Weiss-Schuhe – Sale 2026
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Schobers-Rock-Kolumne: Fünfmal Wärmflasche, einmal Eiswürfel

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.
Tom Smith, The Sha La Das, Melody’s Echo Chamber, Lost In Lona, Mavis Staples, Pullman

Schobers-Rock-Kolumne: Fünfmal Wärmflasche, einmal Eiswürfel

Ein Editors ganz alleine

Sodala, der ganze Weihnachtszirkus ist Geschichte, in den Bäckereien locken schon die ersten Ostereier obgleich es draußen noch bitterkalt ist. Etwas Wärme kann man sich in den heimischen CD-Player (hat noch jemand CD`s oder gar Schallplatten!?) holen, schiebt man eine Scheibe mit dem hübschen Titel „There Is Nothing In The Dark That Isn’t There In The Light“ (PIAS) ein. Ying & Yang, das Licht am Ende des Tunnels, die zwei Seiten einer Medaille, man kennt das ja. Dahinter steckt ein nicht ganz Unbekannter: Tom Smith.

Der ist immer noch auch Sänger der Editors, hat mit Andy Burrows von Razorlight schon zwei Duo-Platten gemacht und legt jetzt sein Solo-Debüt vor. Das hat mit dem Indie-Rock und Post-Wave der Mutter-Kapelle absolut nichts am Hut. Smith klampft vorwiegend auf der Akustik-Gitarre und lässt seinen warmen, gutturalen Bariton erklingen, ja meist eher barmen und flehen. Ab und an packt Produzent Iain Archer (Snow Patrol, Jake Bugg, Liam Gallagher) ein Orchester und Chor dazu, da wird dann aus redundant ganz schnell opulent. Beides gefällt.

Doo-Wop fürs 21. Jahrhundert

Wohlige Wärme strahlt auch „Your Picture“ (Cargo) aus. der Name der Kapelle dazu klingt etwas ungewöhnlich: The Sha La Das. Das hört sich ein wenig nach den Shangri-Las, einer Mädchen-Group aus den 60ern an, dahinter steckt aber das Familienunternehmen von Bill Schalda und seinen talentierten Söhne Paul, Will und Carmine. Und die -so schließt sich der Kreis- machen auch einen auf Doo-Wop, trillern und jubilieren in vielstimmigen Gesängen und baden in watteweichen Schaumbad-Melodien die sogar rosa sein können.

Die Beatles und Beach Boys lümmeln um die Badewanne, rauchen ein Jointlein und wiegen die Köpfe im plätschernden Rhythmus. Und dann ist diese Platte auch noch eine einzige Liebeserklärung an Linda, die Frau an Bill Schalda`s Seite: „Als wir uns trafen, war ich ein einsamer, verlorener Mann, und dann wurde ich gefunden“, sagt der Sänger mit dem charmanten Schmalz in der Stimme. „Sie wurde zum Fixstern in meinem Lebensuniversum.“ Na dann wünschen wir mal noch viele weitere glückliche Jahre. Die könnten ja auch für uns positiv ausfallen, sollten noch mehr von diesen verführerischen Hörgenüssen dabei heraus springen.

Captain Prochet an Erde: „Wir haben aktuell kein Problem“

Ziemlich Süßes und damit auch Verführerisches mit einem starken Hang zur Nostalgie kommt auch aus Frankreich. Im Song, „In The Stars“ schwelgen die Streicher in bester 60er-Manier, das Schlagzeug tippelt dazu sanft den Rhythmus, die Gitarren zirpen zart und Multiinstrumentalistin Melody Prochet alias Melody’s Echo Chamber säuselt ihre Lyrics mit sexy-verklärter Weichzeichner-Stimme.

Im dazugehörigen Album, „Unclouded“ (Domino) geht es wirklich ziemlich wolkenlos, dafür etwas verkifft-psychedelisch zu. Mazzy Star, die spacigen Gitarrenfiguren von Steve Hillage, Stereolab, Tame Impala und Beach House kommen einem in den Sinn, es hat aber auch improvisierte, leicht jazzige, polyrhythmische Arrangements („Childhood Dream“) oder Vibraphon-Glissendo und Flöten-Zauber („Burning Man“) und immer wieder diese von Josefin Runsteen gelieferten Streicherparts, die ihre Erfahrung zwischen Avantgarde und Pop hörbar machen.

