Motorradfahrer bei Trabitz getötet - Unfallverursacher darf Führerschein behalten

Motorradfahrer bei Trabitz getötet - Unfallverursacher darf Führerschein behalten
Das Urteil über die Tat ist schon rechtskräftig: Ein Strafrichter am Amtsgericht Weiden hat den 61-jährigen US-Bürger im Juli unter anderem wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Verhängt wurden zwei Jahre Haft auf Bewährung, dazu Zahlungen an die Hinterbliebenen. Außerdem sprach das Amtsgericht eine Maßregel aus: Der Führerschein sollte eingezogen werden. Vor Ablauf von 2,5 Jahren sollte ihm die Verwaltungsbehörde keine neue Fahrerlaubnis ausstellen dürfen.
Gegen diesen Führerscheinentzug richtete sich jetzt die Berufung. Den Rest des Urteils hat der 61-jährige Amerikaner, der seit 1986 in Deutschland lebt, akzeptiert. Dass er die Fahrerlaubnis nun tatsächlich behalten darf, hat er einem unerklärlichen Umstand zu verdanken: Ihm wurde nach dem Unfall nie der Führerschein entzogen. Erst jetzt, mit dem Amtsgerichtsurteil, hätte er ihn abgeben müssen.
Seit dem Unfall sind über zwei Jahre verstrichen. Zwei Jahre, in denen der Angeklagte 180.000 Kilometer zurückgelegt hat. Unfallfrei, ohne Beanstandungen. Sein Fahreignungsregister ist reinweiß, ebenfalls sein Bundeszentralregister. Er kann Abstinenznachweise vorlegen, er besucht eine verkehrspsychologische Praxis. Sein Anwalt Jörg Stingl meint, man könne ja sogar sagen: “Zweieinhalb Jahre nicht Auto fahren würde die Gefahr erhöhen, weil ihm dann die Fahrpraxis fehlt.”
Führerschein wurde nie entzogen
“Absurd” nennt das die Tochter des getöteten Motorradfahrers (63) als Nebenklägerin. “Auf neutraler Ebene kann ich seine Argumentation nachvollziehen: Er ist zwei Jahre gefahren, ohne dass etwas passiert ist. Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann ist, dass ihm das überhaupt möglich war.” Am Donnerstag bleibt ihre Frage unbeantwortet: “Warum wurde an den verschiedensten Zeitpunkten in den letzten zwei Jahren versäumt, ihm die Fahrerlaubnis vorläufig zu entziehen?”
Tatsache ist: Der Mann fuhr nach August 2023 unbehelligt weiter. Zigtausende Kilometer. Der Elektrotechniker wartet Panzer in Polen. Er arbeitet seit seinem Ausscheiden aus der US-Armee 1993 für eine private Firma im Auftrag der ukrainischen, polnischen und amerikanischen Streitkräfte. Gerade erst ist er aus Polen zurück. Wie sein Anwalt Jörg Stingl sagt, habe ihm der Arbeitgeber die Kündigung signalisiert, sollte er seine Fahrerlaubnis verlieren.
Motorradfahrer die Gliedmaßen abgerissen
Er fuhr weiter, trotz des verheerenden Unfalls vom 19. August 2023. Gegen Mittag setzte sich der 61-Jährige unter dem Einfluss von THC (Cannabis) und Medikamenten ans Steuer seines Audi A3. Er fuhr auf der Staatsstraße von Pressath in Fahrtrichtung Kemnath. In einer langgezogenen Rechtskurve bei Trabitz setzte er – vor Erreichen der Sperrlinie – zum Überholvorgang an. Er überholte eine Kolonne von mindestens vier Pkw, darunter ein Gespann mit Pferdeanhänger.
Auf Höhe der Kläranlage kamen ihm die beiden hintereinander fahrenden Motorradfahrer entgegen. Das Gutachten ist eindeutig: Obwohl es noch möglich gewesen wäre, scherte der Audi-Fahrer nicht ein. Sein Wagen krachte frontal in das erste Motorrad. Dem Fahrer (damals 35) wurden die linken Extremitäten abgerissen. Er schwebte in Lebensgefahr. Amputationen des Beines und des Armes waren nötig. Das Fahrzeug drehte weiter und kollidierte mit dem zweiten Krad. Der 63-jährige Fahrer starb an der Unfallstelle. Fazit des Sachverständigen: “Der Unfall wäre vermeidbar gewesen.” Sogar noch mit einem Wieder-Einscheren.
