Schobers Rock-Kolumne: Nicht nur Euer Kolumnist ist sauer

Schobers Rock-Kolumne: Nicht nur Euer Kolumnist ist sauer
Zwei Nachrichten aus Der neue Tag (13.06.26) haben mich heute tief erschüttert, b.z.w. bewegt. Zum Einen ist da von einer „Fischstäbchen-Krise“ die Rede. Ja geht es noch?! Jetzt wird das Benzin schon teuer, die Rentenbeiträge sollen steigen, umweltfreundliche Heizungen müssen her und der Wal konnte nicht gerettet werden. Für mich ist das Maß jetzt voll, diese Regierung muss weg, denn jetzt soll auch noch die heranwachsende Generation, unsere Zukunft, an Mangelernährung Schwindsucht erleiden. Es braucht neue Kräfte die sich zudem des Generationenkonflikts und der Überalterung unserer Gesellschaft annehmen! Alice vor, noch ein Tor (schließlich haben wir ja WM)!
Meine Endzeitstimmung wurde aber ein paar Seiten später wieder etwas aufgehellt als zu lesen war, dass alle Parksteiner, also auch ich, ab dem 01. Juli freien Zutritt zum Schätzlerbad haben werden. Da hat es die Marktgemeinde den umliegenden Kapitolen aber mal wieder Dank Witron so richtig gezeigt. Nur schade, dass ich eh im Schwimmverein bin.
Da nimmt einer kein Blatt vor dem Mund!
Adam Weiner ist auch sauer. Sieht man ja schon auf dem Cover Artwork, dass der Künstler aus Philadelphia, der unter dem Namen Low Cut Connie seit gut 15 Jahren sehr gute Platten raushaut einen riesen Brass hat. Dreimal dürft ihr raten auf wen! Natürlich auf unsere liebste braun gebrutzelte Diktatoren-Lieblingslocke.
Und weil es so schön ist, möchte ich hier auch Weiners Statement zur Platte wiedergeben: „I made this record because I am disgusted to see our country descend into an authoritarian hell, a moral vacuum, a place where art does not lead the cultural conversation. I made this album to say fuck you to this regime, to the brutality and inhumanity of our political and tech leaders. They are assholes with no class, taste, morality, or art in their bodies. I made this record because I refuse to let these motherfuckers steal our art and steal our joy.
Music with soul communicates on a level that no algorithm or tech bro or artificial intelligence or political machinery can ever understand or contain. Rock n roll is a table flipping artform. It’s time to flip the table again!“ Fein formuliert, oder?!
„Livin in the USA“ (Contendor Records) erinnert nicht nur dem Namen nach an Bruce Springsteens wohl berühmteste Platte, auch musikalisch ist man sich hier sehr nah. Heartland-Rock, dreckiger Rock`n`Roll in der Wolle mit Soul und Blues gefärbt. Die Stones haben auch viele derartige Songs komponiert und Low Cut Connie steht dem in nichts nach. Und machen wir uns doch mal ehrlich, alleine wegen seinem starken Statement muss man den Mann einfach lieben.
Hübscher Schwurbel-Pop
Noah Lennox und Peter Kember, besser bekannt als Panda Bear und Sonic Boom, noch bekannter als Kollaborateure von Animal Collectiv und Spacemen 3 gehen nicht ganz so politisch an die Themen unserer Zeit heran, verhandeln aber auch Online-Erschöpfung & Social-Media-Überdruss, Depressionen & gesellschaftlichen Stress, Ökologische und politische Unsicherheit, sehen dabei aber auch immer das Licht am Ende des Tunnels, verbreiten die Idee, den Wunsch, dass Menschen freundlicher miteinander umgehen sollten, weil ohnehin niemand wirklich weiß, was gerade passiert. „A ? of When“ (Domino) ist (natürlich) wieder herrlich psychedelisch aufgeladene Musik, wie aus einem drogengeschwängerten Versuchslabor.
Überall schwirren irre Synthesizer, seltsame Loops geistern durch diese Lieder. Es hat Steel Drums, Pedal Steel, exotische Perkussionsinstrumente, man schreckt auch vor dem Jodeln nicht zurück. Wie in rosa Watte gepackt hören sich diese repetitiven, meditativen Klangexperimente an. Ein nicht endender Lullaby, der selbst den hartnäckigsten Nichtschläfer sanft in die Welt der Träume entführen dürfte, hätte es zwischendrin nicht auch Surf-informierte Songs wie z.B. das Titel-Lied, eine Art Hommage an Brian Wilson in seiner umnachtesten Phase.
