Schobers Rock-Kolumne: Viel Wohlklang, einmal Krawall

Schobers Rock-Kolumne: Viel Wohlklang, einmal Krawall
Als ich noch hauptamtlich als Sozialpädagoge und nur im Nebenerwerb als Promoter gearbeitet hatte, gastierten sehr erfolgreich alte Hasen wie die Velvet Underground-Leute, John Cale und Maureen Tucker, Cream-Drummer Ginger Baker und sein Schlagzeug-Kollege von Jimi Hendrix, Buddy Miles oder auch die Temptations in der Max-Reger-Stadt.
Blues kann so lebendig sein
Es müsste so Anfang der 90er gewesen sein, da hatte ich dann auch ein Konzert mit der Blues-Legende Taj Mahal im altehrwürdigen Amberger Stadttheater angesetzt. Viele kennen das Haus, das 1803 seine Pforten erstmals öffnete und zu den schönsten Klein-Theatern der Republik zählt überhaupt nicht. Henry St. Clair Fredericks aka Taj Mahal kannten damals anscheinend auch nicht so wahnsinnig viele in der Oberpfalz, denn trotz massivster Werbung bin ich gerad mal mit ner schwarzen Null rausgegangen. Ich meine, der Mann hat immerhin drei Grammys in seinem Leben bekommen, als Musikliebhaber sollte man den Künstler also schon auf der Schnur haben.
Anyway, hatten die Oberpfälzer eben nicht, gucken wir mal wie oft sich sein neues Album, „Time“ (Thirty Tigers) in Nordbayern verkaufen wird. Das hat er zusammen mit der Phantom Blues Band, bestehend aus Tony Braunagel (Schlagzeug), Larry Fulcher (Bass), Johnny Lee Schell (Gitarre), Jon Cleary (Piano), Mick Weaver (Orgel), einem Gospel-Chor, sowie einer munter aufspielenden Bläser-Sektion aufgenommen. Der Titelsong ist dabei übrigens ein unveröffentlichter Titel von Bill Withers, Bob Marley`s „Talkin’ Blues“ mit Gastgesang von David „Ziggy“ Marley wird gecovert. Ansonsten: die übliche, bewährte, brodelnde, ansteckende, emotionale Mischung aus Reggae-Rhythmen, New-Orleans-Grooves, Country-Blues, Soul, Funk und lateinamerikanischen Einflüssen.
Ruthie Foster schreibt in ihren Liner Notes zum Album: „Dreht die Lautstärke auf – das ist Deep-Groove-Musik für Erwachsene von einer Band, die immer noch spielt, als wäre die Nacht noch jung.“ Machen wir!
Ein wenig Geduld ist hier gefragt
Eher gedimmt würde man wohl das neue Album der neuseeländischen Singer/Songwriterin Aldous Harding hören. „Train On The Island“ (Beggars) klingt dabei nicht wie ein offenes Fenster, eher wie eines das klemmt – und genau das ist seine Qualität. Aufgenommen hat sie es einmal mehr mit ihrem langjährigen Weggefährten John Parish (u.a. PJ Harvey, Dry Cleaning).
Harding macht es einem auch dieses Mal nicht leicht. Ihre Stimme flötet süß, klingt traurig und melancholisch, stolpert, biegt ab, zieht Grimassen, wo andere Sängerinnen längst den sicheren, schönen Ton wählen würden. Das ist trotz des steten Flusses dieser Lieder kein Folk zum Wegträumen, das ist Folk mit Widerhaken. Man fühlt sich eher beobachtet, nicht umarmt. Die Arrangements bleiben dabei auffallend zurückhaltend. Gitarren, die eher andeuten als ausformulieren. Ein Klavier, das behutsam seine Töne setzt, Rhythmen, die wirken, als kämen sie eine halbe Sekunde zu spät – oder zu früh. Es ist Musik, die ständig in der Schwebe hängt. Man wartet auf den großen Ausbruch. Er kommt nicht.
