Schobers Rock-Kolumne: Das Sommerloch naht unerbittlich, Zeit um gute Musik zu genießen

Schobers Rock-Kolumne: Das Sommerloch naht unerbittlich, Zeit um gute Musik zu genießen
Die Reisezeit ist angebrochen, das Klima wird geschändet, nur bei der AFD und der Trump-Administration natürlich nicht. Die wollen ja sogar unsere schönen Windräder wieder abschaffen und Deutschland ins 20. Jahrhundert zurückkatapultieren. Leider gibt es viel zu viele Menschen, die diesen Rechtspopulisten auf den Leim gehen und im Herbst brav ihr Kreuzchen an der falschen Stelle machen werden.
Schon oft in der Geschichte haben die Menschen ihre Henker selbst gewählt. Wäre mal interessant, die KI dazu zu befragen, warum der Mensch so dumm sein kann. In diesem Zusammenhang muss ich jetzt mal Werbung für den fantastischen Podcast, „Die Open AI Story“ machen. Ist von den gleichen Leuten wie die ebenfalls unbedingt empfehlenswerte „Die Peter Thiel Story“. Wie gesagt, es ist ja Reise- und Urlaubszeit, da sollte man Muse für derlei Beschäftigungen haben.
B-Seiten-Lärm von alten Bekannten
Ein wenig Zeit muss man auch für die Neuauflage von den „Complete B-sides“ (Beggars) der fabelhaften Krach-Kapelle Pixies mitbringen. Ursprünglich wurde diese Werkschau im Jahr 2001, als sich die Band bereits seit fast einem Jahrzehnt in einer Pause befand, auf CD veröffentlicht. Die Compilation enthielt 19 B-Sides aus der klassischen 4AD-Ära der Band (1988–1991) und versammelte Pixies-Songs wie „Wave of Mutilation (UK Surf)“, „Into The White“, „Bailey’s Walk“ und „The Thing“.
Für die Neuauflage -zugleich Abschluss der umfangreichen Remastering-Arbeiten am Bandkatalog- wurden alle Titel von Kevin Vanbergen anhand der originalen Bänder neu gemastert. Da die ursprüngliche Tracklist problemlos auf drei Vinylseiten passt, wurde die vierte Seite mit zusätzlichen Liveaufnahmen ergänzt. Diese umfasst sechs Stücke, die aus späteren Pixies-Singleveröffentlichungen stammen, darunter Material vom „Debaser“-Re-Release aus dem Jahr 1997.
Es gibt dieses wichtige Zeitdokument als Doppel-LP auf schwarzem Vinyl und Clear Vinyl sowie als Doppel-CD. Es ist die erste offizielle Vinyl-Pressung des Albums überhaupt!
Liebe aus der Asche
Das erste Album überhaupt hat die Sängerin Dora Osterloh aus Berlin mit ihrer Kapelle Phoenix Love eingespielt. „And All I Have To Give“ (Boomslang Records) ist nicht für den schnellen Verzehr geeignet, hier muss man schon zuhören und sollte dabei auch ein offenes Ohr für dissonante Klänge mitbringen.
Frau Osterloh und ihr Ensemble besingt zwar die Liebe und man hört auch gar romantische Weisen, die einen umgarnen und schmeicheln, da man aber aus dem improvisierendem Jazz kommt, ertönen hier auch Klänge, die weh tun können. Die sind allerdings recht kurz und rein instrumental gehalten, werden folgerichtig auch als „Fragment“ benannt. Als Bezugspunkt zu bekannteren MusikerInnen fällt mir vor allem Karen Mantler And Her Cat Arnold ein.
Da diese Musiker so präzise wie traumverloren sicher agieren, seinen sie hier auch kurz vorgestellt: Keisuke Matsuno (Gitarre), Theresia Philipp (Saxophon), Simon Jermyn (Bass) und Lukas Akintaya (Schlagzeug) erschaffen frei schwebende Musiken für eine engelsgleiche Stimme.
Nochmals alte Bekannte -aber ganz ohne Lärm
Anscheinend steht die heiße Jahreszeit ganz für Widerveröffentlichungen und Best-Of-Alben. Simply Red feiern 40 Jahre Band-Geschichte mit einem 3er-Live-Album, die von mir sehr verehrten Waterboys haben in ihren Archiven gekramt und dabei „Atlantic Rain: The Lost Fisherman’s Blues Recordings“ (Bertus) gefunden.
