Weidens vergessene Opfer des Nationalsozialismus: Verfolgt, zwangssterilisiert, ermordet

Weidens vergessene Opfer des Nationalsozialismus: Verfolgt, zwangssterilisiert, ermordet
Im Rahmen der „Langen Nacht der Demokratie“ der VHS Weiden/Neustadt veranstalteten die Omas gegen Rechts – Erinnerungsgruppe Oberpfalz, OBTM, „Weiden ist bunt“ und Amnesty International Weiden am 4. Oktober eine Stadtwanderung zu vergessenen Opfern des Nationalsozialismus in Weiden. Für die musikalische Begleitung sorgte Herbert Schmid von der ArGe (ArbeitsGemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg e. V.).
Das Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus sei notwendig, um das beispiellose Ausmaß menschlicher Verbrechen im Bewusstsein zu halten und zu verhindern, dass sich eine solche Katastrophe wiederholt.
„Jedes Opfer war ein Mensch mit einem Namen und einer Geschichte“, so die Organisatoren. Das Gedenken gibt den Verfolgten und Ermordeten ihre individuelle Würde zurück und wirkt dem anonymen Massenmord entgegen. Für die Stadtwanderung wurden in mühevoller Kleinarbeit die Lebensgeschichten von Menschen recherchiert, um sie dem Vergessen zu entreißen (nachzulesen auf der Homepage der Erinnerungsgruppe.
Zwangssterilisierung
Dr. Sebastian Schott, Leiter des Stadtarchivs, übernahm die ersten beiden Stationen. Ein Teil des heutigen Finanzamtes am Schlörplatz war früher Amtsgericht und „Erbgesundheitsgericht“. Dort wurde über die Zwangssterilisation von 230 Menschen entschieden. Schotts zweite Station war das ehemalige Landgerichtsgefängnis, die heutige Regionalbibliothek. Hier waren politische Gefangene und jüdische Männer nach den Verhaftungen 1933 und 1938 inhaftiert.
Der Stadtarchivar erinnerte auch an die Ermordung von 14 Angehörigen der Weidener Artistenfamilie Blum, darunter sind zehn Kinder. Wie Schott informierte, ist für 2027 die Verlegung von Stolpersteinen am Rehbühl geplant (siehe Infokasten).
14 Stolpersteine für ermordete Angehörige der Familie Blum
Bei der Stadtwanderung kündigte Stadtarchivar Dr. Sebastian Schott an, dass die Stadt auch an diese Opfer dauerhaft erinnern will. In den vergangenen Jahren sind 62 Stolpersteine für ermordete jüdische Weidener verlegt worden. „Wir werden im Oktober 2027 noch weitere Steine verlegen – für die 14 Angehörigen der Familie Blum“, sagte Schott.
14 Angehörige der Weidener Sinti-Familie Blum wurden von den Nationalsozialisten ermordet, überwiegend im KZ Auschwitz-Birkenau. Karl und Alma Blum verloren vier ihrer erwachsenen Kinder und zehn Enkelkinder, darunter Zwillinge. Im Oktober 2027 sollen für die Ermordeten Stolpersteine in Weiden verlegt werden.
Die Artistenfamilie lebte auf einem Wohnwagenstellplatz an der heutigen Prößlstraße. Karl und Alma Blum versuchten 1942 vor der drohenden Deportation mit dem Familienverband über den Balkan in die Türkei zu fliehen. Nach neun Monaten scheiterte die Flucht an der türkischen Grenze. 1943 wurde die Familie in Bulgarien inhaftiert und schließlich in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.
Die Stolpersteine sollen in der Prößlstraße am Rehbühl verlegt werden. Die Rehbühlsiedler übernehmen die Schirmherrschaft. Mit dem Künstler und Stolperstein-Initiator Gunter Demnig besteht laut Schott bereits Kontakt.
Verleugnete und Homosexuelle
Die dritte Station war in der Fleischgasse 14. Hier erinnerten die Organisatorinnen der Erinnerungsgruppe an Verleugnete und Homosexuelle.
Am Beispiel Margaretha Obermeier als Verleugnete und Wilhelm Lamm als Homosexuellen wurde nicht nur ihr Leiden während der Nazi-Zeit dargestellt, sondern auch der Umgang mit diesen Opfergruppen nach 1945.
Die NS-„Kinderaktion“
An der vierten Station, Untere Bachgasse 13, stand die sogenannte „Kinderaktion“ im Mittelpunkt, vorgestellt von Heidrun Dreyling-Riesop.
