Mit der Braut im Kofferraum über die Grenze: Fluchtgeschichten im Dorfcafé Gleiritsch

Mit der Braut im Kofferraum über die Grenze: Fluchtgeschichten im Dorfcafé Gleiritsch
In Gleiritsch, eigentlich einem kleinen Dorf, wird Kultur großgeschrieben. Dafür sorgt vor allem Anton Bauer, der die Veranstaltungsreihe im Dorfcafé ehrenamtlich am Laufen hält. „Bis nächstes Jahr April ist schon alles ausgemacht“, verrät er – und lädt gleich zum Blues-Abend ein und zu „4.000 Wörtern Oberpfälzer Dialekt“ mit Autor Martin Stangl.
Probier’s mal mit Gemütlichkeit
Kultur gibt es in Gleiritsch übrigens barrierefrei – dank „Emil“. So hat Bauer den schönwetterblauen Aufzug getauft, der so geruhsam zwischen Erdgeschoss und erstem Stock pendelt, dass man im Innern nichts von der Fahrt bemerkt. „Dauernd wurde der Notknopf gedrückt, weil alle dachten, dass sie steckenbleiben.“ Die Lösung: „Wir haben ihn jetzt Emil getauft und erklären seine Eigenheit auf diesem Plakat.“ Jetzt muss man nur noch daran denken, den Knopf zu drücken, wenn man angeregt plaudernd nach einem guten Essen für die Lesung im ersten Stock einsteigt.
Am Freitagabend stand ein ernstes Kapitel Regionalgeschichte auf dem Programm. „Liegt’s an den guten Pfälzern mit Sauerkraut, dass ihr alle gekommen seid?“, begrüßt Christine Ascherl augenzwinkernd die Zuhörer im voll besetzten Café. Sie stellt ihr neues Buch „Tödliche Grenze zwischen Ostblock und Oberpfalz“ vor, begleitet von zahlreichen historischen Fotos, teils bislang unveröffentlicht und aus tschechischen Archiven. Und wenn die Fernbedienung des Fernsehers einmal muckt, heißt es: „Bleib dou, Magic Anton!“ – dann übernimmt Bauer am Touchscreen das Weiterschalten zum nächsten Bild.
Ein entführtes Flugzeug auf dem Flugplatz Latsch
Wie nah die Weltgeschichte der Oberpfalz kam, zeigt ein Foto vom Donnerstag, 8. Juni 1972: Feuerwehr, Rotes Kreuz, Polizei und Polizeireporter drängen sich auf dem für die Maschine viel zu kleinen Flugplatz Latsch bei Weiden. Zehn junge Tschechoslowaken hatten ein Passagierflugzeug auf dem Weg von Marienbad nach Prag entführt, Flugkapitän Ján Mičica wurde an Bord erschossen. Statt in Prag landete der Co-Pilot die Maschine in Latsch.
Sofort vor Ort: Bildreporter Heinz Hoffmannbeck aus Weiden. „Mir kommt’s manchmal so vor, als hätte der vorher schon gewusst, wo gleich was passiert“, amüsiert sich Ascherl. Stefan Voit, der an diesem Abend Passagen aus dem Buch liest, ergänzt: „Man munkelt, er habe den Polizeifunk abgehört.“ Die Geschichte kommt bald auch auf die Bühne: Unter dem Titel „4 Minuten West“ soll sie im Sommer 2027 in einem Hangar in Latsch erzählt werden – 55 Jahre nach der Entführung.
Recherche von Weiden bis Kiel
Für ihr Buch hat Ascherl Archive deutscher und tschechischer Behörden durchforstet, dazu Zeitungsarchive von Weiden bis Kiel – überall, wo es Primärquellen und Zeitzeugen gab. Auf einem Zeitungsfoto aus Kiel spürte sie Edda Bock, geborene Huber, auf: Sie war als Einzige im Dirndl inmitten der „Fischköppe“ abgelichtet. Kurz darauf hatte Ascherl sie übers Festnetz am Telefon. Der Tod ihres Vaters an der Grenze hatte die ganze Familie auseinandergesprengt, Edda und ihre Geschwister wuchsen weit voneinander entfernt auf. Ihr Vater Alois Huber war 1953 als Grenzpolizist im Dienst von einem tschechoslowakischen Geheimagenten erschossen worden.
Genauso zapft die Autorin das Wissen der Menschen in der Region an. Reinhold Balk aus Hahnbach etwa, der 42 Jahre beim Bundesgrenzschutz und später bei der Bundespolizei Dienst tat. Er spricht vom „Eisernen Vorhang hinter grünen Gardinen“. „Das trifft es recht gut“, sagt sie. Bei einer Lesung im Schirndinger Grenzmuseum (7. November, 14 Uhr) wird Balk selbst als Fachreferent mit dabei sein.