Stattdessen: ein schiefes Lächeln. Das kann man prätentiös finden. Oder mutig. Harding verweigert die gefällige Pointe, sie setzt auf Irritation. Songs wie flüchtige Skizzen, die mehr Raum lassen als sie füllen. Das ist unbequem – aber konsequent. „Train On The Island“ ist kein Album für nebenbei. Es fordert Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Geduld. Wer beides mitbringt, entdeckt eine Künstlerin, die lieber Rätsel stellt, als Antworten zu liefern. Und das ist in Zeiten allgegenwärtiger Eindeutigkeit fast schon radikal -und wunderschön.
MC Taylor und Freunde treffen sich in einer Kirche
Sonderlich enigmatisch waren und sind die Lieder, die MC Taylor unter dem Moniker, Hiss Golden Retriever, pardon, Messenger schreibt noch nie gewesen. Ingo Zamparoni verabschiedet uns ja immer mit den Worten, „Bleiben Sie zuversichtlich!“ (was angesichts der aktuellen Weltlage schon fast wie Hohn klingt). Bei Taylors neuem Album, „I´m People“ (Bertus) heißt es „Welche andere Wahl haben wir, als hoffnungsvoll zu sein?“ (was ja aufs Selbe hinausläuft).
Ingo und MC, die würden sich verstehen. Beide sind Kommentatoren des American Way Of Life, beide nehmen es auch mal nicht ganz so ernst und blicken ein wenig sarkastisch hinter die Kulissen. Aber nur einer gießt das in feine Americana-Oden, die er jetzt mit JT Bates, Cameron Ralston, Bruce Hornsby,
Sam Beam, Marcus King, Sara Watkins, Amy Helm, Matt Douglas, Eric D. Johnson sowie Griff und Taylor Goldsmith in einer Kirche außerhalb von Woodstock, New York umgesetzt hat. Dabei sind z.B. Stücke wie „Mercy Ave“ entstanden, die Van Morrison mit Tom Petty und der biblischen Phase von Bob Dylan verbinden -soulful, warm, leicht jazzy und einfach zum hineinlegen schön. Oder auch die Fidel und Mandoline in „Seneca“, ein Wonnebad der Emotionen. Hiss Golden Messenger ist einmal mehr ein wunderbares Album gelungen. Chapeau!
Auch Kevin Morby hat viele Freunde eingeladen
Das gilt auch für einen seiner Kollegen. „Heaven is a place on earth“ singt der Barde Kevin Morby im Lied „Badlands“ das auf seinem achten Album „Little Wide Open“ (Cargo) Platz gefunden hat. Ein frommer Wunsch, zumal von einem Amerikaner dessen Präsident gerade diese Erde umkrempelt und das Land der Freien in eine Autokratie verwandelt. Wir wollen jetzt nicht en Detail auf den faschistoiden Lügenbaron und König von Amerika eingehen, dafür ist Morby`s Album einfach zu schön.
„Little Wide Open“ spielt vor einem Panorama aus verschlungenen Highways, Kleinstädten, Straßenkreuzen, Rock’n’Roll-Romantik, Schmetterlingen im Bauch, dem Leben als amerikanischer Entertainer, Econoline-Vans und vielem mehr“, erklärt er selbst. Er singt also von der guten alten Zeit, zieht sich in sich selbst zurück um nicht zu sehr verletzt zu werden. Diese persönlichen Statements berühren, weil sie so ehrlich gemeint sind. Und auch die Musik, die einer der besten, leider aber auch verkanntesten Singer/Songwriter zu diesen Lieder geschrieben hat ist romantisch verklärt und wunderschön, erinnert oft ein wenig an die ruhigeren Werke eines Tom Petty.
