Taxi-Zentrale Weiden
Taxi-Zentrale Weiden

Schobers-Rock-Kolumne: Ganz Altes und ganz Neues -wenn noch Geld vom Gabentisch übrig ist

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.
Foto: Hubert Schober

Schobers-Rock-Kolumne: Ganz Altes und ganz Neues -wenn noch Geld vom Gabentisch übrig ist

Der Sound Wenn Schneeziegen fliegen könntender Schildkröte

Die Berg- oder Schneeziege lebt vorwiegend im Nordwesten der USA. Sie leben meist in kleineren Gruppen zusammen, ältere männliche Tiere sind Einzelgänger. Im Sommer erklimmen sie Höhen von bis zu 5.000 Metern, im Winter werden tiefere Regionen aufgesucht. Ihre natürlichen Feinde sind vor allem der Puma und Bären, aber auch Adler und der Vielfraß. Warum John Darnielle aus Kalifornien sein Bandprojekt 1991 ausgerechnet The Mountain Goats genannt hat erschließt sich aus dieser Kurzbeschreibung nicht. Vielleicht fand er die imposanten Tiere -die Schulterhöhe kann immerhin 120m erreichen- einfach toll. Seit dem hat er jedenfalls 26 Alben veröffentlich, „Through This Fire Across From Peter Balkan“ (Thirty Tigers) ist Nummer 27.

Und es eröffnet etwas ungewöhnlich, denn man hört zunächst blubbernde Synthesizer zu denen sich dann artifizielle Streicher mischen, bevor ein wuchtiges Schlagzeug einsetzt und noch mehr Tasteninstrumente aufgehäuft werden, auch eine Harfe mischt sich ein, dann das Klavier um dann in einer Art Soft-Pop zum cineastischen Soundtrack zu werden. Das Stück heißt halt auch „Overture“ und ist der Auftakt zu einem Konzept-Album aller erster Güte. Ausgehend von der kryptischen Formulierung seines Titels erzählt „Through This Fire Across From Peter Balkan“ die Geschichte einer kleinen Crew, die auf einer einsamen Insel Schiffbruch erleidet, wo drei überlebende Mitglieder – ein namenloser Erzähler, Kapitän Peter Balkan und Adam – von schwindenden Ressourcen und apokalyptischen Visionen geplagt werden.

Es sind Geschichten über das Überleben und Trostlosigkeit, Brutalität und Zärtlichkeit, hart erarbeitete Weisheit und jede Menge Mitgefühl, romanhafte Details und lautstarke, wortlose Refrains, die über die Sprache hinausgehen. Mit anderen Worten: Es sind Songs von Mountain Goats, die ein einzigartiges Werk, das sich nun über drei Jahrzehnte erstreckt, weiter vertiefen. Von den Anfängen als Folk-Kapelle bis hin zu diesem kompakten, orchestralen Werk war es ein geradliniger Weg, bei dem Sich Darnielle dieses Mal mit Tommy Stinson von The Replacements, der Harfenistin Mikaela Davis, dem Musical-Star Lin-Manuel Miranda und dem neue Bassist der Band, Cameron Ralston ungewöhnlich viel Unterstützung holte. Zum Jahresausklang noch ein Highlight für alle Jahresbestenlisten.

Wohlfühlmusik für kalte Tage

In die könnte es auch der britische Barde Jonathan Jeremiah schaffen. Überhaupt sind die Parallelen zum Kollegen aus Kalifornien nicht zu übersehen. Auf „We Come Alive“ (PIAS) streift auch Jeremiah sein schlichtes Folk-Jäckchen ab, badet in üppigen Streicher- und Bläser-Arrangements, lässt große Chöre auffahren und frönt seiner Liebe zum Frankophilen.

Zwischen Scott Walker und Serge Gainsbourg fühlt er sich wohl, obgleich ihm deren oft übertriebene Exaltiertheit abgeht. Barock-Folk geht hier mit Soundtrack- & Musical-Melodien zusammen mit Philly- & Sixties-Soul sowieso, man könnte das sämige Gebräu auch als Vintage-Pop bezeichnen. Im krassen Gegensatz dazu steht, dass der Singer/Songwriter u.a. den Tod seines Vaters auf dieser Platte verarbeitet. Und den deutschen Jazz-Trompeter Till Brönner hätte man beim Titeltrack auch nicht auf der Liste gehabt. Let`s schwelg!

Lieben oder hassen?

Das richtige Futter, um der Gemütlichkeit und Ausgewogenheit, diesem so fein austariertem Wohlklang zu entfliehen, bietet das Londoner Duo Asha Lorenz und Louis O’Bryen, die unter dem Namen Sorry musizieren. „Cosplay“ (Domino) ist so ziemlich das seltsamste Stück Musik, das mir seit langem untergekommen ist. Eigentlich bin ich hier ziemlich sprachlos, mache aber trotzdem ein paar hilflose Versuche einer Beschreibung. Zunächst einmal ist da der schon fast schmerzend leiernde Gesang von Frau Lorenz, die meistens singt. Und dann treffen hier Genre-Welten aufeinander.

