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Stimmen der Überlebenden: Bewegender Abend mit Thomas Muggenthaler bei Literaturtagen

Weiden. Einen Gänsehaut-Abend beschert Thomas Muggenthaler dem Publikum der Literaturtage. Er stellt sein Buch "Mit dem Leben davongekommen vor", in dem er Überlebende des Holocausts porträtiert. Und wie es sich für einen Radio-Journalisten gehört, sind diese Menschen am Dientag zu hören.

Weiden. Einen Gänsehaut-Abend beschert Thomas Muggenthaler dem Publikum der Literaturtage.  Er stellt sein Buch "Mit dem Leben davongekommen vor", in dem er Überlebende des Holocausts porträtiert. Und wie es sich für einen Radio-Journalisten gehört, sind diese Menschen am Dientag zu hören.
Thomas Muggenthaler stellt sein Buch "Mit dem Leben davongekommen" bei den Literaturtagen 2026 vor. Das Foto im Hintergrund zeigt ihn 2000 mit David Ludwig Bloch. Foto: Christine Ascherl

Stimmen der Überlebenden: Bewegender Abend mit Thomas Muggenthaler bei Literaturtagen

Seit den 1980er Jahren spürt Thomas Muggenthaler regionalen Holocaust-Überlebenden nach. Er ist um die ganze Welt gereist – nach Israel, in die USA und nach Argentinien –, um Menschen jüdischen Glaubens zu interviewen, die bis zum Nationalsozialismus in der Oberpfalz lebten und dann fliehen mussten. Manche hat er bei späteren Heimatbesuchen getroffen, wieder andere haben nach dem Zweiten Weltkrieg die jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder aufgebaut.

Alle Interviewten sind inzwischen verstorben. Die fünf Beispiele, die er für die Lesung in Weiden mitgebracht hat, decken die ganze Bandbreite ab. Da wäre die unvergessene Henny Brenner, die Anfang der 1950er Jahre mit ihrer Familie aus Sorge um eine Abschottung in der DDR nach Weiden kam.

Die Dresdnerin wuchs als Tochter einer so genannten „Misch-Ehe“ auf. Der protestantische Vater musste unter dem Druck der Nationalsozialisten sein Kino „Palast-Theater“ in Dresden aufgeben. Sie erlebt den Brand der Synagoge, Zwangsarbeit und am Ende die Bombennacht vom 13. Februar 1945. Der Angriff der Alliierten rettet ihr womöglich das Leben: Für den 16. Februar 1945 war die Deportation angesetzt.

Lesung ausverkauft

Im Interview mit Thomas Muggenthaler erinnert sich Henny Brenner an die Demütigung des Judensterns – und wie ihre Familie damit umging: Ihr Vater Otto Wolf sei erhobenen Hauptes mit Frau und Tochter an seiner Seite durch die Stadt geschritten. „Er sagte: Schämen müssen sich die anderen.“

Der Kultursaal Hans Bauer im Alten Schulhaus ist am Dienstagabend ausverkauft. 120 Zuhörer finden Platz. Für Dr. Sebastian Schott, Leiter des Stadtmuseums und Stadtarchivs, schließt sich der Kreis. 2025 fand die Lesung für das Buch „Jüdische Familien – Schicksale hinter den Stolpersteinen in Weiden“ von Christine Ascherl statt. Es befasst sich mit ermordeten Juden der Stadt. Muggenthaler lasse nun die Überlebenden sprechen – teils stammen sie aus den gleichen Familien. „Es ergänzt sich perfekt.“

Künstler Ludwig David Bloch arbeitete einst bei Bauscher

Vieles ist selbst Weidenern neu: Etwa, dass der Künstler David Ludwig Bloch auch in Weiden gelebt hat. Bloch wurde 1910 am Flosser Judenberg geboren. Der gehörlose Vollwaise wuchs bei Onkel Ernst Ansbacher auf. Bloch besuchte eine Taubstummenanstalt, später eine Privatschule in Jena. Beruflich war er zunächst als Porzellanmaler in Plankenhammer, dann als Mustermaler bei Bauscher tätig (wohnhaft in der Mooslohestraße), ehe er ein Studium für Angewandte Kunst in München aufnahm.

WITRON – Nachmittag der Ausbildung
WITRON – Nachmittag der Ausbildung

Die Verfolgung der Juden beendete sein Leben in Deutschland: Im Zuge des Novemberpogroms wurde Bloch ins KZ Dachau verschleppt. Er entschloss sich zur Emigration und kam mit einem der letzten Schiffe 1940 nach Shanghai. Später baute er sich ein neues Leben in den USA auf. Muggenthaler traf Bloch im Jahr 2000, als ihm das Jüdische Museum München anlässlich seines 90. Geburtstags eine Ausstellung widmete. Der Regensburger Journalist erlebt ihn als „Mann mit Witz und Lebensfreude“.

Auch Horst Hauschild aus Erbendorf im Interview

Muggenthaler kann aus einem beeindruckenden Fundus an Erinnerungen schöpfen. Die Menschen sind unterschiedlich, ihre Schicksale, ihre Art, mit dem Erlebten umzugehen. Beispielsweise Horst Hauschild, früherer Erbendorfer und Schüler des Augustinus-Gymnasiums. 2009 kommt er als 89-jähriger Israeli erstmals nach Erbendorf zurück, er heißt inzwischen hebräisch Menachem Magen. Und so freundlich er den Empfang empfindet, so kategorisch schließt er jeden Rückkehrwunsch aus: „Niemals, niemals, niemals“, sagt er auf dem Tonband von Muggenthaler.

Die Musiker Johanna und Klaus Luther umrahmen den Abend auf wunderbare Weise. Pfarrer Alfons Forster, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, dankt Muggenthaler am Ende für seinen Beitrag des Erinnerns: „Sie haben diesen Menschen, die unter großen Opfern herausgekommen sind, eine Stimme gegeben.“

Link zum Buch

„Mit dem Leben davongekommen – Exil und Neuanfang. Bayerisch-jüdische Lebenswege“

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 setzte die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung ein. Aus der Gesellschaft gedrängt, stellte sich für viele die Frage: Wohin gehen und wie neu anfangen?
Seit Mitte der 1980er Jahre spürt der Journalist Thomas Muggenthaler bayerisch-jüdischen Schicksalen nach. Er führte Gespräche mit Emigranten in Israel, den USA und Argentinien, aber auch mit Shoah-Überlebenden, die nach ihrer Befreiung jüdisches Leben in Bayern wieder aufbauten.

Facettenreich erzählen die 34 hier versammelten Geschichten von den Schwierigkeiten der Emigration, von Verlusten, von Brüchen in der Biografie, aber auch von Mut, Überlebenswillen und Neubeginn.

ISBN: 978-3-86222-523-1, Hardcover, 240 Seiten, mit einem Vorwort von Prof. Dr. Michael Brenner, 24.90 Euro

Johanna und Klaus Luther übernahmen die musikalische Gestaltung der Lesung. Foto: Christine Ascherl
Volles Haus: Der Abend mit Thomas Muggenthaler bei den Weidener Literaturtagen ist ausverkauft. Foto: Christine Ascherl
Thomas Muggenthaler stellt sein Buch „Mit dem Leben davongekommen“ bei den Literaturtagen 2026 vor. Das Foto im Hintergrund zeigt ihn 2000 mit David Ludwig Bloch. Foto: Christine Ascherl
Volles Haus: Der Abend mit Thomas Muggenthaler bei den Weidener Literaturtagen ist ausverkauft. Foto: Christine Ascherl