Festival als Territorium der Freiheit in Lwiw

Festival als Territorium der Freiheit in Lwiw
Das Faine Misto Festival findet seit 2013 statt. Mit Beginn der russischen Vollinvasion zog das Festival von Ternopil nach Lwiw um. Oleh, 28, arbeitet als einer der Manager im Pressezentrum des Festivals. Ihm zufolge werden in diesem Jahr rund 10.000 Besucher erwartet. An drei Tagen treten mehr als 51 Bands auf.
Sicherheit und Symbolik des Festivals
Austragungsort ist die Arena Lwiw, von der aus alle Festivalgäste innerhalb weniger Minuten einen Luftschutzbunker erreichen können. Schnell wird deutlich, dass Faine Misto weit mehr ist als ein Musikfestival. In einem Land im Krieg treffen hier Musik und Widerstand aufeinander.
Stimmen aus dem Festival: Medienvertreter und Soldaten
Zum Auftakt des Faine-Misto-Festivals ist es drückend heiß, die Sonne brennt auf das Festivalgelände. Neben der Musik bietet das diesjährige Festival auch Theateraufführungen, Dating-Events und zahlreiche weitere Programmpunkte.
Oleksandr, 43, gehört zu den akkreditierten Medienvertretern des diesjährigen Festivals. Zugleich dient er als Soldat der ukrainischen Streitkräfte. Was bedeutet es ihm, hier zu sein? „Für mich ist das Festival eine Gelegenheit, den Krieg für eine Weile zu vergessen und mental abzuschalten. Hier im Hinterland ist es friedlich, es fühlt sich an wie ein tiefes Durchatmen.“ Einmal im Jahr nimmt er seinen gesamten Jahresurlaub, nur um das Festival besuchen zu können.
Kulinarisches Team bewertet Festivalstände
Nur wenige Schritte entfernt sind Andrii, Yurii und Yurii auf einer vertrauten Mission unterwegs. Bereits zum sechsten Mal in Folge bilden sie das offizielle Food-Tasting-Team des Festivals und bewerten die Gerichte der Essensstände auf dem Gelände. Am Sonntag küren sie ihre drei Favoriten, die anschließend mit einer Auszeichnung geehrt werden. Nur wenige Stunden nach der Eröffnung haben die drei bereits Speisen von sechs Ständen probiert; einen klaren Favoriten haben sie jedoch noch nicht gefunden.
Zwischen Front und Alltag: Verantwortung der Yuriis
Im Alltag tragen beide Yuriis, beide 50 Jahre alt, Verantwortung, die kaum weiter vom Festivalgeschehen entfernt sein könnte. Einer von ihnen, erkennbar an seiner roten Mütze, begleitet Familien bei der Organisation militärischer Beerdigungen. Für diese Arbeit wurde er vom Präsidenten der Ukraine mit dem „Goldenen Herzen“, einer der höchsten zivilen Auszeichnungen des Landes, geehrt. Der andere Yurii, mit braunem Vollbart, dient als Soldat in der 42. Brigade der ukrainischen Streitkräfte. Nach drei Jahren ununterbrochenem Fronteinsatz befindet er sich derzeit für kurze Zeit zur Rehabilitation im Hinterland. Im Zivilleben arbeitet er als Hochzeitsmoderator und hat bereits mehr als 1000 Trauungen begleitet.
Weitergehen trotz Krieg: Andrii über die Haltung
Fühlt es sich angesichts ihrer verantwortungsvollen Aufgaben im Krieg seltsam an, hier Essen zu testen? Andrii antwortet stellvertretend für die Gruppe: „Nein. Wir machen einfach weiter.“ Auf die Frage, ob die ukrainische Gesellschaft die Folgen des Krieges erst wirklich begreifen werde, wenn er vorbei ist, hält er kurz inne, bevor er antwortet: „Ja, vielleicht.“
Hämatom in Lwiw: Auftritt und Emotionen
Hämatom ist eine von nur drei internationalen Bands, die in diesem Jahr beim Festival auftreten. Nur wenige Tage vor ihrem Konzert wurde Lwiw von einem verheerenden Raketenangriff getroffen. Daraufhin entschied sich die zweite Gitarristin der Band, Annika, nicht gemeinsam mit den anderen nach Lwiw zu reisen.