Eine ganze Schar an Mitmusikern hat der Liedkünstler dieses Mal um sich geschart, mit Amelia Meath, Justin Vernon, Lucinda Williams, Meg Duffy, Tim Carr und Aaron Dessner nennen wir hier nur die Bekanntesten. Der The National-Mann hat diese Scheibe recht schlank produziert, nachdem er ja zuletzt mit den Platten für Taylor Swift oder Ed Sheeran etwas mehr auf den Putz gehauen hatte. Ich freue mich schon auf das Konzert von Kevin Morby am 18. Juli im Technikum zu München! Vielleicht (und hoffentlich) kommt ja jemand von Euch mit.
Virtuoses Gitarrenspiel trifft auf feines Songwriting
In München kann man sich auch einen jungen israelischen Gitarristen namens Tal Arditi anhören, der dort am 16. Juni auftritt. „Ich wollte die Gitarre so spielen wie ein Klavier“, sagt der studierte Jazzmusiker -bereits mit nur 18 Jahren hatte er sein Diplom schon in der Tasche- selbst. Und in der Tat ist sein spiel gelinde gesagt bemerkenswert. Oft spielt Tal Arditi sogar mehrere Stimmen gleichzeitig.
Dafür nimmt er dann seine Fingernägel zur Hilfe. Jetzt ist „Love Myself“ (Mouthwatering Records) aber überhaupt kein abgehobenes Hochgeschwindigkeits-Jazz-Album geworden, wir befinden uns hier ganz im Gegenteil in bester Gesellschaft zu Nick Drake, José González, Tash Sultana, John Martyn, Roy Harper, Tom Misch oder Mac Ayres, will heißen genau im Schnittpunkt von Indie-Folk, Neo-Soul, Lo-Fi Grooves, Singer-Songwriter-Pop und dezenten elektronischen Spielereien.
Die Songs wirken wie ein musikalisches Tagebuch der vergangenen zwei Jahre. Jeder Track hält einen Moment seines inneren Dialogs fest, zwischen Ehrgeiz und Zweifel, Wachstum und Enttäuschung, Hoffnung und Selbstkritik. Arditi schreibt direkt und ohne Schutzschicht über das, was ihn bewegt, von der bewunderten Stärke seiner Großmutter in „Supernatural Loving Star“ bis zu den Erinnerungen an drei intensive Tage in Südfrankreich in „In Between World“. Diese Platte spricht dabei nicht nur zum Publikum, sondern ebenso zu ihm selbst. Eine der interessantesten Entdeckungen seit langem und das dazu aus deutschen Landen, der Musiker lebt nämlich seit einiger Zeit in Berlin.
Punk auf Diät
Viel wohlgesetzter Wohlklang dieses Mal. The Bug Club liefern mit „Every Single Muscle“ (Cargo) aber ein Album, das klingt, als hätte jemand Punk auf Diät gesetzt: alles drin, aber bitte in unter zwei Minuten. 18 Songs, kaum Luft dazwischen – Riffs wie Presslufthämmer, Hooks im Dauerfeuer. Das ist keine Platte, das ist ein Durchlauferhitzer. Die Band stopft Ideen in Miniaturen, bis es knarzt, und nennt das dann nonchalant „ein bisschen rumprobiert“. Tatsächlich ist es eher „effizienter Größenwahn“ .
Textlich wird’s schräg: Statt Weltdeutung gibt’s Selbstbetrachtung aus der Perspektive eines gelangweilten Außerirdischen. Der Mensch als Versuchsanordnung, das eigene Ich als kurioser Fremdkörper. Zwischen Ironie und Ennui blitzt immer wieder dieser typisch britische Humor auf – trocken genug, um ihn fast zu überhören .Fazit, oberpfälzisch gedacht:
Kurz, grantig, gescheit – aber halt auch schnell vorbei. Ein Album wie ein gutes Wirtshausgespräch: laut, witzig, und bevor’ s wirklich tief wird, steht man schon wieder draußen.




