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Hämatom aus Speichersdorf zurück auf den Bühnen der Ukraine

Speichersdorf. Die oberfränkische Metalband Hämatom kehrt für das Faine Misto Festival in die Ukraine zurück. Gitarrist Jacek Żyła spricht über Auftritte in Lwiw und Kyjiw, Trost durch Musik und den Kontrast zum Wacken-Headliner vor 80.000 Fans.

Speichersdorf. Die oberfränkische Metalband Hämatom kehrt für das Faine Misto Festival in die Ukraine zurück. Gitarrist Jacek Żyła spricht über Auftritte in Lwiw und Kyjiw, Trost durch Musik und den Kontrast zum Wacken-Headliner vor 80.000 Fans.
Jacek Żyła mit einem Fan bei einem Konzert in der Ukraine. Foto: Nico Scholl.

Hämatom aus Speichersdorf zurück auf den Bühnen der Ukraine

Die deutsche Metalband Hämatom kehrt für das Faine-Misto-Festival in die Ukraine zurück. Im Interview spricht Gitarrist Jacek Żyła über die Gründe für ihre Rückkehr.

Die deutsche Metalband Hämatom, die 2004 im oberfränkischen Speichersdorf gegründet wurde, kehrt in diesem Jahr für das Faine-Misto-Festival in die Ukraine zurück. Zuletzt spielte die Band Ende November 2025 Konzerte in Lwiw und Kyjiw. Im Vorfeld ihrer Rückkehr sprach Kathrin Beck mit Gitarrist Jacek Żyła darüber, wie es ist, in einem Land im Krieg aufzutreten, und warum die Band erneut in die Ukraine reist.

Erste Eindrücke aus Lwiw und Kyjiw

Beck: Wie habt ihr eure erste Reise in die Ukraine erlebt?

Żyła: Im November 2025 sind wir für vier oder fünf Tage in die Ukraine gereist; zunächst nach Lwiw und anschließend nach Kyjiw, wo wir jeweils ein Konzert gespielt haben. In Lwiw wirkte es vergleichsweise ruhig, auch wegen der Nähe zur polnischen Grenze. Kyjiw war dagegen eine vollkommen andere Erfahrung. Für uns persönlich war es keine Angst im eigentlichen Sinne. Aber zu sehen, wie die Menschen dort mit dem Krieg leben und trotzdem ihren Alltag weiterführen, hat uns tief bewegt. Die Nacht unseres Konzerts in Kyjiw ist uns allen bis heute im Gedächtnis geblieben.

Damals dachte ich noch, dass mich das Ganze weniger mitgenommen hat als die anderen. Rückblickend merke ich aber, dass es auch bei mir tiefe Spuren hinterlassen hat. Immer wenn ich heute eine Sirene höre, sei es an Silvester oder von einem Polizei- oder Feuerwehrfahrzeug, löst das etwas in mir aus. Ich zucke zusammen, und sofort kommen die Bilder aus Kyjiw wieder hoch.

Die Nacht des Angriffs in Kyjiw

Beck: Könntest du diese Nacht beschreiben?

Pflege Oberpfalz
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Żyła: Soweit ich mich erinnere, haben wir in dieser Nacht den bis dahin schwersten Angriff auf Kyjiw erlebt. Mindestens zwei Menschen wurden getötet und viele weitere verletzt. Die Angriffe erfolgten in mehreren Wellen und dauerten bis in die frühen Morgenstunden, etwa bis 8 Uhr. Es war sehr intensiv.

Hämatom in einem unterirdischen Bombenlager. Foto: Nico Scholl

Zwischen Krakau und Kyjiw: Emotionale Nachwirkungen

Beck: Wie hast du dich nach den Konzerten in der Ukraine gefühlt?

Żyła: Zwei Tage nach unserem Konzert in Kyjiw hatten wir einen weiteren Auftritt in Krakau. Ich erinnere mich, dass ich am Morgen vor dem Konzert im Hotel aufgewacht bin, aus dem Fenster geschaut habe und plötzlich alles so bedeutungslos erschien. Es war ein sehr seltsames Gefühl, fast depressiv, weil ich dachte: „Hier ist alles ganz normal, das Leben geht einfach weiter. Und nur 250 oder 300 Kilometer entfernt sterben Menschen.“ Man hat das Gefühl, nichts mehr tun zu können oder zumindest deutlich weniger als vor Ort. Es war ein sehr merkwürdiger Tag, und wir haben das alle gespürt. Am liebsten wäre ich sofort wieder in den Tourbus gestiegen, direkt zurück in die Ukraine gefahren und hätte geholfen, wo ich konnte.

Rückkehr in den Alltag

Beck: Wie ging es weiter, als ihr wieder zu Hause wart? War es leicht, in den Alltag zurückzufinden?

Żyła: „Ich weiß noch, dass ich in den ersten Nächten kaum schlafen konnte. Ich stand draußen in meiner Garage, habe geraucht und immer wieder gedacht: „Das kann doch nicht wirklich passiert sein.“ Es fiel mir schwer, das, was ich habe, wieder wertzuschätzen oder überhaupt zu genießen und dankbar dafür zu sein. Trotz allem habe ich bis heute das Gefühl, dass es, auch wenn das vielleicht nicht das richtige Wort ist, die schönste oder eher die wichtigste Erfahrung war, die wir als Band gemeinsam gemacht haben. Neben dem würdevollen Abschied von unserem Bassisten, als wir ihn zu Grabe getragen haben, ist das eine der beiden Erfahrungen, auf die ich mit dieser Band besonders stolz bin.

Umgang mit Kritik und politische Debatte

Beck: Ihr habt wegen eurer Haltung auch negative Kommentare in den sozialen Medien bekommen. Wie gehst du damit um?