Vor der Bühne sorgt der Auftritt von Hämatom zunächst für pures Chaos, bevor der Song Lichterloh den Moment in einen emotionalen verwandelt. Das Publikum hebt seine leuchtenden Handys in die Höhe und liegt sich in den Armen. Nach dem letzten Song springt Gitarrist Jacek von der Bühne direkt ins Publikum. Für ihn bedeutet es viel, vor einem ukrainischen Publikum zu spielen: „Für die Zeit, in der wir auf der Bühne stehen, möchten wir, dass die Menschen, wenn auch nur für einen kurzen Moment, vergessen, was sie am nächsten Tag erwartet. Für uns mag das wie eine Kleinigkeit erscheinen, aber ich glaube, dass es ihnen sehr viel bedeutet.“
Klare Worte von Gitarrist Jacek
An seiner Haltung lässt Jacek keinen Zweifel. Gerade diese klare Position hat ihn jedoch auch zur Zielscheibe von Hasskommentaren im Internet gemacht. Wie geht er damit um? „Diese Kritik hat mich nie gestört, weil es für mich in dieser Frage keine Grauzone gibt. Es gibt viele Themen, bei denen Menschen unterschiedlicher Meinung sein können. Aber wenn es um die Ukraine geht, ist die Sache für mich schwarz oder weiß: Ein Land greift ein anderes an, und dieses Land ist Russland.“
Publikumsstimme: Alexa aus Saporischschja
Nach dem Auftritt ist es bereits dunkel, als sich Alexa, 23, ein Autogramm der Band holt. Sie hatte sich besonders darauf gefreut, Hämatom live zu sehen. „Ich habe eine großartige Show erwartet, und sie war kraftvoll und perfekt.“ Dass die blauhaarige Alexa aus der Region Saporischschja stammt und dort unter den schwierigsten Bedingungen des Krieges lebt, würde man ihr auf den ersten Blick nicht ansehen. „Zu Hause habe ich schon mehrmals Bomben vom Himmel fallen sehen.“ Trotzdem kommt es für sie nicht infrage, ihre Heimat zu verlassen: „Es ist mein Zuhause.“
Konzerte als Kraftquelle: Sängerin Helle von Ignea
Auch Helle, 34, Sängerin der ukrainischen Metalband Ignea, besucht das Festival als Gast. Mit ihrer Band stand sie bereits fünfmal auf den Bühnen des Faine Misto Festivals. Was bedeuten Festivals und Livekonzerte für die Menschen in der Ukraine während des Krieges? „Alle Konzerte sammeln Spenden für die Bedürfnisse der Ukraine. Es geht also nicht mehr nur um Unterhaltung, wie es vor dem Krieg der Fall war. Wir alle leben im Hier und Jetzt, weil wir nicht wissen, ob es ein Morgen geben wird. Das ist keine Romantisierung, sondern eine harte Realität, denn die Ukraine wird jeden Tag angegriffen. Gleichzeitig sind diese Konzerte Lichtstrahlen in der Dunkelheit unserer schwierigen Gegenwart. Sie geben uns die Kraft, weiterzukämpfen.“
Neue Musik: Ignea kündigt Tour an
Im November geht Ignea wieder auf Tour. Worauf dürfen sich die internationalen Fans besonders freuen? „Wir freuen uns riesig darauf, endlich wieder auf Tour zu gehen, primär mit unserem neuen Album Monumental, das am 23. Oktober erscheint. Im November werden wir diese Songs zum ersten Mal live spielen, und genau das macht diese Tour so besonders. Hoffentlich überleben wir bis dahin, dann sehen wir uns dort.“
Deutscher Besucher Hannes und sein Blick auf die Ukraine
Unter den Festivalbesuchern ist in diesem Jahr auch Hannes, 38, aus Deutschland. Wie kam es dazu, dass er zum Faine Misto Festival reiste? „2023 war ich zum ersten Mal auf dem Festival. Vor einiger Zeit habe ich die ukrainische Band Ignea entdeckt. Sie hat mir so gut gefallen, dass ich beschlossen habe, zum Festival zu fahren. Ich dachte mir: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Außerdem hört man so viel über den Krieg; ich wollte mir selbst ein Bild machen.“
Festivalerlebnis und Verbundenheit
In diesem Jahr verbringt er das Festival auf dem Campingplatz mit alten und neuen Freunden. Wie gefällt ihm das Festival? „Von allen Festivals, auf denen ich bisher war, ist Faine Misto das beste. „Hier kommen unterschiedlichste Musikgenres und Szenen zusammen. Auch die Verbindung zwischen Publikum und Bands ist beeindruckend.“
Ehrenamtlicher Einsatz nach dem Festival
Für seine Reise hat Hannes zwei Monate unbezahlten Urlaub genommen. Nach dem Festival fährt er weiter nach Tschernihiw, wo er sich bei der Organisation Repair Together ehrenamtlich engagieren wird. Die Initiative baut Häuser für Menschen, die ihr Zuhause durch den Krieg verloren haben.
Junge Musikerin Tamila und ihre Schwester
Tamila, 18, besucht das Faine Misto Festival zum ersten Mal. Die junge Musikerin stammt aus der Region Tschernihiw und träumt davon, eines Tages selbst auf den Bühnen des Festivals zu stehen. Ihre jüngere Schwester konnte in diesem Jahr nicht dabei sein. Deshalb verzichtete Tamila schweren Herzens auf den Auftritt von Hämatom und stellte sich stattdessen bei der Autogrammstunde der ukrainischen Band Zwyntar an, um ihrer Schwester ein Autogramm mitzubringen. „Ich glaube nicht, dass sie jemals erfahren wird, dass ich ihretwegen Hämatom verpasst habe“, sagt sie lächelnd.
Zum Abschluss: Das Territorium der Freiheit
Als sich das Festival dem Ende nähert, liegt die Sonne nicht mehr so drückend über dem Campingplatz. Im Hintergrund bereitet sich die ukrainische Band Anna auf ihren Auftritt vor. Da taucht Oleh, 48, ein großer Mann, am Zeltplatz von Hannes und Tamila auf. Hannes erzählt, dass Oleh jedes Jahr zehn Liter eines geheimnisvollen, selbst gemachten Getränks in großen Plastikflaschen zum Festival mitbringt. Niemand scheint genau zu wissen, was sich darin befindet; trotzdem trinken es alle.
Oleh sagt kaum ein Wort. Kurz bevor er weiterzieht, schenkt er jedem ein Glas ein. „Das hier ist das Territorium der Freiheit“, sagt er mit ernstem Blick. Das Getränk abzulehnen, kommt nicht infrage. Dann verschwindet er wieder in der Menge.
Wenn Du OberpfalzECHO als bevorzugte Quelle hinterlegst, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für Dich auf.
Füge jetzt OberpfalzECHO Deinen Quellen hinzu!









