Schobers Rock-Kolumne: Das Ende des Sommers

Schobers Rock-Kolumne: Das Ende des Sommers
Ende Juni haben meine Frau und ich beim „Chiemsee Reggae Summer“ mitgearbeitet. Trotz der wahnsinnigen Hitze lief das ausverkaufet Festival störungsfrei ab und die Besucher hatten sichtlich Spaß. Der hielt sich bei uns in Grenzen, denn wie gesagt, wir waren täglich von morgens 10:00 bis 03:00 nachts beschäftigt.
Für uns der absolute Highlight war Neville Staples und seine Frau Christine. Selten durften wir herzlichere und liebenswertere Künstler betreuen. Das ging den beiden wohl ähnlich, denn wir wurden noch nie von Künstlerseite gefragt ob man ein Selfi mit uns machen dürfte. Wer es nicht weiß: Neville war der Sänger der Ska-Legende The Specials, stammt aus Jamaika, geht leider schon am Stock, versteht es aber weiterhin das Publikum auch Dank seiner munter tanzenden Frau zu rocken.
Let`s dance!
Neben den Specials gab es aber auch noch Madness und The Selecter. Von diesen 2-Tone-Heroen ist jetzt eine umfassende Werkschau der Jahre 1979 bis 1981 erschienen, „At The BBC: The Complete Recordings 1979–1981“ (Bertus) geheißen. Das CD-Format ist dabei ein Mediabook mit 2 CDs, 1 Blu-ray und einem 20-seitigen Booklet, das neue umfassende Liner Notes von Simon Price sowie neue Bandinterviews enthält. Die Vinyl-Edition besteht aus 3 LPs auf schwarzem Standard-Vinyl in einem stabilen Schuber mit bedruckten Innenhüllen und einem vierseitigen Beileger mit den Liner Notes ebenfalls von Simon Price.
The Selecter bestanden aus Noel Davies (Gitarre), Pauline Black (Gesang), Arthur „Gaps“ Hendrickson (Gesang), Compton Amanor (Gitarre), Desmon Brown (Hammondorgel), Charley Anderson (Bass), Charley „H“ Bembridge (Schlagzeug) und Barry Jones (Posaune) und waren eine der wenigen ethnisch und geschlechtlich gemischten Bands der 2Tone-Szene. Mir gefällt an diesen Aufnahmen vor allem das im Vordergrund stehende Live-Feeling. Diese Aufnahmen atmen ohne sich in ellenlange Solis zu verlieren oder auszufransen. Ska ist ein Genre, das auf den Punkt gebracht werden muss aber auch durch seine lockere Live-Atmosphäre lebt. Beides gelingt hier.
Blues-Stylist unplugged
Wem beim Tanzen jetzt ein wenig die Puste ausgegangen ist, darf sich auf die Couch fläzen und das neue Album von Keb` Mo` anhören. Das trägt den sinnigen Titel, „The Breakdown“ (Concorde), wurde es doch nach der Trennung von seiner Frau und einer Operation am offenen Herz aufgenommen.
Der mehrfache Grammy-Gewinner baut dabei nur auf seine Stimme und die akustische Gitarre, was gut zur intimen Innenschau und dem Spiegel davon auf die Welt passt. Nur auf zwei Stücken bat er den Soweto Gospel Choir b.z.w. das Gospel-Sextetts Take 6 ins Heimstudio. 75 wird er in diesem Jahr, die Rekonvaleszenz ist geglückt, so dass man bestimmt noch mehr von dem sympathischen Musiker hören wird.
Sphärische Tröten-Töne
Man braucht die kommode Sitzgelegenheit für „Mana“ (International Anthem) nicht zu verlassen, eher ein Kissen dazu packen und von der Sitz- in die Liegeposition gleiten und dabei vielleicht noch Kopfhörer aufsetzen. Das neue Werk der hawaiianischen Trombone-Musikerin Kalia Vandever ist ebenso minimalistisch gehalten wie beim Kollegen Keb` Mo`, nur dass hier zur Tröte noch das Klavier und diverse Verzerrungs- und Verfremdungspedale hinzu kommen.