Urteil ist rechtskräftig, es geht nur um Maßregel
Das ist alles glasklar bewiesen, gestanden, abgeurteilt. Am Donnerstag geht es daher “nicht mehr um Schuld und Sühne”, betont Richter Dr. Marco Heß. Sondern nur noch um die Maßregel, also eine präventive Maßnahme für die Zukunft. Zentrale Frage ist dabei, ob jetzt und heute vom Angeklagten noch eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Es sei schwer, den Blick auf diese Frage zu beschränken, sagt Richter Heß. Er habe die Tragik ja vor Augen: “Sie sitzen vor mir.” Er sehe das “unermessliche Leid”. “Aber darüber haben wir hier heute nicht zu befinden.”
Am Ende entscheidet die Berufungskammer auf Abänderung des ersten Urteils, wie selbst von Staatsanwältin Magdalena Stahl beantragt. Sprich: Der Führerschein wird nicht eingezogen. “Abstinenznachweis, Fahraufbaukurs, 190.000 unbeanstandete Kilometer seit der Tat – welche Umstände könnten noch dafür sprechen, ihm die Fahrerlaubnis zu entziehen?”
Nebenkläger enttäuscht
Beide Nebenkläger richteten davor – letztlich ohne Erfolg – eindringliche Worte an den Richter und seine zwei Schöffen. Der Kfz-Meister (heute 37) zeigt auf seine Prothesen: “Jeden Tag aufzustehen und zu sehen, dass da zwei Teile fehlen, ist nicht einfach.” Er hätte sich “ein bisschen Ausgleich und Gerechtigkeit gewünscht”: “Damit der Herr merkt, was er angestellt hat.”
Was bleibe letztlich von dem Urteil? Die Haft ist auf Bewährung ausgesetzt. Die Geldauflage treffe den gut verdienenden Mann nicht stark. “Das einzige, was ihm wehtut, ist der Führerschein. Sonst würde er nicht da hocken.” Er zeigt hinüber zum Angeklagten, der keine drei Meter entfernt von ihm sitzt.
Der Kfz-Meister ist mit Prothese und Stock ins Gericht marschiert. Seine Frau begleitet ihn, das Paar hat zwei Kinder (7 und 9). Die Familie aus Grafenwöhr hat nach dem Unfall ihr ganzes Leben umgekrempelt. Anwalt Werner Buckenleib nennt seinen Mandanten mit viel Respekt “einen Kämpfer”.
Emotionale Worte der Tochter des Verstorbenen
“Ich kann nie wieder mit meinem Papa sprechen. Ich kann ihn nie wieder um Rat fragen. Ich kann ihn nie wieder umarmen.” Auch die Tochter des verstorbenen Motorradfahrers ist Nebenklägerin, vertreten von Anwalt Christoph Mackenrodt. Sie kann die Tränen nicht zurückhalten. “Es geht hier nicht um eine kleine Sache, sondern um den Tod eines Menschen. Meines Papas.”
Die Regensburgerin empfand die lange Verfahrensdauer als belastend und das erstinstanzliche Urteil “auf emotionaler Ebene ein Witz”: “Ein Mensch ist tot!” Dass dem Unfallfahrer jetzt nicht einmal die vergleichsweise harmlose Maßregel eines Führerschein-Entzugs auferlegt werde, lässt sie hadern: “Ich hätte mir Gerechtigkeit erhofft. Dass auf Taten Konsequenzen folgen.”

Innerhalb einer Stunde: Zwei tödliche Unfälle am Samstagnachmittag
Kemnath/Pressath. Innerhalb einer Stunde kam es am Samstagnachmittag zu zwei verheerenden Unfällen im westlichen Landkreis Neustadt/WN. Zwei Motorradfahrer starben.


