Schobers Rock-Kolumne: Ausufernde Songs, große Geschichten und ein wenig Politik, James Ellis Ford

Schobers Rock-Kolumne: Ausufernde Songs, große Geschichten und ein wenig Politik, James Ellis Ford
Vor kurzem hatte ich folgende Anfrage an Oberpfälzer Bundestagsabgeordnete sämtlicher Parteien verschickt: „Der Rohölpreis hat wieder das Niveau von vor dem Krieg erreicht, die Preise an den Zapfsäulen kennen Sie. Warum wird hier nicht von politischere Seite aus Druck auf die Konzerne ausgeübt?
Eine Übergewinnsteuer ist meiner Meinung nach mehr als überfällig“ (Inzwischen hat Herr Trump wieder gezündelt, der Preis ging erneut hoch). Die AfD hatte binnen Stunden geantwortet, Ihr Lösungsvorschlag beschränkte sich in massiven Steuererleichterungen für Bürger. Auf Nachfrage, dass ich ja damit der Gewinn der Konzerne um keinen Cent verringern, die Einnahmen des Staates aber etwa auch für nötige Infrastrukturprojekte sinken würde gab es keine schlüssige Antwort. Eine Übergewinnsteuer wäre jedenfalls purer Sozialismus. Immerhin einen Tag später kam Post von der CDU/CSU. Denen ist das Problem wohl bewusst, eine Übergewinnsteuer wird auch hier abgelehnt, b.z.w. mehr als kritisch gesehen, wie man das Problem aus der Welt schaffen könnte, keine Ahnung.
Und die anderer Parteien? Haben bis dato nicht geantwortet! Was ja auch irgendwie symptomatisch für unsere Parteienlandschaft und Demokratie geworden ist: Die Rechten kümmern sich wenigsten irgendwie, geben zumindest Laut, wenn auch mit meist falschen Verkündigungen und Lösungsvorschlägen jenseits der Demokratie. Die rechte Mitte bemüht sich, dem Rest fällt nix konstruktives ein und/oder hat den Kontakt zu „seinen“ Bürgern verloren. Traurig, traurig.
Ich werde also weiterhin zum Wohlstand von Esso & Co. beitragen und mir zweimal überlegen, welche Neuerscheinungen ich mir noch leisten kann. Aber Mist, Vinyl wird ja auch irgendwie aus Öl gemacht, die Gauner verdienen also so oder so mit.
Ein Traum für Jam-Rock-Fans
Ich bin ja schon immer ein Fan von Live-Alben und Jam-Sessions gewesen. Ausufernde Songs waren schon immer das meine, nicht umsonst waren die frühen Genesis und Yes meine absoluten Helden. Etwas später, so Anfang des Studiums entdeckte ich dann die Grateful Dead -und wurde ein kleiner Dead-Head, also ein Jäger und Sammler, denn die Kapelle von der Westküste veröffentlichte ja neben ihren regulären Alben auch eine schier unübersehbare Anzahl an Live-Mitschnitten.
Davon stehen jetzt ein paar Meter bei mir rum und dazu wird sich in Kürze auch das neue Album von Warren Haynes, „Dreams & Songs“ (Bertus) gesellen. Was Haynes da zu suchen hat? Naja, der Mann spielte u.a. mit den Dead und besagtes Album ist ein Live-Mitschnitt, den er zusammen mit dem Asheville Symphony Orchestra eingespielt hat. Und dort gibt es neben Songs seiner Solo-Karriere, seiner Zeit mit Gov’t Mule eben auch Lieder von den Allman Brothers und den Dead zu bestaunen.
Das Groove-Monster „Whipping Post“ funktioniert komischerweise wirklich auch mit Orchester, die „Terrapin Station“, das einzige Stück der Dead, das wegen seines Orchester-Arrangements quasi nie live aufgeführt wurde ist hier zu finden und begeistert, auch wenn man den hymnischen Chor ein wenig vermisst. Gleiches gilt für die „Shakedown Street“, eines der funkigsten Stücke der Dead zu dem man auch mit Streichern und Bläser weiterhin ein Tänzchen wagen kann. Ach wie gerne wäre ich hier dabei gewesen!
