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Schobers Rock-Kolumne: Von alten Rockern und queren Geistern

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.
Kiki Annette, Vasilis Kost, Zoh Amba, The Bad Kind, UFO, My Precious Bunny

Schobers Rock-Kolumne: Von alten Rockern und queren Geistern

War jemand schon mal in Goslar oder gar Quedlinburg? Totaler Top-Tipp kann ich nur sagen. Hat mir ChatGPT empfohlen, als ich nach interessanten Zwischenstopps auf der Strecke Hannover-Parkstein gesucht habe. Diese Städte im Harz haben 1.500, b.z.w. 2.200 Fachwerkbauten allererster Güte vorzuweisen. Ein Muss, zu dem ich bald wieder hin muss, denn vor allem in Goslar kann man wunderbar am Mittelalter schnuppern und Absteigen wie die „Harz-Lodge“ laden zum Verweilen zu sehr günstigen Preisen. Das Bier ist auch sehr süffig. Man trinkt dort die Gose, ein obergäriges, naturtrübes Weizenbier, das traditionell mit Salz und Koriander gebraut wird.

Aber wie bekomme ich jetzt den Dreh zur ersten Platte dieser Ausgabe hin?

Kiki Annette singt weder übers Mittelalter noch ist sie bekennende Biertrinkerin. Ach ja, aber ihr Debüt, „And Scene!“ (Zip Records) ist vielleicht nicht süffig, aber doch recht gut goutierbar, man kann es also auch über die Ohrstöpsel hören, während man durch die pittoresken Gassen der Goslarer Altstadt schlendert.

Da passt ihr leicht barock angehauchter, cineastischer Art-Pop und melancholischer, Chanson-artiger Folk-Noir sogar recht gut. Die Frau Anette wirft sich auf dem Artwork der Platte in wallendem Kleid vor einen wallenden, roten Brokatvorhang, was sehr viel über diese Musik aussagt. Leonard Cohen fällt einem hier ein, ein gezähmter Tom Waits, eine Kate Bush ohne Feen-Staub oder etwas aktueller, die famose Kollegin Lana Del Rey.

Mit der Laute unterwegs

Hat man sich von Goslar verzaubern lassen, geht es weiter nach Quedlinburg und hier passt dann die Musik des in Amerika lebenden Griechen Vasilis Kostas noch viel besser. Auf seinem neuen, seiner verstorbenen Mutter gewidmeten Album „Léna“ bedient der studierte Musikus das Laouto – ein traditionelles Saiteninstrument aus der Familie der Lauten, ähnlich der Oud, dessen Ursprünge bis ins antike Griechenland zurückreichen.

Dazu kommen dann noch Klavier, Lyra, Perkussion, ein Streichquartett und die ätherische Stimme der Sängerin Aimilia Chalkia. Inmitten der alten Gemäuer der Stadt ist man bei diesen Klängen längst vergangenen Epochen ganz nah. Diese Melodien erinnern zum einen an den typischen Griechenland-Sound, man hat aber auch den portugiesischen Fado im Ohr.

Witron Zoiglbrotzeit
Witron Zoiglbrotzeit

Rock`n`Roll will never die

Scharfer Cut! Wir lassen Mittelalter Mittelalter sein, bleiben aber doch noch ein wenig in der Vergangenheit. Einer meiner allerersten Singles, es dürfte 1972 gewesen sein, war UFO mit dem Titel, „Prince Kajuku“. Die B-Seite hieß „The Coming Of Prince Kajuku“ Hab ich immer noch, ist nur ziemlich ramponiert, denn als Abspielgerät diente einst ein tragbarer, batteriebetriebener, aufklappbarer Philips-Plattenspieler mit Stahlnadel.

Die Kapelle um Leadsänger Phil Mogg hat nun eines ihrer wichtigsten und erfolgreichsten Alben, „The Wild, The Willing and The Innocent“ (Bertus) als Deluxe-Edition nochmals veröffentlicht. Auf 2 CD`s, b.z.w. 3 Platten wird Hard-Rock at it´s best zelebriert. Das gesamte Originalmaterial wurde natürlich restauriert und neu gemastert, aber das kennt man ja.

Interessant ist eher der elf Songs umfassende Songreigen, „Live at the Hammersmith Odeon“ mit so bekannten Knallern wie „Doctor, Doctor“ oder dem fast zehnminütigen „Lights Out“.

Ungewohnte Klänge aus Tennessee

Und nochmals eine Kehrtwende um 180 Grad: Tennessee in den USA ist natürlich bekannt für Memphis und Nashville. Es gibt dort auch den Dolly Parton Theme Park, „Dollywood“ geheißen. Neben allerlei Fahrgeschäften steht dort auch ihr (sicherlich nachgebautes) Geburtshaus, eine einfache Holzhütte mit gestampften Lehmboden und im Frühjahr findet dort immer das „Festival Of Nations“ statt -ein bunter, folkloristischer Show-Reigen mit Künstlern aus aller Welt.

