Blick über den Tellerrand: Rund 150 Sechstklässler entdecken jüdisches Leben in Weiden

Blick über den Tellerrand: Rund 150 Sechstklässler entdecken jüdisches Leben in Weiden
Wie sieht eine Synagoge von innen aus? Welche Bedeutung haben die Torarollen? Und wie lebte die jüdische Gemeinde einst in Weiden? Antworten auf diese Fragen erhielten Schüler der Realschule Kemnath bei einer eindrucksvollen Exkursion in die Weidener Synagoge. Von Montag bis Mittwoch waren sieben sechste Klassen in Weiden zu Gast.
Exkursion der Realschule Kemnath in die Synagoge Weiden
Unter dem Leitgedanken „Religion findet nicht nur im Klassenzimmer statt“ machten sich die Jugendlichen im Juni 2026 gemeinsam mit ihren Lehrkräften der Fachschaften Religion und Ethik auf den Weg, um das im Unterricht erworbene Wissen über das Judentum durch persönliche Begegnungen und authentische Eindrücke zu vertiefen.
Vor Ort wurden die jungen Besucher von Werner Friedmann, Mitglied der jüdischen Gemeinde Weiden, herzlich empfangen. Mit großer Leidenschaft und zahlreichen anschaulichen Beispielen führte er die Schülerinnen und Schüler durch die Geschichte des jüdischen Lebens in Weiden und erläuterte die besondere Bedeutung des Synagogengebäudes.
Geschichte und Bedeutung der Synagoge in Weiden
Gebannt lauschten die Jugendlichen seinen Erzählungen über die jahrhundertelange Geschichte der jüdischen Gemeinde. Dabei verschwieg Friedmann auch die dunklen Kapitel nicht: Er berichtete von Judenfeindlichkeit und Antisemitismus sowie von den verheerenden Ereignissen der Reichspogromnacht im November 1938, die das jüdische Leben in Weiden nahezu vollständig zerstörten. Die eindringlichen Schilderungen machten deutlich, welche Folgen Ausgrenzung und Hass für Menschen haben können.
Doch nicht nur die Geschichte stand im Mittelpunkt. „Synagoge bedeutet Versammlungsort“, erklärte Friedmann seinen interessierten Zuhörern. Sie sei zugleich Gemeinde- und Gebetshaus und damit das religiöse Zentrum jüdischen Lebens. Auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Judentum und Christentum wurden thematisiert. Dabei ging Friedmann auf die Person Jesu ein, die beide Religionen miteinander verbindet, zugleich aber durch die unterschiedliche Messiasvorstellung voneinander trennt.
Torarollen und jüdische Praxis hautnah
Ein besonderes Highlight des Besuchs war die Besichtigung des Toraschreins. Mit großem Interesse betrachteten die Schülerinnen und Schüler die kunstvoll geschmückten Torarollen mit Mantel, Schild und Krone. Die wertvollen Schriftrollen gehören zu den wichtigsten Heiligtümern des Judentums und vermittelten den Kindern einen eindrucksvollen Einblick in jüdische Glaubenspraxis und Tradition.
Stolpersteine in Weiden: Gedenken im Stadtbild
Im Anschluss an den Besuch der Synagoge begaben sich die Schüler auf eine besondere Spurensuche durch die Weidener Innenstadt. Im Mittelpunkt standen einige der insgesamt 62 Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig in Weiden verlegt hat. Die kleinen Messingtafeln erinnern an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus entrechtet, verfolgt, deportiert und ermordet wurden.
An ausgewählten Stationen erhielten die Kinder bewegende Einblicke in die Schicksale jüdischer Familien aus Weiden. Die Führungen übernahmen Dr. Sebastian Schott (Leiter des Weidener Stadtmuseums und Stadtarchivs), Christine Ascherl (Autorin des Buches „Jüdische Familien – Geschichte hinter den Stolpersteinen in Weiden“) und Pfarrer Alfons Forster (Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit). Anschaulich und altersgerecht vermittelten die Referenten die persönlichen Geschichten der Familien, die die grausamen Folgen der nationalsozialistischen Verfolgung deutlich machten.
Schicksale, die bewegen
Besonders eindrucksvoll waren die Berichte über die Familien Kahn und Hutzler. In beiden Fällen überlebten lediglich die Väter den Holocaust, nachdem ihnen rechtzeitig die Flucht nach England gelungen war. Tief bewegt zeigte sich die Gruppe auch vom Schicksal der erst 13-jährigen Hannelore Kahn, die als jüngstes Holocaustopfer aus Weiden gilt.
Die Exkursion machte Geschichte für die Schülerinnen und Schüler unmittelbar erfahrbar. Vor Ort setzten sie sich mit den Folgen von Ausgrenzung, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit auseinander. Damit leistete der Unterrichtsgang einen wertvollen Beitrag zur Erinnerungsarbeit und zur Stärkung demokratischer Werte.
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