Lieber vom Bauernhof
Mal auf einem Bauernhof in Cornwall bei den Sessions von Mojave 3 dabei gewesen zu sein, wäre sicherlich auch ein Erlebnis gewesen. Aber der Reihe nach: Es gab mal eine Kapelle namens Slowdive, die spielten so eine Art Slow-Core und waren Shoegaze-mäßig ganz groß unterwegs -leider wohl nicht erfolgreich genug, denn 1995 warf Creation Records die Band aus dem Katalog. Neil Halstead gönnte sich erst einmal eine längere Auszeit und tingelte durch den nahen Osten wo er zur akustischen Gitarre fand. Zusammen mit den ex-Slowdivern Rachel Goswell und Ian McCutcheon sowie Pianisten Christopher Andrews wurde dann Mojave 3 gegründet, da der neue Sound „irgendwie nach Wüste klang“.
Tut er nicht, aber im Gegensatz zu Slowdive startet man zunächst in der Tradition von Nick Drake, Fairport Covention und anderen britischen Folk-Pop-Kapellen, manchmal wie auf „Where Is The Love“ war auch der große Leonard Cohen verdammt nah. Die dazugehörige Platte hieß „Ask Me Tomorrow“. Beim Folgewerk, „Out Of Tune“ wären wir dann bei besagtem Gehöft angekommen, zwei weitere Musiker stießen dazu, man legte so eine Art britische The Band auf, Belle & Sebastian Produzent Tony Doogan wurde angeheuert, der Sound geriet üppiger, fröhlicher, durch Bläser oder Pedal Steel aufgepeppt. Zur Zerstreuung hörte man Lieder von Neil Young, Bob Dylan und Gram Parsons.
Mit „Excuses for Travellers“ und „Spoon and Rafter“ ging es zurück ins urbane London, denn dort wartete der Electronic-Künstlers Mark van Hoen auf die Band um dem Sound einen etwas moderneren Touch zu verpassen. Vor allem letztere Platte ist noch üppiger ausgestattet und erinnert in seiner Komplexität an die leicht psychedelischen Werke der Beach Boys oder Beatles. Beim Schwanengesang von „Puzzles Like You“ hört man schon leichte Auflösungserscheinungen. Es ist fast ein Solo-Album von Neil Halstead geworden, das Vergleiche zu The Shins oder Band Of Horses evoziert. Alle Alben -Eines schöner als das Andere- aus dem 4AD-Katalog wurden jetzt neu aufgelegt.
Ich hatte die „natürlich“ schon alle und bin ein wenig traurig, dass man nicht wie vor Jahren beim Crowded House Katalog eine Deluxe Edition im Schuber mit zusätzlichem Bonus-Material daraus gemacht hat. Anyway, wer diese verdammt gute Band noch nicht kennt, sollte jetzt endlich zuschlagen.
Ein Chamäleon
Man kennt Luke Temple als versierten Singer/Songwriter. Er veröffentlicht unter seinem Namen, als Teil einer Kapelle auch als Here We Go Magic und letztendlich auch untere dem Alias Art Feynman. Wer sein letztes Album, „Be Good the Crazy Boys“, wo er auf wunderbare Weise kosmische Musik, Worldbeat und Art-Pop mit treibendem Afrobeat und funkigen Rhythmen verband wie ich schätzte, wird sich bei dem Nachfolger, „Orphans“ (Cargo) erst einmal verwundert den Bart kraulen. Vogelgezwitscher, sphärische Synthis, eine eintönige Casio-Orgel und sonst -nichts.
Im nächste Song wird es zumindest rhythmisch, man bleibt streng digital. Den „Soup Song“ dominiert eine röhrende Orgel zu hüpfenden Perkussion, „Always In Need of Something“ könnte dann aus einer Session zu „My Life in the Bush of Ghosts“ von Eno & Byrne stammen. Im repetitiven, minimalistischen „Ice Bath New Beginning“ erklingt dann auch mal die brüchige Stimme unseres Protagonisten: „It slowed me down. That’s what I needed. For a new beginning.” Und ja, diese Platte ist wirklich ein Neuanfang. Ob mir der persönlich jetzt so dolle gefällt? „Orphans“ hat seine Reize, seinen ganz eigenen Stil, die doch eher leicht bekömmlicheren, flotten „Oldies“ des Herrn Temple mag ich aber doch bedeutend lieber.