„Die Karte ist voll“
Zwei Dinge haben Ascherl bei der Recherche geschockt. Zuerst die Zahl der Toten: „Die ist enorm. Wenn man bei der ÚDV nachsieht, ist jeder Tote ein roter Punkt auf einer Karte – und die Karte ist voll.“ Die tschechische Behörde zur Aufarbeitung kommunistischer Verbrechen veröffentlicht die Todesfälle. Zwischen 1948 und 1989 starben am Eisernen Vorhang rund 1.000 Menschen, darunter etwa 600 Soldaten – durch Unfälle, etwa mit Starkstrom im Grenzzaun, aber auch häufig durch Suizid.
Dann der Aufbau der Grenze selbst: Die Signalzäune lagen teils kilometerweit im Hinterland. Wer dachte, er habe es geschafft, hatte noch tausende Meter vor sich. Dazwischen die Kasernen der tschechoslowakischen Grenzwache „wie Perlen an der Kette“. Bei stillem Alarm rückten die Soldaten innerhalb von zwei Minuten mit Hunden aus, zugleich fuhren sie mit Autos auf Kolonnenwegen zur Grenzlinie – und erwarteten die Flüchtenden schon.
Wie das Regime mit den Opfern umging, zeigt ein Fall, der im Café für Stille sorgt: Eltern bekamen ihren Sohn Kurt Hoffmeister in einer Urne zurück. Der 22-jährige DDR-Bürger war 1977 beim Fluchtversuch in der Nähe von Stadlern, wenige Kilometer vor der Staatsgrenze, erschossen worden. In der zweiten Sterbeurkunde war die Todesursache getilgt, die in der ersten noch dokumentiert war.
Zwischen Tragödie und Triumph
Nicht jede Geschichte endet tödlich, viele aber überraschend. Ein 18- und ein 15-Jähriger stahlen einen Lkw, durchbrachen die Grenze, schleppten sich angeschossen 40 Meter über die Grenze auf bayerischen Boden. Der Junge wollte im Westen Zuckerbäcker werden – und kehrte drei Monate später aus Heimweh zu seiner Mutter zurück, was als Agenturmeldung sogar in den USA vermeldet wurde.
Oder der Fall des CSSR-Grenzsoldaten Miloš Dobřichovský, der floh, nachdem sein Kamerad Josef Ulrich vom Wachturm in die Tiefe gestürzt war. Wie trug sich das genau zu? Viele Fragezeichen bleiben bis heute, klar aber war die im Kalten Krieg eindeutige Lesart der Wahrheit: Auf deutscher Seite steckten Prozess-Zuschauer dem jungen Mann Zwanzigmarkscheine zu, wollten ihn gar adoptieren; auf der anderen Seite der Grenze galt er als Mörder, der seinen Kameraden getötet hat. Verurteilt wurde Miloš Dobřichovský zu 3,5 Jahren Haft, die er absaß und dann in die USA emigrierte.
Und dann ist da Wolfram Bickerich, der mit seinem Austin-Healy drei Schlagbäume nahm: durch den ersten regulär hindurch, am zweiten vorbei, unter dem dritten dann mit durchgedrücktem Gaspedal hindurch – „wild vor Freude“, die Braut Hanna Vogel im Kofferraum. Im Westen wurde er später Journalist beim „Spiegel“. Und wenn es bei Partys in Hamburg spät wurde, erzählte Herausgeber Rudolf Augstein „die Story von Bickis Flucht“.
Pausengespräche zwischen Aufzugtür und Kugelhalbe
In der Pause nimmt sich Christine Ascherl Zeit für Nachfragen. Etwa dazu, wie die jungen Soldaten der tschechoslowakischen Grenzwache ausgewählt wurden. „An die Grenze wurden in der Regel junge Männer aus regimetreuen Familien geschickt“, sagt sie. Und dann saßen sie da, angeblich den Kapitalismus abwehrend, an der Grenze im Nichts mit dem Schießbefehl im Nacken. „Mit 18, 19, 20 kann man sich definitiv was Besseres vorstellen.“
Am Eisernen Vorhang trafen also besonders überzeugte junge Soldaten auf besonders mutige, manchmal naive, oft verzweifelte junge Flüchtende. Gegensätzliche Menschen, die sich ausgerechnet an der Außengrenze, am äußersten Rand, auf schreckliche Weise nahekamen. Auch für die Soldaten war die Grenze lebensgefährlich, etwa durch den Starkstrom, der in den 1950er und 1960er Jahren noch verwendet wurde. Manche starben beim Versuch, Wildtiere zu befreien.
Durchs Unterholz im Böhmerwald
Um authentisch erzählen zu können, begibt sich Ascherl selbst ins Gelände. Eine verlassene Kaserne im Böhmerwald fand sie über einen Tipp: „Ein Bekannter hatte sie bei seinen Mountainbiketouren entdeckt.“ Die Grenzwache liegt in der Nähe von Plés (nahe Schönsee). „Da habe ich mich im Winter durch tiefen Schnee geschlagen.“ Im Februar 1966 waren hier junge Tschechen geflohen.
