Schobers Rock-Kolumne: Nach der großen Hitze: Von Vögeln und Verstorbenen

Schobers Rock-Kolumne: Nach der großen Hitze: Von Vögeln und Verstorbenen
Es gibt es also doch noch, das Licht am Ende des Horizonts. Amerika, das Land der Freien und eine der Mütter der Demokratie, kann aufatmen, denn endlich hat es, b.z.w. eine winzig kleine Minderheit ihre Freiheit zurück erlangt. Die entfesselte Freiheit des Turbo-Kapitalismus! Trump und Familie müssen in Zukunft keine Steuern mehr bezahlen, b.z.w. wird nicht mehr geprüft, ob ihre Steuererklärungen auch nur annähernd etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben. Zugleich wird den terroristischen „Patrioten“ die das Capitol unter Anleitung von Herrn Trump gestürmt haben eine Generalamnestie nebst Entschädigungsleistungen in Aussicht gestellt. Ein Freibrief für den nächsten Sturm, sollten wider Erwarten demnächst die Demokraten den Chef stellen.
Es ist wirklich zu putzige, was sich da jenseits des Atlantiks so alles tut und man muss sich schon fragen, wie es gelungen ist, dass sich mindestens 170.000.001 freiwillig das Hirn haben amputieren lassen und jetzt mit einer konfektionierten MAGA-Masse an Stelle der 86 Milliarden Nervenzellen herumlaufen. Wäre ich Superman oder wenigstens Jesus und könnte übers Wasser wandeln oder gar fliegen, denen würd ich aber schon so was von den Marsch blasen und den Hauptübeltäter hinter schwedische Gardinen bringen. Apropos Fliegen:
Ein Singvogel aus Südengland
Es soll so an die 150 Finkenarten weltweit geben. Die heißen nicht alle Buch-, Grün- oder Distelfink, auch der bekannte Dompfaff gehört zur Familie wie auch der Zeisig. Und auch Finian Paul Greenall aus Cornwall nennt sich Fink, b.z.w heißt sein Trio, bestehend aus dem Whittaker-Sohn Guy und Tim Thornton so. Einst erschienen Greenall`s Platten bei Ninja Tunes, er entstammt nämlich der englischen Rave-, Elektro- und Trip-Hop-Szene.
Bald jedoch widmete sich der Mann der Straßenmusik und da funktioniert Folk und Blues einfach besser. Erstes Genre hat er beibehalten, „The City Is Coming To Erase It All“ (Rough Trade) präsentiert akustische Lieder, die thematisch stark um Aufbruch, Fernweh, Erinnerung und die Spannung zwischen Sesshaftigkeit und Freiheitsdrang kreisen. Da kann einer halt auch was erzählen, der mit 18 Jahren begann Musik zu machen und jetzt zur Vätergeneration zählt.
Und dann hat man sich noch etwas gar lustiges einfallen lassen: Bewundert wird Michael Chapman. 1970 veröffentlichte der schwer fassbare Akustikgitarren-Virtuose das Album „Fully Qualified Survivor“, an dem man sich nun orientierte. Und: es durften keine Instrumente (inklusive der Gitarrensaiten) Verwendung finden, die jünger als von 1974 waren. Ein wenig spinnert, aber so ist der Engländer ja auch gerne gestrickt. Das Album hört sich so auch recht nostalgisch und vintage an, ein wenig nach Roy Harper, Bernd Jensch und Richard Thompson.
Musikalisches Delirium
Mit diesen alten Knochen hat die Luxemburgerin Jana Bahrich nichts am Hut. Ihr Musikprojekt hört auf den seltsamen Namen Francis of Delirium, ihm gehört noch der aus Seattle stammende Schlagzeuger, Produzent und Co-Songwriter Chris Hewett an. Und von da an wird’s spannend! Frau Bahrich scheint eine klassische Ausbildung genossen zu haben. Jedenfalls hat es hier viel orchestrales, pompöses, hymenhaftes.
Dann liebäugelt sie aber auch mit zarten Folk-Weisen, Chöre mag die Künstlerin auch sehr gerne. Herr Hewett macht seinem Geburtsort alle Ehre und steuert ein wuchtiges Trommelfeuerwerk bei, das (selbstverständlich) dem guten alten Grunge geschuldet ist. So entsteht eine stetige Spannung, die gegensätzlichen Stilrichtungen bilden eine überraschend kompakte wie einnehmende Symbiose die nie langweilig wird -kontrollierte Unruhe ist hier das Motto.
Verhandelt werden Themen wie Selbstfindung, Verzweiflung und Durchhaltevermögen. Dabei wirkt „Run, Run Pure Beauty“ (Dalliance Recordings) wie ein Spiegel seiner Schöpferin: persönlich, ehrlich und emotional aufgeladen. Indie-Rock und -Pop, eine tolle Stimme, einprägsame Melodien, es gibt an diesem Album einfach nichts zu mäkeln. Wir hatten an dieser Stelle vor kurzem auch ein hohes Lied auf Snail Mail gesungen. Wem diese Platte gefallen hat und vielleicht auch Japanese Breakfast, Wolf Alice und Soccer Mummy ganz fein findet, wird mit Francis Of Delirium seine helle Freude haben.
