Was wir euch noch erzählen wollten: Günther Langhammer stellt Buch vor

Was wir euch noch erzählen wollten: Günther Langhammer stellt Buch vor
“Ich bin ganz verdattert, diesen Raum so voll gefüllt zu sehen”, meint der Autor mit Blick in den Saal. Unter den Besuchern: viele der betagten Interview-Partner, die älteste Dame schon 93 Jahre alt. Sie gaben dem Heimatforscher (selbst 78) sehr persönliche Einblicke in ihre Kindheit und Jugend in Neustadt/WN in den 1920er bis 1960er Jahren.
Aus historischer Sicht ist dem pensionierten Geschichtslehrer die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Neustadt/WN bestens vertraut. Langhammer hat mit seinen Werken „Ein langer Weg in die totalitäre Diktatur“ und „Vom Hakenkreuz zum Bundesadler“ die Lücken in der historischen Literatur über die Kreisstadt geschlossen.
Dank für Vertrauen und Offenheit
Jetzt ging es ihm um den “Blick von unten”: “Dieses Buch ist ein Perspektivenwechsel.” Unter anderem half ihm Alt-Bürgermeister Rupert Troppmann, geeignete Interview-Partner zu finden. Manche Leute sprach Langhammer auch einfach auf der Straße an. “Bei den Frauen hatte ich da nie ein Problem”, sagt der 78-Jährige, sehr zum Vergnügen der Zuhörer. Seine Ehefrau Christine schmunzelt mit Nachsicht.
Und vielleicht ist es gerade dieser anständige Zug an Langhammer, der zu den wunderbaren Geschichten verhalf, die sich auf 320 Seiten in seinem Buch versammeln. Aus Rücksicht auf die heikle NS-Zeit lässt der Autor die Nachnamen weg. Er will niemanden outen. “Ich war dankbar, dass einfach erzählt wurde, wie das damals war.” Seit 2019 befragte er 36 Neustädter, 2020/21 gebremst durch Corona. “Ich bin allen sehr dankbar für ihre Offenheit und das Vertrauen.”
Kindheit geprägt von Krieg, Hunger und Angst
Was ist herausgekommen? Langhammer nennt es “Erinnerungsprojekt”, ein Versuch der Kommunikation zwischen den Generationen. Er rät allen jungen Leuten, nicht zu warten bis es zu spät ist: “Um sich nicht einmal sagen zu müssen: Hätte ich doch meine Mutter oder meine Oma gefragt!”
Die Texte entführen in eine lebendige städtische Gemeinschaft längst vergangener Zeiten. Junge Leser treffen eine Welt an, die ihnen völlig fremd ist: Krieg, Hunger, Ängste. “Manchmal frage ich mich, wie sich Kinder in der Ukraine, Israel und dem Gaza-Streifen erinnern werden?” Geschildert werden aber auch harmlose Vergnügungen, wie das Baden in der Floß (in die gelegentlich die Säurebäder der Bleikristallfabrik abgelassen werden, was zum Bizzeln an den Beinen führte).
Der halbe Saal – die etwas Älteren – stöhnt auf, als der Name des Lehrers Ries fällt, von dem das Zitat überliefert ist: “Der Teufel hat mich zu diesem Beruf verführt.” Wohlwollendes Raunen beim unvergessenen Prälaten Joseph Greil. Und immer wieder Krieg: Einem Neustädter (Jahrgang 1935) hatte sich der Kriegsbeginn im September 1939 mit einer Szene eingebrannt, als die Mutter mit dem neugeborenen Bruder im Arm in Tränen ausbrach.
Ganz andere Erziehungsmethoden
Für viele Kinder folgte ein vaterloses Aufwachsen. Und wenn der Vater hin und wieder auf Fronturlaub nach Hause kam, blieb er ihnen fremd. Ein Neustädter berichtet von der letzten Post, die im Februar 1945 aus Polen in Neustadt ankam. Es folgte quälende Ungewissheit. Bis in die 1950er Jahre, als die letzten Neustädter Kriegsgefangenen heimkehrten, hoffte die Mutter auf die Rückkehr des Vaters.
Die Erziehung damals – freilich eine ganz andere. Berichtet wird von diktatorischen Vätern, strengen Schulschwestern, Tatzenhieben, täglichem Ministrieren im Kloster. Beruflich waren die jungen Leute damals extrem eingeschränkt: Es blieb die Wahl zwischen Glasfabriken in Neustadt und Altenstadt – und Porzellanfabriken in Weiden. Friseurin, Kindergärtnerin? Diese Berufswünsche blieben Wünsche.
Die 150 Zuhörer in Neustadt/WN hätten Langhammer gern noch weit länger als eine Stunde zugehört. “Aber es muss ja noch etwas zum Lesen bleiben”, meint der Autor.
Dank an Druckerei Kollerer
“Wir haben ein Problem”, fürchtet Bürgermeister Sebastian Giering: “Die Exemplare werden nicht reichen.” Beinahe jeder Besucher lässt sich ein Buch signieren. Am Donnerstag gilt ein Sonderpreis von 25 Euro. Bernhard Knauer, Vorsitzender des Neustädter Museumsvereins, kann Entwarnung geben: Es sind ausreichend Bücher auf dem Markt, erhältlich in der Neustädter Buchhandlung Richter und im regionalen Buchhandel.
Knauer dankt Autor Langhammer für sein Engagement: “Unwiederbringliche Geschichten werden der Nachwelt erhalten.” Sehr viel Lob gilt Friedrich Kollerer von der gleichnamigen Neustädter Druckerei. Das Papier ist hochwertig, die Fotos optimal bearbeitet, die Gestaltung ansprechend. “Schön, dass wir solche Firmen in Neustadt haben.”







