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Literaturtage-Tipp Mit dem Leben davongekommen: Thomas Muggenthaler liest im Radio-Format

Weiden/Regensburg. Seit Mitte der 1980er Jahre spürt der Regensburger Journalist Thomas Muggenthaler bayerisch-jüdischen Schicksalen nach. Bei den Literaturtagen präsentiert er am Dienstag, 21. April, sein neues Buch "Mit dem Leben davongekommen". Auch aus Weidener Perspektive wird der Abend spannend.

Weiden/Regensburg. Seit Mitte der 1980er Jahre spürt der Regensburger Journalist Thomas Muggenthaler bayerisch-jüdischen Schicksalen nach. Bei den Literaturtagen präsentiert er am Dienstag, 21. April, sein neues Buch "Mit dem Leben davongekommen". Auch aus Weidener Perspektive wird der Abend spannend.
Thomas Muggenthaler.

Literaturtage-Tipp Mit dem Leben davongekommen: Thomas Muggenthaler liest im Radio-Format

Du bist ein Radiomann. Worauf können sich die Zuhörer Deiner Lesung einstellen?

Thomas Muggenthaler: Es wird weniger eine Lesung, mehr eine Live-Radio-Übertragung. Im Grunde läuft das ab wie live gesprochene Radiosendungen. Ich stelle vier, fünf Porträts von Leuten vor, die dann mit Interviewpassagen zu Wort kommen und in einer Powerpoint-Präsentation in Fotos dargestellt werden.

Du porträtierst in Deinem Buch 34 Juden, denen die Flucht gelang. Verrätst Du schon, welche Du in Weiden vorstellst?

Thomas Muggenthaler: Genau genommen habe ich nicht nur Emigranten porträtiert, sondern auch Frauen und Männer, die die jüdischen Gemeinden hier nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut haben. Henny Brenner zum Beispiel. Aus Weiden stelle ich zudem die Gebrüder Steiner vor.

Historiker Michael Brenner schreibt im Vorwort zu Deinem Buch, dass Walter Steiner zeitlebens Bayerisch und nicht Hochdeutsch sprach. Ein Phänomen?

Thomas Muggenthaler: Ja, das ist tatsächlich oft so. Den Zungenschlag wurden viele nicht los. Die Rosl Steiner aus Regensburg hatte das rollende R. Und Franken haben immer noch einen fränkischen Einschlag, selbst wenn man Jahrzehnte später mit ihnen in Buenos Aires spricht. Die Brüder Rudi und Walter Steiner habe ich in Weiden getroffen und 1995 in Israel besucht. Ich werde auch David Ludwig Bloch aus Floß vorstellen, der später als Künstler in Shanghai gearbeitet hat. Außerdem Horst Hauschild aus Erbendorf, der als Menachem Magen in Israel lebte.

Spedition Wagner
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Horst Hauschild kennt man auch in Weiden: Er war Schüler des Augustinus-Gymnasiums. 2009 hat er zuletzt Erbendorf besucht.

Thomas Muggenthaler: Bei diesem Anlass habe ich ihn getroffen. Horst Hausschild kam damals, „dass sich ein Kreis schließt“ – so hat er das damals gesagt. Mein Buch basiert zum einen auf Radiosendungen, die ich für den Bayerischen Rundfunk in den USA, Israel und Argentinien gemacht habe. Ein weiteres Kapitel ist mit „Zu Besuch“ überschrieben. Auch Künstler David Ludwig Bloch habe ich in Deutschland getroffen: Er hatte eine Ausstellung im Jüdischen Museum in München.

Seit Jahrzehnten reist Du für Interviews um die Welt, ich möchte nicht wissen, wie viele Stunden Material Du hast. Wann hast Du damit begonnen?

Thomas Muggenthaler: Schon in den 1980er Jahren. Die erste Sendung in Israel war dann 1995. Weil ich aus Cham komme, war Ernst Schwarz der erste Emigrant, den ich überhaupt getroffen habe. Ich habe damals meine Magisterarbeit über „Cham in der NS-Zeit“ geschrieben. Unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt.

Jetzt machst Du das schon so lange: Aber geht es Dir nicht auch so, dass man immer wieder etwas Neues entdeckt?

Thomas Muggenthaler: Ja, natürlich. Ich fand auch spannend, wie das oft weitergeht. Gerade zu Stolpersteinverlegungen kommen immer wieder Nachkommen und man merkt, wie wichtig das für sie ist. In Regensburg war letztes Jahr eine elfköpfige Delegation der Familie Farntrog aus Israel zu Gast. Interessant dabei: Ich habe in Israel vor vielen Jahren die Überlebende Gerda Oppenheimer, geborene Farntrog, getroffen. Sie hat gesagt: Nie mehr betritt sie deutschen Boden. Es war journalistisch wie historisch interessant, sie zu treffen.

Auch menschlich interessant: wie unterschiedlich die Reaktion ist.

Thomas Muggenthaler: Ja, sehr. Die Rosl Steiner war jede freie Minute in Regensburg; Gerda Oppenheimer sagte: Ich kehre nicht zurück. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man dabei schon: Von Frau Oppfenheimer wurden die Eltern deportiert und haben nicht überlebt. Da fällt die Rückkehr schwerer, als wenn die Familie komplett überlebt hat.

Gibt es eine Reise oder eine Person, die ganz persönlich für Dich zentrale Bedeutung hat?

Thomas Muggenthaler: Da könnte ich jetzt nicht unterscheiden. Mir sind auch ehemalige Häftlinge aus Flossenbürg sehr nahe gegangen, von denen ich im Lauf der Jahre sicher mehr interviewt habe als Emigranten. Viele habe ich über die Jahre immer wieder getroffen. Zuletzt sind viele gestorben, etwa Michael Smuss in Israel oder Jakob Haiblum. Das sind Menschen, die man nicht vergisst. 

Eigentlich wollte ich Dich fragen, ob „Mit dem Leben davongekommen“ so etwas wie Dein Lebenswerk ist. Aber das würde ja bedeuten, dass da nicht mehr viel kommt. Dem ist ganz sicher nicht so. An was arbeitest Du gerade?

Thomas Muggenthaler: Ich schreibe gerade ein Buch über das KZ-Außenlager Saal an der Donau, ein kleineres Buch mit 100 Seiten. Dabei handelt es sich um eines von rund 90 Außenlagern von Flossenbürg. Enthalten sind Porträts von Überlebenden, die ich getroffen habe, ergänzt um Archivrecherche.

Und da wäre dann noch der wiedergefundene Koffer der Familie Brandis…

Thomas Muggenthaler: Über den möchte ich tatsächlich als Nächstes schreiben: über den Koffer der Familie Brandis, den ich gefunden habe. Die Regensburger Familie wurde 1942 deportiert: Eltern, vier Kinder, Großmutter, keiner hat überlebt. Sie hatten einer früheren Mitarbeiterin einen Koffer mit Dokumenten anvertraut, Fotos und Familienunterlagen, die sie für wertvoll erachtet haben. Der Koffer war jetzt im Museum der Deutschen Geschichte in Bonn und kommt nach Leipzig in die Filiale des Deutschen Historischen Museums.

Der Kartenvorverkauf für Deine Lesung im Kulturzentrum Hans Bauer am Dienstag läuft gut, ein paar Tickets gibt es noch. Den Kultursaal kennst Du ja: Da hast Du 2024 von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Thomas Muggenthaler: Ein guter Ort. Das habe ich mir auch gedacht.