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Von Angesicht zu Angesicht – eine Pilgerreise zu den Menschen verschiedener Religionen

Eslarn. Der aus Eslarn stammende Pfarrer Martin Rupprecht reist von Ankara über Iznik bis Istanbul, um Christen, Muslime und Juden zu treffen und Brücken zu bauen. Im Fokus stehen Seelsorge, Zuhören und echter Dialog.

Von Angesicht zu Angesicht – eine Pilgerreise zu den Menschen verschiedener Religionen

Foto: Martin Rupprecht
Foto: Martin Rupprecht
Foto: Martin Rupprecht
Foto: Martin Rupprecht
Foto: Martin Rupprecht

Gemeinsam mit dem Kapuzinerpriester Endale Haile Fereja aus Äthiopien führte ihn die Reise zunächst nach Ankara, anschließend nach Iznik, dem historischen Nicäa, und schließlich nach Istanbul. Überall ging es um Begegnung, Zuhören und den Versuch, Brücken zwischen unterschiedlichen religiösen und kulturellen Erfahrungen zu bauen.

Eine Begegnung mit langer Vorgeschichte

In Ankara traf Rupprecht auch Melahat Melek Yılmaz Dogangönül, eine aus Ankara stammende Theologin und Soziologin, die bei der türkischen Religionsbehörde tätig ist und mehrere Jahre in Wien gelebt und gearbeitet hat. Bereits vor rund zehn Jahren begegneten sie sich bei einem Besuch einer Delegation der türkischen Religionsbehörde in Wien. Pfarrer Rupprecht gab damals Einblicke in die praktische Arbeit der katholischen Seelsorge in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Gefängnissen. Aus diesen Begegnungen entwickelte sich eine konkrete Zusammenarbeit. Erfahrungen aus der österreichischen Seelsorgepraxis wurden aufgenommen, für den türkischen Kontext weiterentwickelt und dort in entsprechenden Einrichtungen eingesetzt. Wie nachhaltig diese Zusammenarbeit war, zeigte sich nun bei der neuerlichen Begegnung in Ankara.

„Du hast maßgeblich dazu beigetragen.“ Nach der Reise reagierte Yılmaz Dogangönül auch öffentlich auf Rupprechts Reisebericht auf Facebook. Ihre Worte machten deutlich, welchen Stellenwert die gemeinsame Arbeit für sie persönlich und institutionell hatte. Sie schrieb, sie habe Rupprechts „engagierte Arbeit zum Wohle der Gesellschaft in Wien“ persönlich miterlebt. Besonders erinnerte sie an seine Unterstützung bei Projekten für benachteiligte Menschen, die unter dem Dach der ATIB-Zentrale (Avrupa Türk-İslam Birliği) und mit Förderung durch das Präsidium für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften (YTB) entstanden waren. Besonders hob sie die Zusammenarbeit beim Aufbau und bei der Ausbildung eines Teams für Krankenhausseelsorge unter der Schirmherrschaft des türkischen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten hervor. Auch die gemeinsamen Besuche in Wiener Krankenhäusern, Seniorenheimen und Gefängnissen sowie die Kontakte zu österreichischen Behörden seien wichtige Bestandteile dieser Arbeit gewesen.

Rupprecht habe, so Yılmaz Dogangönül, „maßgeblich dazu beigetragen“, die theoretische und praktische Ausbildung des Teams zu ermöglichen und die notwendigen Kontakte und Genehmigungsverfahren zu koordinieren. Ihre Rückmeldung versteht Rupprecht auch als Zeichen dafür, dass persönliche Begegnungen über religiöse und institutionelle Grenzen hinweg langfristige Wirkung entfalten können.