Und jetzt mal Lieder aus dem Aquarium
Und auch die Platte „New Ways To Lose“ kann man schon alleine wegen seines Titels mögen. Die dazugehörige Combo, American Aquarium hat einen nicht weniger amüsanten Namen und liefert seit 20 Jahren jährlich eine Bestimmungsbeschreibung ihres Frontmannes BJ Barham als auch der amerikanischen Gesellschaft ab. In den aktuellen Songs behandelt er Themen wie den Niedergang der amerikanischen Kleinstadt („Dollar General“), die Sehnsucht nach echter Verbundenheit („Out There In The Dark“), die sozioökonomischen Trümmer verfassungswidriger Politik („History Repeats Itself“) und sogar die Verzweiflung über den Verlust eines geliebten Haustiers („Favorite Hello“).
Man hört, dass die Basic-Tracks live im Studio aufgenommen wurde. Anschließend hat man lediglich ein paar zusätzliche Bläser und einige Harmony-Vocals ergänzt. „Die neuen Arten zu verlieren“, werden wohl eher neue Freunde finden, sollten diese echte, in der Wolle gefärbte, hemdsärmelige Rock- und Americana-Songs lieben, wie sie auch Tom Petty, Bruce Springsteen, Jason Isbell, The Gaslight Anthem oder die Drive-By Truckers zum Besten geben. In den ruhigeren Momenten denkt man auch mal an Warren Zevon oder Zach Bryan.
Die Bergziege, das charmante Wesen
Es ist kaum zu glauben, aber die Bergziegen haben bereits ihr 25. Album veröffentlich! Ich befürchte, dass ich nicht mal die Hälfte davon mein Eigen nennen darf, dabei liefert John Darnielle mit wechselnden Mitstreitern unter dem Namen The Mountain Goats stets feine Alben ohne Ausfälle und mit erheblichen Widererkennungswert ab. Der neueste Wurf macht da keine Ausnahme und hört auf den schlichten Namen „Days“ (Thirty Tigers).
Sonderlich schlicht sind die Lieder des Herrn Darnielle natürlich auch hier nicht ausgefallen, wir hören eine Harfe, Bläser, üppige Background Vocals u.a. von Janis Siegal von The Manhattan Transfer und die schönsten, fröhlichsten, sanft dahin gallopierensten Melodien und lustige wie gescheite Geschichten dazu. „Party every day, rock`n`roll all night“ singt er in „Best Hard Rock Album 2013“ und natürlich sind wir meilenweit entfernt vom harten Rock, swingen dagegen zu einem lockern Shuffle. The Beautiful South sind da nah, ansonsten gibt es immer mal wieder Anklänge an Iron & Wine, The Weakerthans, Sufjan Stevens und natürlich The Decemberists. Die Welt wäre eine bessere, würden alle solche Lieder hören.
Lieder aus dem Krankenhaus
Schließen wir diese Kolumne mit einem kleinen oder vielleicht doch eher einem großen Wunder. James Ellis Ford kennt man als eine Hälfte von Simian Mobile Disco, vor allem aber als findiger Produzent für Acts wie Fontaines D.C., Arctic Monkeys, Blur oder Depeche Mode. Der Mann war ein umtriebiger und er ist es noch -nur halt anders, ganz anders. „Lost In Another World“ (Domino) entstand nämlich in einem Krankenhaus, dem Barts in London.
Dort unterzog er sich einer Chemotherapie, die Diagnose lautete: „Leukämie, Heilungschance 30%“. Der Albumtitel ist also Programm, eine Zustandsbeschreibung seiner Krankheit. Entstanden am Laptop, daher sind diese Aufnahmen notgedrungen streng digital, klingen aber warm und organisch als hätte sie Robert Wyatt aufgenommen. Manchmal schimmert auch ein früherer Brian Eno durch, kurz bevor er die Ambient Music für sich entdeckt hatte. Diese Platte hört man nicht aus Mitleid, der Art- und Synthi-Pop von James Ellis Ford ist schlichtweg rundherum gelungen.