PSZ-Vohenstrauß – International, Innovativ, familiär
PSZ-Vohenstrauß – International, Innovativ, familiär

Das Album ist eher ein Versuchsbaukasten, in dem von Folk über Trip-Hop bis hin zu Industrial, Field Recordings, Art-Punk und Kinderlied die Bausteine verteilt sind, um dann in seltsam-schrägen Kombinationen als Song vorgestellt zu werden. Nicht weniger erratisch sind auch die Texte der beiden. Man kann hier jedenfalls viel entdecken und auch nach mehrmaligem Hören wird man immer noch eine neue Facette ausmachen können. Anstrengend ist das aber auch, sorry.

It´s only Rock`n`Roll!

Sodala. Gänzlich entspannt kann man sich dagegen einer alten Rock`n`Roll-Ikone widmen. Suzy Quatro war wohl der erste weibliche Rock-Star, der den Boden für die Joan Jett`s und Debbie Harry`s dieser Welt bereitete. Die selbstbewusste kleine Frau mit der wuchtigen Bassgitarre hatte ich neben Alice Cooper als Bravo-Starschnitt im Zimmer hängen und „Can The Can“ ist auch nach über 50 Jahren noch fest in meinen Gehörgängen verankert.

Die folgenden Hits wie „The Wild One“ oder vor allem „Devil Gate Drive“ waren ein Abziehbild ihres größten Erfolgs. Rock`n`Roll-Knaller zwischen Slade, Meat Loaf und Status Quo, befinden sich auf „A’s B’s & Rarities“ (Bertus), das es als rotes Vinyl oder CD zu haben gibt. Interessant dabei „Angel Flight“, ein völlig untypischer Quatro-Song mit Orchester und über 10 Minuten Spielzeit. Da schnurrt die Heulboje richtiggehen und wird zum zahmen Kätzchen.

Gesungene Gedichte an den Geliebten zuhause

Nachdem die Ohren nach dieser simplen wie heftigen Rock`n`Roll-Frischzellen-Kur wieder frei sind, wenden wir unsere Blicke in die USA du zu einer schwarzen Künstlerin, deren zweiter (und bekanntlich ja immer schwerer) Wurf ziemlich geglückt ist, auch wenn sich der Sound von Hannah Jadagu deutlich verändert, ja weiter entwickelt hat. Strahlte das Debüt noch eine unschuldige DIY-Attitüde aus, klingt „Describe“ (Cargo) deutlich gereifter und ausgefuchster. Die Gitarre spielt jetzt die Nebenrolle, ins Zentrum rücken analoge wie digitale Tasteninstrumente und auch ein Drum-Computer ist mit von der Partie. Ihre verträumte, leicht somnambule Stimme schickt sie gleich beim Opener durch eine Verzerrer, so wird aus Dream-Pop dann schnell ein Art-Pop-Stück. Andere Songs klingen analog-warm nach Lounge-Soul- &-Pop, obgleich die Gerätschaften digital sind. Auf Song Nummer 4, „D.I.A.A.“ darf sich erstmals eine knarzige E-Gitarre einmischen, die aber bei „Couldn’t Call“, besteht ausschließlich aus Stimme, Klavier und Streichquartett sofort wieder kassiert wird. „Doing Now“ funkt ein wenig, womit wir das musikalische Spektrum der gesamten Platte abgedeckt hätte. Verhandelt wird anscheinend die temporäre Trennung von einem Liebhaber während der Tourneephase. Der oder die Gute scheinen dabei heftig geliebt zu werden.

Erster Teil eines wichtigen Pop-Monuments

Zum Abschluss noch etwas ganz feines für den Gabentisch! Aus Neuseeland -wo wir übrigens in ein paar Jahren mal intensiven Urlaub machen werden- kamen ja schon immer etwas andersartig klingende Kapellen. Und natürlich der beste und bekannteste Export des Inselreichs, The Crowded House. Diese wiederum hatten eine Vorgänger-Kapelle und die nannte sich Split Enz. Kam zuhause zu Ruhm und Ehre, blieb aber im Rest der Welt eher eine Randerscheinung. 50 Jahre ist das nun schon wieder her, umso erfreulicher, dass sich Chrysalis entschlossen hat, das Gesamtwerk der visionären Kapelle noch einmal in aufwändigen Formaten zu veröffentlichen. Der Anfang macht „ENZyclopedia Volumes One & Two“ (Bertus) und enthält die ersten beiden Alben, „Mental Notes“ und „Second Thoughts“. Die wurden natürlich neu remastert, um Seltenes und Live-Aufnahmen angereichert und ein Buch gibt es sowohl beim 5-CD-Set als auch bei der 3-Vinyl-Ausgabe als Bonus. Für Kenner, natürlich ein Muss, aber auch Novizen sollten viel Freude daran haben, vorausgesetzt man kann mit mit diesen quirligen, sich vor Ideen überschlagenden Liedern zwischen Folk, Art-Pop, Prog-Opulenz, Musical, New Wave und Glam-Rock etwas anfangen. Es gibt nicht viele Bands auf der Welt, die so ein breites Spektrum bedienten und dabei noch eine Menge Spaß verbreiten konnten. Damals genial, heute genial!