Seelsorge hinter Gefängnismauern

In Ankara besuchte Rupprecht das große Gefängnis in Sincan. Besonders beeindruckte ihn die Arbeit des dortigen Seelsorgeteams in der Jugendabteilung. Gesprächstherapie, Korankurse, Schulunterricht und Ethikunterricht gehören ebenso zum Angebot wie kreative Aktivitäten, beispielsweise Töpfern. Ziel ist es, den Jugendlichen neue Perspektiven zu eröffnen und ihnen Möglichkeiten für ihr späteres Leben zu geben. Für Rupprecht war dabei weniger die Institution Gefängnis entscheidend als die Frage, wie Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleitet werden können. „Seelsorge beginnt dort, wo ein Mensch mit seiner Geschichte gesehen und ernst genommen wird“, beschreibt Pfarrer Rupprecht seine Erfahrung sinngemäß.

Begegnung mit Kranken

Ein weiterer Besuch führte die Reisegruppe in das Etlik-Spital in Ankara. Mit rund 4.500 Betten und etwa 16.000 Beschäftigten gehört es zu den großen medizinischen Einrichtungen des Landes. Auch hier begegnete Rupprecht einem Seelsorgeteam, dessen Arbeit ihn beeindruckte. Besonders aufmerksam nahm er die Feinfühligkeit und Empathie im Umgang mit den Kranken wahr. Für ihn zeigte sich dabei erneut, dass spirituelle Begleitung nicht darin besteht, Menschen etwas überzustülpen. Vielmehr gehe es darum, Menschen in ihrer jeweiligen Situation wahrzunehmen, ihnen zuzuhören und ihnen beizustehen.

Grammer Solar
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Wiedersehen in der Zentrale der Diyanet

Ein wichtiger Termin war der Besuch bei der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Bereits 2008 war Rupprecht gemeinsam mit dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn dort zu Gast gewesen. Die damalige Begegnungsreise hatte er maßgeblich mit vorbereitet. Schönborn sei zunächst zurückhaltend gewesen und habe den damaligen Papst Benedikt XVI. um Rat gefragt. Dessen Antwort, so erinnert sich Rupprecht, habe gelautet: „Mach, was dir Pfarrer Rupprecht vorgeschlagen hat.“ Die Begegnung entwickelte sich zu einem wichtigen Austausch zwischen der katholischen Kirche und der türkischen Religionswelt. Nach Einschätzung des damaligen türkischen Botschafters sei sie – nach dem Papstbesuch – eine der bedeutendsten religiösen Begegnungen der Türkei mit der katholischen Kirche gewesen.

Bei seinem aktuellen Besuch in Ankara traf Rupprecht erneut auf Imame, die er bereits aus Österreich kannte. Das Wiedersehen machte für ihn deutlich, dass interreligiöser Dialog nicht allein von offiziellen Veranstaltungen lebt. Entscheidend seien die persönlichen Beziehungen, die über Jahre wachsen.

Nicäa – Geschichte wird zur Begegnung

Von Ankara ging es weiter nach Iznik, dem historischen Nicäa. Für die Christenheit ist dieser Ort von herausragender Bedeutung. Im Jahr 325 fand hier das Erste Konzil von Nicäa statt.

Rupprecht besuchte eine ehemalige Kirchenstätte. Doch auch hier wurde aus einem historischen Ort schnell eine Begegnung mit einem Menschen der Gegenwart. Mit einem Sicherheitsmitarbeiter kam er ins Gespräch. Aus dem zunächst geplanten Besuch eines historischen Bauwerks entwickelte sich ein persönlicher Austausch über Familie, Lebensumstände und gegenseitige Hilfe. Für Rupprecht war dies geradezu typisch für die Reise: Die Geschichte war wichtig – aber die Menschen, denen er begegnete, wurden zum eigentlichen Mittelpunkt.

Begegnungen in Istanbul

In Istanbul setzte sich der interreligiöse Charakter der Reise fort. Gemeinsam mit Bischof Hermann Glettler aus Innsbruck konnte Rupprecht den griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus besuchen. Auch hier ging es um die Frage, wie Menschen unterschiedlicher christlicher Traditionen und Religionen miteinander im Gespräch bleiben können.

