektschmankerl, Erstaunliches und Humorvolles waren zu hören, manches war selbst für Einheimische neu.

Begrüßung und Einordnung

Vorsitzender Heiner Vierling begrüßte den Gast gemeinsam mit Petra Vorsatz, der ehemaligen Kulturamtsleiterin, den Verbindungsstadträtinnen Gabi Laurich und Stefanie Sperrer sowie Ruth Neumann von der Regionalbibliothek, die für die Literaturtage verantwortlich ist. Neumann erinnerte daran, dass bewusst auch Autoren aus der Region in die Reihe eingebunden werden. „Der Dialekt bringt dabei immer ganz eigene Facetten hervor“, sagte sie. Stangl sei 40 Jahre Buchhändler gewesen, habe einen Verlag gegründet und bereits mehrere Bücher über die Oberpfalz veröffentlicht.

Dialektwort des Jahres

Gleich zu Beginn fragte der Autor ins Publikum, wie das Dialektwort des Jahres lautet. Die Antwort: „Uiala“ – ein Ausdruck aus der Reihe der -la-Wörter wie sodala, auala oder huschala, der Überraschung oder Schrecken ausdrückt. Vorgestellt wurde das Wort kürzlich von Bezirkstagspräsident Franz Löffler. Auf die Nachfrage nach dem Vorjahreswort kam prompt der Zuruf „miechad“ – abgeleitet von „mögen“.

Die Vielschichtigkeit des Dialekts stellte Stangl immer wieder heraus. Selbst im ländlichen Raum könne ein Wort unterschiedliche Bedeutungen haben, in größeren Städten werde es noch komplexer. Ein Beispiel aus seinem Berufsleben: „Bouchdaandlara“, also ein Händler für preiswerte oder gebrauchte Waren, wird in anderen Regionen als „Tandler“ bezeichnet.

Auch im Privaten beschäftigt ihn Sprache. Mit seinen drei Enkelkindern, die in der Schweiz, in Dortmund und in Erlangen leben, spricht er über deren Dialekte. Den fränkischen Dialekt bezeichnete er als besonders melodisch. Nach seiner Schulzeit im Augustiner-Gymnasium absolvierte Stangl seine Lehre in Regensburg und kam auf seinen Wanderjahren unter anderem nach Passau, wo er Ausdrücke wie „drentn“ oder „herentn“ kennenlernte. Schließlich kam er nach Weiden und führte dort die Buchhandlung Stangl und Taubald.

Feine Unterschiede in der Aussprache

Als Oberpfälzer stellte er auch die Frage ins Publikum: „Hamma an Breisn da?“ – eine rhetorische Frage, denn niemand meldete sich. Übersetzungen waren somit nicht nötig. Er selbst hatte anfangs Schwierigkeiten mit dem Dialekt. Als „Schdoodara“ verstand er in der Seminarklasse des Augustiner-Gymnasiums zunächst wenig. Erst mit der Zeit erschlossen sich ihm die feinen Unterschiede der Aussprache. Ein vermeintliches Kompliment wie „Dea schaut wäist aas“ wurde dabei nicht immer richtig verstanden.

Grammer Solar
Grammer Solar

In den 1970er- und 1980er-Jahren war Dialekt an Schulen wenig erwünscht. „Red doch ned so gschert dahea!“, lautete damals die Ermahnung. Heute ist der Wert des Dialekts anerkannt: Im Lehrplan wird er ab der achten Jahrgangsstufe behandelt, in der neunten Klasse vertieft. „Das passiert wahrscheinlich eher am Pausenhof“, bemerkte Stangl augenzwinkernd.

Die Idee zu seinem Wörterbuch entstand spontan im Urlaub in Thailand. Am letzten Tag begann er mit den ersten Notizen, bereits am folgenden Tag zu Hause schrieb er die ersten 100 Wörter nieder. Heute bezeichnen manche Leser das Werk als „Duden der Oberpfalz“.

Dialekt war wie eine Haut

Beim Zusammentragen reifte für Stangl eine zentrale Erkenntnis: Dialekt sei wie eine Haut. Er habe Schrammen, könne rau oder geschmeidig sein, verändere sich, schütze und sei eng mit dem Inneren verbunden. Hochdeutsch dagegen gleiche einem Kleidungsstück – notwendig, aber austauschbar und mitunter einengend. Dialekt stifte Identität, Exklusivität und Zugehörigkeit. Diese Erfahrung machte er auch auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Dort traf er auf einen Wanderer, der ihn sofort anhand seiner Sprache einordnete: „I glaab du kumst aas da Wei’n – wou kummst nachad du hea?“ – „Aas Dirscharaad.“

Spaß an der Freid

Mit einem Augenzwinkern stellte Stangl die These auf, dass viele Fremdsprachen Lautanleihen aus dem Oberpfälzer Dialekt übernommen hätten. Er erinnerte dabei an den Kabarettisten Bruno Jonas, der die charakteristischen „ou“-Laute humorvoll kommentierte. Ein Beispiel: „A Bou mou dou, wos a Bou dou mou!“ Aus dem Vorwort zitierte er einen bekannten Kalauer: „Da vorne gibt’s Freibier!“ – worauf der Oberpfälzer fragt: „Wou, wou?“

Sprachwissenschaftliche Einordnung

Sprachwissenschaftlich gehört das Nordbairische zur Oberpfalz und angrenzenden Regionen. Charakteristisch sind die sogenannten gestürzten Diphthonge wie „äj“ und „ou“, etwa in „Bräjf“ (Brief) oder „Woud“ (Wut). Auch Herkunft und Wandel von Wörtern wurden thematisiert. Begriffe wie „Dullaggn“ (Delle) oder „Baawalatschn“, eine instabile Konstruktion, stammen aus dem Sudetendeutschen.

Zum Abschluss widmete sich Stangl der Kulinarik – insbesondere der Kartoffel, in der Oberpfalz „Eadepfl“. Insgesamt 23 Begriffe führte er an, darunter „Doodsch“ (Reibekuchen), „Eadepflbräij“ (Kartoffelsuppe), „Eadepflgreiwa“ (geriebene Kartoffel) und „Eadepflschbouzn“ (Kartoffelknödel). Es folgten weitere Beispiele aus den Bereichen Gesundheit, Schimpfen, Fluchen und unterschiedliche Rauschzustände sowie dem Schwein, von „Dreegsau“ über „saubleed“ bis „Sauwedda“. Vieles war dem Publikum vertraut, manches sorgte für Heiterkeit, anderes wurde neu entdeckt. Der Autor rief zahlreiche Ausdrücke ins Gedächtnis zurück und hielt sie fest.

Und schließlich nannte er das wohl kürzeste und zugleich rätselhafteste Wort: „fei“. Jeder kennt es – doch niemand kann es genau erklären. Des is fei so.

Volles Haus bei der Lesung von Martin Stangl bei den Literaturtagen. Foto: Reinhard Kreuzer
Volles Haus bei der Lesung von Martin Stangl bei den Literaturtagen. Foto: Reinhard Kreuzer