Müllskandal größer als gedacht: Gefährliche Körperverletzung an neun Mitarbeitern angeklagt

Müllskandal größer als gedacht: Gefährliche Körperverletzung an neun Mitarbeitern angeklagt
Die Staatsanwaltschaft Weiden hat Anklage zum Landgericht Weiden erhoben. Die Dimensionen sind seit der Haftbefehlseröffnung noch gewachsen. 54 Mal soll der Unternehmer illegal Müll nach Tschechien und – neu! – nach Polen gebracht haben. Motiv: Gewinnsucht.
Der 53-jährige Geschäftsführer feierte seine Firma als „hochinnovatives Unternehmen“. Der Firmensitz war in Weiden, die Betriebsstätte in Wernberg. Kern der Halle in Wernberg war eine „einzigartige Recyclinganlage“ für Batterien. Das bayerische Wirtschaftsministerium förderte die Wunder-Maschine mit über zwei Millionen Euro. Sie sollte Lithium-Ionen-Batterien in ihre vier Bestandteile zerlegen: Metalle, Kunststoffe, Elektrolyte und schwarze Masse.
Anlage trennte nicht sauber
Problem dabei: Die Anlage konnte die gefährliche und krebserregende schwarze Masse (ein schwarzes Pulver) nicht sauber von den Kunststoffen und den Metallen trennen. Als das Landratsamt Schwandorf eine Laboranalyse einforderte, wurde es eng für den Unternehmer. Im Mai 2024 stand fest: Alle vier Bestandteile – auch die Kunststoffe und Metalle – wurden nun als gefährlich eingestuft. Mit deutschen Entsorgern gab es aber nur Verträge für nicht gefährliche Abfälle.
Wohin also damit? Laut Anklage schaffte der Unternehmer allein 16.000 Kilogramm dieses Materials in über 50 „Big Bags“ nach Tschechien. Angeblich ging die Fahrt zur Firma Piroplastik, einer reinen Briefkastenfirma, wie sich herausgestellt hat. Stattdessen lud der Lkw die Säcke auf einer illegalen Deponie in Jirikov ab. Teils sollen die „Big Bags“ nicht einmal ordentlich verschnürt gewesen sein. Eine Verseuchung des Erdreichs wird nicht ausgeschlossen.
Neun Mitarbeiter mit alarmierenden Blutwerten bzw. Beschwerden
Noch viel schlimmer wäre, wenn sich bewahrheitet, was die gefährliche schwarze Masse mit den Mitarbeitern machte. Die Staatsanwaltschaft Weiden bezichtigt den 53-Jährigen der gefährlichen Körperverletzung in neun Fällen. Die Batterie-Recyclinganlage war ein Prototyp eines bayerischen Anlagenbauers. Genehmigungsbehörde war das Landratsamt Schwandorf, die Überwachung oblag dem Gewerbeaufsichtsamt der Regierung der Oberpfalz.
Das Gewerbeaufsichtsamt warnte schon im August 2024 vor akut toxischen Stoffen in den Metall -und Kunststoff-Bestandteilen. Die krebserregenden Stoffe gerieten laut Gewerbeaufsicht an die Luft, weil ein Bauteil undicht war. Die Behörde ordnete eine medizinische Untersuchung der zuständigen Mitarbeiter an. Ergebnis: Sieben Mitarbeiter hatten erhöhte Werte von Nickel und Kobalt im Urin, zwei weitere litten an Nebenwirkungen durch verunreinigte Luft (Atemlosigkeit, Übelkeit etc.).
Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Der 53-Jährige ließ die Anlage weiterlaufen, bis die Polizei im März 2025 im Betrieb stand.
Windkraft-Schrott einfach abgeladen?
Großes Thema der Anklage sind GFK- und CFK-Abfälle, also glasfaser- und kohlenfaserverstärke Kunststoffe. Sie stammen aus dem Rückbau von Windkraftanlagen und Flugzeugen. Weil die Kapazitäten in Wernberg nicht reichten, soll der Angeklagte 700 Tonnen dieser Abfälle illegal nach Tschechien gebracht haben. Offiziell an die (Briefkastenfirma) Piroplastik, in Wahrheit auf illegale Deponien in Horni Hospice (bei Brünn) und Slizany. Einmal wurde ein Lkw vom Zoll gestoppt. Daraufhin sollen Frachtbriefe gefälscht worden sein. Die Rede ist von 37 Transporten.
Auch Polen betroffen
Längst nicht alles: Ein weiterer Anklagepunkt betrifft Batterien. So seien fast 25.000 Kilogramm Abfallbatterien als „Abfall der grünen Liste“ nach Tschechien gebracht worden, obwohl sie „gefährlicher Abfall“ waren.
Ein Thema sind auch Produktbatterien, also Abfallbatterien, die nach einer Produktprüfung wieder als Produkte gelten. Hier soll sich der Unternehmer die Prüfung gespart haben. Die Batterien wurden einfach nach Krnov und Ostrava gefahren. Die deutschen Kunden wurden abkassiert, obwohl nie ein Recycling stattfand – so der Vorwurf. Einer dieser Fälle betrifft Polen. Hier sorgte zumindest der polnische Abnehmer im Nachhinein für eine Prüfung.
Seit August 2025 in U-Haft
Der Unternehmer befindet sich seit August 2025 in Untersuchungshaft. Mitangeklagt ist ein tschechischer Mitarbeiter (57). Laut Staatsanwaltschaft vermittelte er Kontakte zu tschechischen Firmen und sondierte mögliche illegale Deponien.
Der Geschäftsführer wird von den Rechtsanwälten Rouven Colbatz (Weiden) und Stefanie Amann (München) verteidigt. Der Tscheche wird von Rechtsanwalt Johannes Zintl vertreten. Das Landgericht Weiden entscheidet nun, ob es die Anklage zur Hauptverhandlung zulässt. Bis zu einem Urteil gilt die Unschuldsvermutung.