Unter der NS-„Kinderaktion“ versteht man den systematischen und massenhaften Mord an behinderten Säuglingen, Kleinkindern und Jugendlichen während des Nationalsozialismus. Es ist ein sehr verharmlosender Tarnname. Die betroffenen Kinder wurden in spezielle Kinderfachabteilungen verlegt. Dort wurden sie durch überdosierte Medikamente wie z. B. Luminal ermordet.
Ein Beispiel ist Brigitte Zinnbauer, geboren am 5.10.1938 in Weiden.
„Wilde Euthanasie“
Die fünfte Station befand sich am Unteren Markt 4. Thema war die sogenannte „Wilde Euthanasie“.
Darunter versteht man die dezentrale Ermordung kranker und behinderter Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten und die Fortsetzung der nationalsozialistischen Krankenmorde nach dem offiziellen Stopp der zentral gesteuerten „Aktion T4“ im August 1941. Statt des Transports in Gaskammern wurden die Patienten vor Ort durch gezieltes Verhungernlassen (Hungerkost), überdosierte Medikamente (Totspritzen mit Luminal oder Morphium) oder Vernachlässigung systematisch ermordet. Ein Beispiel ist Anton Bandhauer.
An dieser Station wurden die Namen der Weidener Opfer der „Wilden Euthanasie“ verlesen.
Die „Aktion T4“
Am Oberen Markt 29 beschäftigte sich die sechste Station mit der „Aktion T4“.
Unter der „Aktion T4“ versteht man den systematischen, von den nationalsozialistischen Machthabern zentral organisierten Massenmord an Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen. Der Begriff „T4“ ist eine Abkürzung für die Adresse der damaligen Berliner Zentraldienststelle in der Tiergartenstr. 4, von wo aus die Morde im Deutschen Reich organisiert und gesteuert wurden.
Die Morde wurden als angeblicher „Gnadentod“ verharmlost. Die Auswahl der Opfer erfolgte über Meldebögen, die Ärzte in Berlin nach Aktenlage entschieden. Die Angehörigen erhielten gefälschte Todesnachrichten und Sterbeurkunden.
Ein Beispiel ist Franz Sußbauer, der am 10.5.1910 in Weiden geboren wurde. Seine Eltern Franz und Margareta besaßen eine bekannte Delikatessenhandlung.
Auch hier wurden die Namen der Weidener Opfer der T4-Aktion verlesen.
Rosa und Friedrich Hoffmann und ihre Helfer
Die siebte und letzte Station führte zur Max-Reger-Straße 13. Im Mittelpunkt standen Rosa und Friedrich Hoffmann und ihre Helfer. Astrid Wieland schilderte ihre Geschichte.
Rosa Rebitzer wurde am 10.12.1898 in Weiden geboren. Sie war Jüdin, mit Friedrich in einer sogenannten „Mischehe“ verheiratet. Nur durch den Mut und die Entschlossenheit von ihrem Ehemann, Helfern wie Gottlieb Linz, das Ehepaar Rott, Familie Schuller oder das Ehepaar Lindner konnte sie dem Zugriff der Nazis entzogen werden und überlebte als einzige Jüdin in Weiden das nationalsozialistische Terrorregime.
Die Helfer waren sich bewusst, welches Risiko sie eingingen, als sie Rosa versteckten, und sollten nicht vergessen werden.
Herbert Schmid spielte zum Abschluss „Wir sind die Moorsoldaten“ auf der Gitarre und sang dazu.
Forderung nach Stolpersteinen
Zum Abschluss wurden von den „Omas gegen Rechts“ Wünsche für die Zukunft formuliert. „Es wäre wichtig, auch sichtbar als Mahnung und Warnung für spätere Generationen, für die sogenannte Verleugnete Margareta Obermeier und die Euthanasieopfer Anton Bandhauer, Franz Sußbauer und Karl Schlosser Stolpersteine zu verlegen“, so die Organisatorinnen in einer Presseerklärung am Sonntagabend.
„Stolpersteine für die Euthanasieopfer könnten ein sichtbares Zeichen sein, dass Krankheit, Behinderung oder Alter kein Verbrechen ist. Mord ist ein Verbrechen. Diese Stolpersteine könnten auch helfen, das Schweigen über Euthanasieopfer zu brechen.“
Zum Abschluss wurde die Forderung nach einer Umbenennung der Dr.-Johann-Stark-Straße erneuert und eine Rosa-Hoffmann-Straße eingefordert.