Ich war da schon dreimal mit meiner Produktion, „Mother Africa“ zu Gast, darum gibt es auch ein Foto mit Dolly und mir und darum weiß ich das alles. Ein Kuriosum am Rande: Im Park gibt es verdammt viele Trumpisten und extrem adipöse Menschen. Wenn man in die Werkskantine von Dollywood geht, gibt es dort eine ganze Parade an Softdrinks, die nichts kosten. Das einzige was man dort überhaupt bezahlen muss ist Mineralwasser.

Wir kommen auf den „Volunteer State“, weil da auch eine interessante Musikerin namens Zoh Amba her stammt. Die hat ihre Meriten eigentlich als Jazz-Saxophonistin in New York verdient, wurde dort gar vom großen John Zorn gefördert und produziert. Jetzt ist sie zu ihren Wurzeln zurück gekehrt, hat Saxophon gegen Gitarre eingetauscht und ihr Debüt, „Eyes Full“ (Matador) aufgenommen. Bei Titeln wie „Thousand Years“ kann man noch so etwas wie Free-Jazz im Sinne von Universal Congress Of heraushören.

Ansonsten klampft und singt die queere Musikerin in ziemlicher Schräglage ihre Lieder über die wenig Geliebten und Abgehängten dieser Welt, über das durch Medikamente abgestumpften Kind bis zum Mann mit der Motorsense, der mit Gott Verstecken spielt. Dirty Three-Schlagzeuger Jim White (spielte auch für (Bonnie Prince Billy, Cat Power, Bill Callahan und andere) bearbeitet ruppig die Felle, Ambas bester Freund Kevin Hyland steuert verzerrte E-Gitarren bei. Es eiert an allen Ecken und Enden dieser infantil verspielten Platte, aber das macht wohl auch ihren Reiz aus.

Ein lecker Gumbo-Süppchen

Nicht weit entfernt von Tennessee liegt Louisiana. Dort wird seit ehedem der Blues zelebriert, gerne auch mal mit Soul und Funk fusioniert. New Orleans mit seiner ganz eigenen Jazz-infizierten Szene ist ja auch gleich um die Ecke, ideale Voraussetzungen also um schwer groovende Crossover-Süppchen anzurühren.

Einer der das ganz besonders gut kann ist der Sänger und Mundharmonikaspieler Jason Ricci mit seiner Band, The Bad Kind. Die haben jetzt auch schon 13 Alben auf dem Rücken, klingen aber frisch und munter wie juvenile Novizen. Angenehm, dass „13 Hours“ (Bertus) kein reines Mundharmonika-Album geworden ist, Ricci gefällt sich eher als kompetenter Mitspieler denn als Egomane.

Wer schon mit Walter Trout, Tom Morello und Johnny Winter gespielt hat, muss sich halt auch nichts mehr beweisen. Mein Lieblingssong auf der Platte ist das zwölfminütige Titelstück, das sich langsam aber dringlich aufbaut und einfach ein herrlicher Blues-Jam mit Kaitlin Dibble an den Vocals geworden ist.

Es gibt sie noch, die Pandemie-Platten

Machen wir doch noch einen Abstecher nach Cornwall. Dort hat Lily Wolter, ein Teil der Dream-Pop-Kapelle Penelope Isles den Lockdown bei ihren Eltern verbracht. Und ja, es gibt sie immer noch, diese „Pandemie-Platten“. Wolter kam zudem noch aus einer langjährigen Beziehung, war deprimiert, gestresst, tief-traurig, halt so richtig schlecht drauf. Dass Künstler solche Tieflagen oft für kreative Ausbrüche nutzen ist nichts ungewöhnliches -und geht auch meistens gut.

Die Mama hatte sie immer My Precious Bunny genannt und so heißt jetzt auch ihr Solo-Projekt. „A Moment In My Eyes“ (Bella Union) ist jetzt nicht so ganz weit entfernt von der Mutter-Band. Diese Songs zeichnen sich durch eine vielschichtige, emotionale Klanggestaltung aus: verzerrte Pop-Elemente, Saxophon-Passagen, warme analoge Synthesizer und unruhige Gitarren treffen auf rohe Chorstimmen. Daraus entsteht ein unmittelbarer, dynamischer Sound, dessen ineinandergreifende Melodien ein Gefühl von Nähe und Zusammenhalt vermitteln. Wer jetzt an Cigarettes After Sex oder Beach House denkt, hat verstanden was ich sagen wollte.