Żyła: Diese Kritik hat mich eigentlich nie beschäftigt, weil es für mich bei diesem Thema keine Grauzone gibt. Es gibt einen Aggressor, und das ist Putin. Deshalb berührt mich die Kritik an unserem Engagement offen gesagt überhaupt nicht. Interessant finde ich nur die Sprache, mit der manche Menschen uns beschimpfen und uns das Schlimmste wünschen: „Geht doch direkt an die Front.“ Oder: „Ihr sollt in Lager gesteckt werden.“ Zu sehen und zu lesen, was manche Menschen von sich geben, ist wirklich erschreckend. Später musste ich bewusst damit aufhören, diese Kommentare zu lesen, weil sie einem einfach nicht guttun.

Beck: Vielleicht ist das auch ein Ausdruck der zunehmenden Verrohung der Gesellschaft, unabhängig vom jeweiligen Thema.

Żyła: Genau. Es spielt eigentlich keine Rolle, was man macht, auf solche Reaktionen wird man immer stoßen. Noch absurder finde ich allerdings die Behauptung, Musik müsse unpolitisch sein. Musik war schon immer politisch. Solche Kommentare kommen meistens von Menschen, die sich auf einem Konzert einfach nicht mit politischen Botschaften auseinandersetzen wollen. Inzwischen ignoriere ich das einfach.

Hämatom live auf der Bühne. Foto: Nico Scholl
Hämatom während eines Besuchs in Maidan, Kyiv. Foto: Nico Scholl

Die Rolle der Musik in Krisenzeiten

Beck: Welche Rolle kann Musik in Zeiten von Krieg und gesellschaftlichen Krisen spielen?

Żyła: Ich vertrete die vielleicht etwas naive Überzeugung, dass Musik etwas verändern kann. Noch wichtiger ist aber, dass sie Trost spenden und den Menschen für einen Moment ermöglichen kann, dem Alltag zu entfliehen. Genau das haben uns die Menschen erzählt, die unsere Konzerte besucht haben. Zu hören, dass ihnen unsere Musik unter diesen schwierigen Umständen etwas Bedeutungsvolles gegeben hat, war für uns alle eine zutiefst bewegende Erfahrung.

Begegnungen, die bleiben

Beck: Gab es eine Begegnung, die dich besonders bewegt hat?

Żyła: Statt eine einzelne Person hervorzuheben, würde ich eher eine ganze Gruppe nennen: die Frauen. Sie haben bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen. Überall sieht man Frauen, weil so viele Männer an der Front kämpfen, gefallen oder vermisst sind. Das ist das Erste, was einem auffällt. Trotzdem sind sie unglaublich stark und halten alles am Laufen.

Unsere Dolmetscherin Anastasia hat uns zum Beispiel erzählt, dass ihr Mann seit drei Jahren in einer Spezialeinheit an der Front dient. Sie weiß nie, wann er nach Hause kommen wird. Alle paar Monate steht er plötzlich vor der Tür. Wenn er dann da ist, ist er psychisch so erschöpft, dass er nicht in der Lage ist, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Die seelische Belastung ist einfach zu groß.

Rückkehrpläne und kurze Pause

Beck: War für euch sofort klar, dass ihr zurückkehren wollt?

Żyła: Absolut. Um ehrlich zu sein, wären wir sogar schon viel früher in die Ukraine zurückgekehrt. Uns wurde sogar angeboten, im Rahmen unserer Herbsttour Gagamania zwei zusätzliche Konzerte in der Ukraine zu spielen. Nach unserem letzten Besuch hatten wir jedoch das Gefühl, dass eine kurze Pause wichtig wäre.

Was Hämatom den Menschen mitgeben will

Beck: Was möchtet ihr den Menschen in der Ukraine mit eurem Konzert mitgeben?

Żyła: Wir möchten den Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind. Auch wenn die Unterstützung in Teilen Westeuropas nachlässt, gibt es nach wie vor viele, die sehen, wie ungerecht dieser Krieg ist. Außerdem möchten wir Bewusstsein schaffen. Immer wieder begegnen wir Menschen, die skeptisch sind. Für sie ist der Krieg primär etwas, das die Wirtschaft belastet oder eine weitere Flüchtlingskrise verursacht. Wenn uns Menschen erzählen, dass die Reise ihren Blick auf den Krieg verändert hat und sie ihre Haltung zur Ukraine überdacht haben, bedeutet uns das sehr viel. Viele begegnen den Medien heute mit großer Skepsis. Wenn sie aber sagen: „Wir vertrauen euch, weil ihr selbst dort wart und mit eigenen Augen gesehen habt, was passiert“, macht das einen Unterschied. Und wir möchten den Menschen einen schönen Abend schenken. Aus unserer Perspektive mag das wie eine Kleinigkeit wirken, aber ich glaube, für sie kann es sehr viel bedeuten.

Vorbereitungen und Kontraste: Wacken und Lwiw

Beck: Sind die Vorbereitungen für die Reise bereits abgeschlossen?

Żyła: Bis jetzt nicht. Ich freue mich aber sehr darauf. Zuerst spielen wir beim Wacken-Festival. Einen größeren Kontrast könnte es kaum geben. Zum ersten Mal werden wir dort als Headliner auftreten und vor 80.000 Menschen spielen. Schon am nächsten Tag fliegen wir nach Warschau und reisen weiter nach Lwiw, wo wir in einer Stadt auftreten werden, die sich im Krieg befindet. Das wird ein intensives Wochenende. Auf gewisse Weise ist das Schwierigste oft die Rückkehr nach Hause, wenn man sich plötzlich fragt: „Mein Gott, wo war ich in den vergangenen Tagen eigentlich?“ Diesen Kontrast zwischen diesen beiden Welten zu verarbeiten, ist nicht leicht.

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