Es entsteht ein konstanter Melodienfluss, irgendwo zwischen Brian Eno und Ryuichi Sakamoto, der nur selten vom sphärischen Gesang unserer Protagonisten bereichert wird. Hier werden sich dann Freunde des Björk`schen Klangkosmos freuen. Dass die Musikerin auch mit Kollegen wie Harry Styles, Japanese Breakfast oder Moses Sumney auf der Bühne steht, ist nicht zu erahnen. „Minimal-Drone-Ambient-Music“ würde ich das mal benennen.
Jazz as Jazz can
Als „Maximum-Creative-Polyrhythm-Jazz“ könnte man das bezeichnen, was sich der zweifache Grammy-Preisträger Sullivan Fortner zusammen mit seinen Mitstreitern, dem Bassist Tyrone Allen II und dem Schlagzeuger Kayvon Gordon auf „Leave That In There“ (Artwork Records) ausgedacht hat. Der Pianist und Keyboarder erinnert mich mit seiner Finesse, seinem Einfallsreichtum und seiner traumwandlerischen Intuition an den jungen George Duke. Das Album bewegt sich fließend zwischen akustischem Trio-Dialog, Hammond-B3-Orgel, Synthesizern, Marimba, Bàtá-Drumming und vollständig improvisierten Passagen.
Aufgewachsen in New Orleans, schöpft Fortner auf dem gesamten Album intensiv aus dem Gulf South – aus seinen kulturellen, musikalischen und historischen Landschaften. Der Eröffnungstrack „Sugarcane“ dient als Einstieg in viele der übergeordneten Themen des Albums und speist sich sowohl aus Fortners persönlicher Geschichte als auch aus der tieferen historischen Landschaft des südlichen Louisiana, in der er aufwuchs.
Die Komposition, aufgebaut um Kayvon Gordons Bàtá-Drumming und ein vielschichtiges rhythmisches Zusammenspiel innerhalb des Trios, spiegelt Fortners fortwährende Auseinandersetzung mit musikalischen Traditionen der Schwarzen Diaspora wider. Zugleich verweist sie auf Geschichten von Arbeit, Migration und Widerstand, die mit Louisianas Zuckerrohrindustrie verbunden sind.
Mein Liebling dieser Ausgabe
Szenenwechsel: Schon lange hat mich kein Song mehr gleich beim ersten Hören abgeholt und in seinen Bann geschlagen. „Nephology“ heißt er und stammt vom Album, „What Is Lost Will Return“ (Cargo) des Künstlerpaares Colin Newman und Malka Spigel, die with a little help from some friends als Immersion musizieren.
Getrieben von einer starken Basslinie, unterstützt von ein wenig Gitarre und Synthies, treffen die sexy schmelzende Stimme von Spigel auf die honorige Sprechstimme von Newman. Dazu ein trockener, minimalistischer Beat und der Flow ist perfekt. „Megafauna“ packt noch ein wenig psychedelischen Space-Rock dazu, die „Radio Signals“ haben Kraftwerk auf ihrer Fahrt auf der Autobahn gehört und „We Don’t Need Your Validation“ kann sich nicht zwischen Eno, The Fall und Felt entscheiden.
Ein -leider recht kurzes- Hammeralbum, aber in der Kürze liegt ja bekanntlich die Würze. Für Freunde von Wire, Stereolab, Ulrich Schnauss, Minimal Compact, Gang Of Four, Broadcast, Silver Apples oder auch Neu!
Mainstream-Pop aus Vienna
Und nochmals ein Szenenwechsel zum Schluss. Dieses Mal geht es ins schöne Wien und zu der Singer/Songwriterin, zudem ausgebildeten Violinistin Sofie Royer. Die Halbiranerin hat sich ihre Meriten in der USA als DJ verdient. Auf ihrem vierten Album, „before/after“ (Stones Throw Records) nähert sie sich dem modernen Mainstream-Pop noch mehr an, würzt ihn mit ein wenig Soft-Rock, RnB, New Wave und Synthie-Pop.
„Cavalier“ gefällt mir mit seinem Rhodes-Piano und den kleinen giftigen Gitarren-Ausbrüchen am besten und erinnert ein wenig an Vonda Shepard. Insgesamt scheint das Album eine Art Wendepunkt in ihrer bisherigen Karriere zu markieren. Während ihre früheren Werke oft gesellschaftliche Rollenbilder, Kunstfiguren oder kulturelle Archetypen untersuchten, richtet sie die satirische und kritische Perspektive diesmal stärker auf sich selbst.