Zum Abschluss der Reise begegnete Rupprecht dem jüdischen Rabbi Mendy Chitrik in einer Synagoge. Chitrik ist Sprecher der Rabbiner in islamischen Ländern und engagiert sich für den persönlichen Kontakt über religiöse und politische Grenzen hinweg.

Damit kamen auf dieser Reise drei große religiöse Traditionen immer wieder miteinander ins Gespräch: Christentum, Islam und Judentum.

Die Sehnsucht nach Begegnung

Dass dieses Anliegen auch über die unmittelbaren Begegnungen hinaus Menschen erreicht, erlebt Pfarrer Rupprecht aus Wien inzwischen auch über die sozialen Medien. Auf seine Videos und Beiträge haben sich zahlreiche Muslime bei ihm gemeldet. Insgesamt haben seine Beiträge auf Instagram und TikTok rund 70.000 Aufrufe erreicht. „Es gibt eine große Sehnsucht nach einem Weg des Miteinanders“, beschreibt Rupprecht die Reaktionen. Auch die öffentliche Rückmeldung von Melahat Yılmaz Dogangönül passt in dieses Bild. Ihre Worte zeigen, dass aus Begegnungen konkrete Zusammenarbeit entstehen kann – und dass Erfahrungen, die Menschen gemeinsam machen, auch viele Jahre später noch verbinden.

Nicht Steine, sondern Menschen

Der Titel seines Reiseberichts bringt die Erfahrung der Reise auf den Punkt: „Von Angesicht zu Angesicht: eine Pilgerreise, nicht um Steine, sondern Menschen zu treffen.“

Natürlich waren die historischen Orte, Kirchen, Moscheen und Synagogen wichtige Stationen. Doch prägend waren für Rupprecht vor allem die Menschen: die Jugendlichen im Gefängnis, die Kranken im Spital, die Seelsorger, Imame, Bischöfe und Rabbiner – aber auch jene Menschen, denen er zufällig begegnete. Gerade diese ungeplanten Begegnungen machten für ihn den besonderen Charakter der Reise aus.

Ein Buch als Abschluss und Auftrag

Auf der Heimreise begann Rupprecht ein gemeinsames Buch von Bischof Hermann Glettler und dem ägyptischen Imam Aboualwafa Mohammed zu lesen: „Nicht Hass, die Liebe wählen. Ein Bischof und ein Imam über Spuren der Hoffnung in einer verwundeten Gesellschaft.“ Der Titel könnte zugleich als Leitmotiv der Reise verstanden werden. Denn Rupprecht geht es nicht darum, Unterschiede zwischen Religionen zu leugnen.

Im Gegenteil: Gerade wer die eigene religiöse Überzeugung ernst nimmt, kann dem anderen mit Respekt begegnen. Seine Erfahrung lautet: Vertrauen entsteht nicht zuerst durch große Erklärungen, sondern durch Begegnungen. Man muss einander kennenlernen, miteinander sprechen und einander zuhören.

Dialog als langfristige Aufgabe

Für Rupprecht ist die Türkei-Reise deshalb kein abgeschlossenes Kapitel. Sein Engagement im christlich-muslimischen Dialog setzt sich auch nach der Rückkehr fort. Als Adviser for Christian-Muslim Affairs in Wien beschäftigt er sich weiterhin mit Fragen des interreligiösen Austauschs und mit Möglichkeiten, gegenseitiges Verständnis durch persönliche Begegnungen zu fördern. Die Rückmeldung aus Ankara hat dabei für ihn eine besondere Bedeutung. Sie erinnert daran, dass Dialog nicht nur aus Worten besteht. Er zeigt sich auch in gemeinsamer Arbeit – etwa dort, wo Menschen unabhängig von ihrer Religion Kranken, Gefangenen, älteren Menschen oder anderen Benachteiligten beistehen.

Vielleicht liegt darin die wichtigste Erfahrung dieser Reise: Wer Menschen wirklich begegnet, sieht irgendwann nicht mehr zuerst die Religion, die Herkunft oder die Institution. Er sieht den Menschen und genau dort sollte der Dialog beginnen.

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