Der Gärtner mit der Bärenstimme
Da steht die Schweizer Formation, The Gardener & The Tree schon bedeutend bodenständiger im Leben, halt so wie es sich für einen Gärtner gehört. „Sole“ (Nettwerk) hat zwar nur sechs Songs zu bieten, dafür gibt es hier auch keine Ausfälle. Die warme, raue, voluminöse Bären-Stimme von Manuel Felder muss man mögen, denn sie steht klar im Mittelpunkt des Geschehens.
Ist das der Fall (was nicht schwer fällt), kann man sich an einem Mix aus emotionalem Indie-Folk und hymnischem Alternative-Rock erfreuen. Um bei den Eidgenossen zu bleiben: Black Sea Dahu sind in etwa die kleine, schüchterne Schwester dieser nach den Sternen, oder besser dem Stadion greifenden Musikern. Die sehen sich eher schon in der Tradition der Mumford & Sons, The Decemberists oder der Mighty Oaks.
Ganz schön tricky, dieser Tricky
In welcher Tradition sich die -nennen wir es ruhig so- Musik-Institution Tricky sieht, weiß ich nicht. Der Musiker und Produzent hat mit „Different When It’s Silent“ (Indigo) meines Erachtens ein recht nostalgisches Trip-Hop-Album gemacht. Wir hören auch ein wenig Industrial, Hip-Hop, Dark- und Gothic-Rock, Ambient und Electronica. Als Sänger hat er sich einen gewissen Mitch Sanders aus Bristol geholt, die weibliche Stimme gehört einmal mehr der lieben Marta.
Sollte draußen aktuell die Sonne ein wenig zu arg lachen, dieses Album ist eine prima After-Sun-Lotion. Tricky sinniert über Trauer, Paranoia, Verlust, Leere, Depression, Selbstzerstörung -das komplette dunkle Programm halt. Markant ist der wuchtige Bass, der sich praktisch durch all diese samtig-dunklen Hallräume puncht. Einer der dystopischten Songs ist „Cannon Fodder“. da treffen leiernde, ab- und anschwellende Electronics und Loops auf eine harsche E-Gitarre, Mitch Sanders singt dazu im Falsett und wie im Delirium.
Der Titel ist also Programm. Durch „Out Of Place“ geistert so etwas wie eine Geige, der Rhythmus zieht scharf an, wird durchaus tanzbar, bleibt aber bedrohlich. Thematisiert wird wohl der Tod seiner Tochter, das ganze Album hört sich ein wenig nach später Trauerarbeit an. Aber auch wenn es so ist, diese Musik kann einem durchaus in den Bann nehmen, als träger, dunkler Fluss Styx.
Tempel-Ritter in der Disco
Massive Attack und vor allem Portishead haben ja durchaus ihre Quersummen mit Tricky. Und dann gibt es noch die Kapelle Temples, die sich wiederum ebenfalls auf die Trip-Hop-Pioniere, als auch Underworld und Faithless bezieht. Ihr Album „Bliss“ (Bertus) hört sich aber eher an, als würden irgendwelche türkischen Musiker benannte Kapellen recyceln um anschließend das Resultat in einer Ibiza-Disco zu Gehör zu bringen.
Meinen Geschmack haben diese Tempel-Ritter damit nicht getroffen, da sind mir die sehr ähnlich klingenden Tame Impala noch lieber, wenn ich mich derlei Musiken hingebe, bleibe ich am Ende aber doch bei MGMT hängen. Die sind irgendwie lustiger, verschrobener, psychedelisch überdrehter. Naja, die Geschmäcker sind eben verschieden.
Gitarren-Festival im Kleinen
Als sehr verschieden werden auch die Stile der beiden GitarristInnen Ella Zirina und Teis Semey beschrieben. Sie stammt aus Lettland, ihre Spielweise wird als melodisch klar, atmosphärisch reich und offen für Einflüsse aus Jazz, Folk, Improvisation und zeitgenössischer Musik beschrieben. Er ist eher der junge Wilde aus Dänemark.
Seine Veröffentlichungen verbinden Free Jazz, Punk-Energie, experimentelle Klangvorstellungen und eine zutiefst persönliche Form des Ausdrucks. Sein Spiel wurde als “edgy, spirited, and compelling” beschrieben und erinnert in seiner Offenheit und Risikobereitschaft an die explorativen Gitarrensounds der späten 1970er Jahre – bleibt dabei aber klar in einer heutigen improvisatorischen Sprache verankert. Zusammen haben sie jetzt das Album, „Dark Yellow“ (AGS Recordings) aufgenommen, dass diese doch recht unterschiedlichen Spielweisen sehr harmonisch vereint. Gitarren, Gitarren, sonst nichts.