Kenner wissen es eh, diese Songs entstammen allesamt den legendären Fisherman’s Blues-Sessions der Jahre 1986 bis 1988, die dann in das gleichnamige Album mündeten. An die 400 Bänder sind damals entstanden, Maestro Mike Scott sichtet 2024 das Konvolut und -Wunder, Wunder- fand dabei so die eine und andere verschollene Perle. 25 Songs gilt es hier zu entdecken, dabei auch wunderbare Cover-Versionen von Bob Dylan, Hank Williams, Woody Guthrie und Willie Nelson.
Ich kenne außer Van Morrison niemanden, der so gefühlvolle und atmosphärische Songs aus den Ingredienzien Folk, Roots, Blues, Rock Country, keltischer Musik und Soul und Gospel gießt. Live ist die Kapelle auch ne Wucht, ich habe sie leider bis dato auch nur einmal bei einem Indoor-Festival in der Olympiahalle zu München zusammen mit The Cure gesehen. Sehr schade, dass auf dem diesjährigen Tourneeplan kein einziger Deutschland-Termin zu finden ist, aber -wir hatten es ja schon- es ist Urlaubs- und Reisezeit und Dublin, Stockholm, Amsterdam, London und Oslo sind ja immer einen Besuch wert.
Die Stimme Norwegens
Ach ja, und wenn man dann schon mal in Oslo ist, könnte man Ausschau nach Plakaten halten, auf denen auf ein Konzert von Ea Othilde hingewiesen wird. Die laut Info „eindringlichsten Stimmen Norwegens“ musiziert ab und an in der Hauptstadt und wird dabei sicherlich Songs aus ihrem Album, „You’ll Leave The City“ (Koke Plate) zu Gehör bringen.
Die berichten vom Gefühlsleben einer Mitzwanzigerin und da geht es emotional noch recht unruhig zu. Darum ist diese Musik, reduziert auf Gitarre, Bass und Schlagwerk, auch recht direkt und klar, gerne auch rau, hart und bissig, so Richtung Grunge-Lärm und Gepolter. Im „Room #21“ heißt es allerdings auch mal inne zu halten, die Gitarren zu zähmen und ganz verspielt nach Shoegaze klingeln zu lassen. Hart oder zart, Ea beherrscht trotz ihrer Jugend das Spiel mit Stimmungen und Gefühlen recht passabel.
Geschichten des Lichts
Etwas weiter im Süden, in Norddeutschland wohnt ein Musiker namens Christian Hansen. Der will auf seiner Platte, „Tales Of Light & Other Stories“ (LoudHer ), aber nicht nach Tiefebene, sondernd eher nach Laurel Canyon klingen, so Anno 1967 vielleicht.
Joni Mitchell, Neil Young, The Byrds, The Mamas & the Papas und Crosby, Stills, Nash wären Bezugspunkte zu diesen ruhigen, fast nur auf Gitarre, Klavier und Gesang reduzierten Folk-Songs, bei denen schon mal die Morgen-Vögel zwitschern. Aktuelle Vergleiche lassen sich bei Ben Howard, Bon Iver und José González ausmachen. Ist leider nur eine EP von der wir hier sprechen, von daher fasse ich mich auch recht kurz.
Neil Young wäre stolz
Ebenfalls aus dem Norden der Republik stammt Jörn Schlüter, der sich den tollen Künstlernamen J Schlueter zugelegt hat. Kein Spaß. Und auch der wandelt nicht auf den Spuren von Torfrock & Co., sondernd fühlt sich im sonnigen Kalifornien hörbar wohler als im regnerischen Hamburg.
Von dort stammt nämlich seine eigentliche Kapelle, Someday Jacob, die schon auf diverse Veröffentlichungen zurückblicken kann. „The Other Mile“ (Hey!blau Records) hätte er aber auch mit seinen Band-Kollegen einspielen können, ja wäre da nicht eine massive Angststörung dazwischen gekommen, denen wir wiederum diese wunderschönen Americana-Lieder verdanken.
Während des Heilungsprozesses hat Schlueter wie er sagt wieder und wieder Neil Youngs „Comes A Time“ gehört und was soll ich sagen: das hat massive Früchte hinterlassen. Hört Euch nur mal „Springtime“ an, der Kanadier wäre stolz auf so einen Song gewesen! In Jason Molinas Kanon hätte wiederum „Dissociate“ recht gut gepasst.
Eine ganz besondere Note bekommt diese organische Platte noch durch Pedal-Steel-Virtuose Eric Heywood. Der US-Amerikaner spielt(e) die Pedal-Steel-Gitarre unter anderen für Son Volt, Jayhawks, Joe Henry und Tift Merritt. Sein dunkel glänzender Sound leuchtet die Songs von „The Other Mile“ aus und addiert eine wohlige Roots-Wärme. Und weil es sich auch schick anhört: gemischt wurde das Ganze von Wilco-Produzent Tom Schick im Wilco-Studio The Loft in Chicago