WITRON – Schnuppertage
WITRON – Schnuppertage

Ansonsten wirken Musiker wie Reine Fiske (Dungen), dessen Gitarrenfiguren an Johnny Marr erinnern; Malcolm Catto, Schlagzeuger der Heliocentrics und Partner von Madlib und DJ Shadow; Leon Michels, bekannt von Wu-Tang bis Clairo, Gitarrist Daniel Ögren und Bassist Love Örsan (beide von der schwedischen Dream-Pop- und Retro-Soul-Band Dina Ögon) mit. Ein recht frankophiles Hörvergnügen.

Der Laurel Canyon liegt in der Schweiz

Gleich nebenan, aus der Schweiz, stammt das Duo Lidia Beck und Konstantin Aebli, die sich Lost In Lona (wo immer das auch sein mag) nennen. Vom flirrenden Space- und Dream-Pop erden die beiden uns wieder Richtung Laurel Canyon, wir sprechen also von Indie-Folk, der auch seine (flotten) Pop-Momente wie etwa in „Disappointing Eachother“ hat. Ansonsten gehen die Beiden es auf dem etwas irreführend als „The Killer“ (Mouthwatering Records) betitelten Album recht betulich und ruhig an.

Die Gitarren dominieren, aber obgleich alle Instrumente von den beiden selbst eingespielt wurden, fallen die Arrangements nicht bieder oder allzu redundant aus. Diese Songs kreisen um Themen wie Überforderung, Selbstzweifel und den Druck permanenter Selbstoptimierung, sie sprechen eine jugendliche Sprache, sind offene und ehrliche Beschreibungen des Lebensumfelds seiner Protagonisten. Big Thief, Phoebe Bridgers, Lizzy McAlpine, Divorce, Black Sea Dahu oder auch Billie Marten haben die Beiden sicherlich schon öfter mal angehört.

Das Altersheim kann warten

Wahrscheinlich noch nie gehört hat das Schweizer Pärchen von den Staples Singers, denn die haben ja mit Folk so gar nichts am Hut. Die einzige noch überlebende der legendären Familienbande, Mavis Staples hat jetzt mit 86 Jahren mit „Sad And Beautifil World“ (Anti) nochmals ein wunderbares Album vorgelegt.

Die Grand Dame des Blues, Gospel & Soul und engagierte Menschenrechtlerin interpretiert dabei Songs aus vielen vergangenen Jahrzehnten, dabei eher bekannte, vor allem aber eher unbekannte von Künstlern wie Tom Waits, Sparklehorse, Gillian Welch, Frank Ocean, Curtis Mayfield, Joe „Red“ Hayes und Jack Rhodes, Gladys Knight, Paramore und anderen, die sie mit ihrer wettergegerbten aber immer noch eindringlichen wie kraftvollen Raspelstimme neu interpretiert. Zur Hand gehen ihr dabei weitere Hochkaräter wie Buddy Guy, Bonnie Raitt, Jeff Tweedy, Derek Trucks, Katie Crutchfield, MJ Lenderman und Justin Vernon. Ein Fest und hoffentlich noch kein Schwanengesang.

Kühle Sound-Konstruktionen aus Chicago

Zum Abschluss und nach all dem eher Schöngeistigen und Wärmenden etwas doch mehr skurriles, abstraktes und kühle, dass den Hörer mehr fordert als unterhält -die Meisten jedenfalls. Von Pullman ist die Rede. Der Name steht ja ansonsten für Eisenbahnwagons, Reisebusse und auch Luxus-Limousinen, aber auch ein paar Musiker aus der Chicagoer Post-Rock-Szene fanden den bereits Ende der 90er ganz apart und so gaben sich Ken „Bundy K.“ Brown (Tortoise/Directions in Music), Curtis Harvey (Rex), Chris Brokaw (Come), Doug McCombs (Tortoise/Eleventh Dream Day) und Tim Barnes diesen Namen.

Man nahm lediglich zwei Platten im Stil irgendwo zwischen John Fahey, Leo Kottke und Gastr del Sol auf, dann war erst einmal wieder Schluss. Jetzt wagt man mit dem schlich aber treffend „III“ (Cargo) betitelten Album einen Neuanfang, der aber wohl auch ein Abschied für Schlagzeuger Barners bedeuten könnte, ist er doch schon früh an Alzheimer erkrankt. Geboten werden ineinander verschachtelte, meditativ bis stoisch-repetitive Klanglandschaften aus sphärisch mäandernden Keyboards, improvisierischem Geklöppel und ineinander verzahnten Gitarren-Exkursionen. Die hohe Schule des Post-Rock halt.