Das brachte sie auf eine weitere Frage: Spielte das Wetter bei den Fluchten eine Rolle? Ascherl glich die Daten der Fluchtversuche mit dem historischen Wetter ab und stellte fest, dass 1966 tatsächlich ein weit milderer Winter herrschte. Aber auch im Sommer ist das Laufen durch den Böhmerwald mühsam, wie sie bei Mähring ausprobiert hat: Ein paar tausend Meter durchs Unterholz können lang werden. So ist sie: findig in der Recherche und bereit, sich selbst hineinzubegeben in die Geschichte, die sie erzählt.
Langweilig wird es Ascherls Mann Michael, der sie zu vielen Lesungen begleitet, trotzdem nicht: „Ich variiere“, sagt die Autorin. In Weiden lag der Fokus auf den Ereignissen und Personen vor Ort. Auch bei den weiteren Lesungen in Bärnau, Schirnding, Waidhaus und Tirschenreuth wird der Schwerpunkt örtlich gelegt.
Mit den Westernpferden in die Oberpfalz
Wie weit die Strahlkraft der Gleiritscher Kulturabende reicht, zeigt ein Ehepaar aus Köln, das sich keinen Abend im Dorfcafé entgehen lässt. „Wir sind Westernreiter und waren hier in der Gegend öfter im Urlaub. Als ich dann in Rente gegangen bin, sind wir mit unseren Pferden einfach hierhergezogen“, erzählt er mit unverkennbar rheinischem Zungenschlag.
Sie arbeitet als Bibliothekarin in der Stadtbücherei Regensburg. Das Besondere an ihrem Beruf? „Dass wir ein Ort ohne Konsum sind, an den jede und jeder kommen kann, um sich kostenlos Wissen anzueignen. Wer einen ruhigen, sehr schönen Ort zum Lernen sucht, der findet ihn bei uns im Thon-Dittmer-Palais.“
Barrierefreies Kulturleben
Was sie über ihre Bücherei sagt, gilt an diesem Abend auch für Gleiritsch: Der Eintritt ist frei, jeder kann kommen, und wer will, nimmt etwas mit nach Hause. Barrierefrei ist das hier gleich mehrfach. Emil fährt die Gäste nach oben, Anton Bauer stellt das Programm auf die Beine, und das Publikum weiß zu schätzen, was es hat. „Ohne Anton gäbe es das hier alles gar nicht“, sagt das Paar. Dazu kommt etwas, das an diesem Abend niemand eigens erwähnt: Man kann sich hier über Grenzen, Flucht und Schießbefehl informieren, ohne dass jemand im Saal mitschreibt, wer da war.
Die beiden haben ihren Lebensmittelpunkt verlegt, weil es ihnen hier gefällt, nicht aus Not. Zugegeben: Mit Rente und festem Job fällt so ein Neuanfang leichter. Doch dass man ihn überhaupt frei wählen kann, ist nicht selbstverständlich.
Daran erinnert Anton Bauer zum Abschluss des Abends: Frieden und Freiheit sind keine Selbstläufer. Die Menschen in Ascherls Geschichten hatten diese Wahl nicht. Wer weg wollte, wurde im Amtsdeutsch zum „Grenzverletzer“ und musste sein Leben riskieren. Und auch die jungen Grenzer auf der anderen Seite saßen in Einsamkeit und Gefahr, den Schießbefehl im Nacken. „Heute fährt man hinüber, wie man lustig ist – auch wenn am Ulrichsberg seit drei Jahren wieder kontrolliert wird“, macht Ascherl aufmerksam.
„Ein Abend kann unterhaltsam sein, aber auch nachdenklich“, sagt Bauer. In Gleiritsch war er beides.
Das Buch
Christine Ascherl: Tödliche Grenze zwischen Ostblock und Oberpfalz. Spektakuläre Fluchtgeschichten am Eisernen Vorhang, 2026, Battenberg Bayerland Verlag, Regenstauf, gebunden, ISBN 978-3-95587-124-6, Preis: 19,90 Euro
Weitere Lesungen
Freitag, 6. November 2026, 19 Uhr: Bärnau, Alte Post – mit Schwerpunkt auf den Ereignissen rund um Bärnau, darunter die Schicksale von Johann Dick und Gerhard Schmidt
Samstag, 7. November 2026, 14 Uhr: Schirnding, Grenzmuseum – gemeinsam mit Reinhold Balk
Freitag, 13. November 2026, 19.30 Uhr: Waidhaus, Gemeindezentrum im Rathaus – mit dem Heimatkundlichen Arbeitskreis Waidhaus
Donnerstag, 19. November 2026, 18.30 Uhr: Lesung „Tödliche Grenze“ in der Buchhandlung Bodner in Tirschenreuth.
Mittwoch, 27. Januar 2027, 15 Uhr: Maria-Seltmann-Haus, Weiden
Mittwoch, 24. Februar 2027, 19 Uhr: Molzmühle, Freudenberg
KaffeeZeit Live
Für die nächsten Abende der Reihe KaffeeZeit LIVE in Gleiritsch gibt es teils noch Restkarten per Telefon unter 09655/914 04 66 oder per Mail an info@schauts-eina.de