Für Freunde des Drum-Computers
Ich hatte diese Freude gleich bei „Regrets“, dem Opener der neuen Platte von Penny Arcade. Dahinter verbirgt sich das Solo-Projekt von James Hoare, bekannt als Metronomy-Mitwirkender und Mitglied von u.a. Veronica Falls, Ultimate Painting und The Proper Ornaments. Es ist ein herrliches Stück britischer Psychedelia mit einem schön sägendem Gitarren-Solo gegen Ende zu. Danach hört man auf „Double Exposure“ (Tapete) leider auch sehr häufig den Drum-Computer und das ist dann nicht so mein Ding.
In „Memory Lane“ ist der z.B. mega-prägnant, beim „Worst Trip“ dominiert dafür eine warme Wummer-Orgel und bei diversen Stücken hat man ihn einfach vergessen, oder er fällt nicht wirklich auf. Was jedoch ins Ohr sticht, sind diese verschlungenen, leise vor sich hinpluckernden, kreiselnden fast schon somnambulen Melodien, die man sehr schön mit einem weiteren Song namens „Everything`s Easy“ umschreiben könnte.
Penny Arcade befinden sich da in einer schönen Schublade zusammen mit sympathischen Wirrköpfen wie Syd Barrett, Kevin Ayers, Kevin Morby und den Zombies. Trotzdem: weniger Drum-Computer wäre mehr gewesen.
Kleine Bewegungen mit großer Strahlkraft
Der deutsche Songwriter, Produzent und Musiker Timo Xanke aus Wuppertal flirtet auch gerne mit elektronischem Instrumentarium, setzt es aber nicht so explizit ein wie Penny Arcade. Bei seinem Projekt, Xanky klingt alles digitale eh recht analog und organisch. Folktronica nennt man wohl, was auf „Small Moves“ (Backseat) zu hören ist.
Im Falsett behandelt er autobiographisches wie Angststörungen, Alkoholismus in der Familie, persönliche Neuanfänge oder spekuliert über kleine Gewohnheiten und Veränderung -„small moves“ halt. Das geht dann stark Richtung Peter Gabriel-Pop wie in „Not Over You“, klingt aber gerne auch mal nach seinen großen Vorbildern Ásgeir (dieses Debüt wurde übrigens in Island aufgenommen), Bon Iver oder M. Byrd (der ein schönes Gitarrensolo beisteuert).
Nur selten verzettelt sich der Musiker ein wenig wie auf „My Body Knew What I Don`t“, meist berühren diese zarten Melodien und das minimalistisch schwelgende „The Black Hole Inside My Chest“ könnte glatt ein Hit werden. Finger`s crossed!
Mann kann Mono auch Stereo hören
Weder Hits noch Folk sind das Ding von Mono. „Snowdrop“ (Cargo) zeigt die Kapelle einmal mehr als Meister der kontrollierten Eskalation. Zwischen leisen, fast zerbrechlichen Gitarrenflächen und den gewaltigen orchestralen Ausbrüchen -ein 10-köpfiges Orchester und ein 8-köpfiger Chor wurden geladen- entsteht ein Album, das weniger auf Effekte als auf Atmosphäre setzt.
Der Schatten des verstorbenen Freundes und Langzeit-Produzenten Steve Albini liegt spürbar über diesen acht Stücken – nicht sentimental, sondern würdevoll. Aufgenommen wurde das Album mit Nachfolger Brad Wood in Albinis Electrical Audio Studios in Chicago. Besonders „Winter Daphne“ und das epische „Farewell To Spring“ entwickeln eine Sogwirkung, wie sie nur wenige Post-Rock-Bands noch erzeugen. Kein Album für nebenbei, sondern eines für späte Nächte, Kopfhörer und offene Gedanken.
Mono liefern damit keine Revolution ab – aber ein beeindruckend intensives Mitalterswerk, ihr 13. in den letzten gut 25 Jahren. Steve lächelt glücklich und hört von oben zu.
Witziger Nachruf
Das macht Lee “Scratch” Perry jetzt sicherlich auch, denn sein (vielleicht) letztes postumes Album mit dem seltsamen Titel, „Spatial? No problem.“ (Domino) ist eben erschienen. Der ulkige Reggae- und Dub-Visionär hat es ausgerechnet in der Bundeshauptstadt in und zusammen mit dem Elektronikduo Mouse on Mars aufgenommen.
Das sind ja auch recht durchgedrehte Vögel und so fanden diese Aufnahmen als spontane Sessions im Treppenhaus, in der Küche, sogar in einen Musikladen gegenüber des Studios statt. Gespräche über Konzepte gab es kaum; stattdessen entstand die Musik aus spontanen Begegnungen. Das hat dann mit Reggae nur mehr am Rande zu tun, klingt eher so wie eine Kraut-Rock Session mit Can, Guru Guru, Amon Düül -naja und halt Meister Lee “Scratch” Perry am Gesang, b.z.w. gesprochenem Wort. Ein kurzweiliger, spaciger, polyrhythmisch-scheppernder Spaß zu dem Rauchwaren gereicht werden sollten.




