Was Eslarn von Bělá lernen kann: Georg Zierer auf Stippvisite
Was Eslarn von Bělá lernen kann: Georg Zierer auf Stippvisite
Reaktivieren statt dümpeln: SPD-Bürgermeisterkandidat Georg Zierer will die Partnerschaft mit dem böhmischen Nachbarort Bělá nad Radbuzou nicht nur reaktivieren, sondern politisch ernst nehmen – als Lernraum, Ideenschmiede und konkreten Mehrwert für Eslarn.
Begründet wurde die Partnerschaft der beiden Grenzgemeinden 1990 vom Eslarner Bürgermeister Karl Roth und seinem Amtskollegen Ludovít Kopček. Drei Jahrzehnte später ist klar: Beide Orte haben sich entwickelt – aber nicht zwingend in die gleiche Richtung. Zierer will wissen, was seine Marktgemeinde von der Kleinstadt jenseits der Grenze lernen kann. Und er fährt hin, um es sich anzuschauen.
Rathausgespräch ohne Folklore
Empfangen wird die Delegation im Rathaus von Bělá von Bürgermeister Libor Picka, seit 33 Jahren im Amt – eine kommunalpolitische Lebensleistung, die selbst in Bayern inzwischen Seltenheitswert hat. Am Tisch sitzen neben Zierer unter anderem MdL a. D. Fritz Möstl, der frühere Schulleiter und langjährige Partnerschaftspfleger Josef Rauch, sowie Marktgemeinderäte und AWO-Vertreter wie Ulrike Möstl, Harald Kunz sowie Ivan Sajenko als Dolmetscher.
Statt der Leerformel, man habe „interessante Gespräche“ geführt, bilanzieren die Besucher konkrete Lagebesprechungen: Wie organisiert eine kleine böhmische Kommune Bürgernähe? Wie hält man ältere Menschen im Ort? Wie nutzt man europäische Fördermittel so, dass daraus dauerhaft funktionierende Strukturen entstehen?
Das kleine Schloss als Herzstück
Der erste Aha-Moment steht mitten im Ort: das sanierte Schloss von Bělá. Ein Gebäude, einst kurz vor dem Verfall, ist heute ein kommunales Kulturzentrum, das seinesgleichen sucht. Drei Etagen, hell, funktional, geschmackvoll eingerichtet – kein Museum, sondern ein lebendiger Ort. Hier finden statt:
- grenzüberschreitende Bürgertreffen,
- Ausstellungen, Konzerte und Vorträge,
- Bildungssemester in Kooperation mit der Karls-Universität Prag inklusive Zertifikat,
- politische Diskussionsformate und generationenübergreifende Veranstaltungen.
Zierer registriert: Kultur ist hier kein Zuschussbetrieb, sondern Teil der kommunalen Daseinsvorsorge. Ein Ort, an dem sich Bürgerinnen und Bürger regelmäßig begegnen – nicht nur bei Festen, sondern beim Lernen, Diskutieren, Weiterdenken.
Seniorenpolitik, die diesen Namen verdient
Auch mit dem demografischen Wandel weiß die tschechische Gemeinde umzugehen. Bělá verfügt über rund 300 gemeindeeigene Wohnungen, in denen auch Seniorinnen und Senioren wohnen können – selbstbestimmt, aber nicht allein gelassen. Die Kommune organisiert:
- Essensversorgung,
- Einkaufshilfen,
- Wohnungsreinigung,
- unterstützende Dienstleistungen im Alltag.
Acht kommunale Angestellte übernehmen diese Aufgaben gegen moderate Gebühren. Keine privaten Pflegeketten, keine komplizierten Antragsverfahren – sondern eine Gemeinde, die Verantwortung übernimmt.
Ergänzt wird das Angebot durch eine Seniorenakademie: Kurse zu Geschichte, Digitalisierung, Gesundheit, Sprache. „Das wird sehr gut angenommen“, sagt Bürgermeister Picka – und man glaubt es ihm sofort. Die Räume sind belebt, die Atmosphäre entspannt. Zierer nimmt diese Eindrücke mit nach Eslarn – nicht als Utopie, sondern als realistische Blaupause.
Eislaufbahn, Bauhof, Fördermittel – alles aus einem Guss
Beim Rundgang zeigt sich: In Bělá denkt man kommunale Infrastruktur zusammen. Neben dem Schloss liegt eine Festhalle, die im Winter zur Eislaufbahn umfunktionalisiert wird. Daneben ein historisches Gebäude, das heute Maschinen und Bauhof beherbergt – funktional, saniert, eingebettet ins Ortsbild.
All diese Projekte wurden mithilfe europäischer Fördermittel realisiert. Nicht punktuell, sondern strategisch. Zierer sieht hier enormes Potenzial für gemeinsame grenzüberschreitende Projekte: mehr Förderchancen, mehr Substanz, mehr Zusammenarbeit. Beim Rundgang trifft die Delegation auch die stellvertretende Bürgermeisterin Kamila Císlerová, vielen Eslarnern seit Jahren als Lehrerin und Dolmetscherin bekannt. Auch sie steht für eine Verwaltung, die nahbar und sichtbar bleibt.
Partnerschaft als politisches Lernprojekt
Am Ende des Besuchs ist klar: Diese Partnerschaft soll kein nostalgischer Akt bleiben. Zierer versteht sie als kommunalpolitisches Lernprojekt. Bělá zeigt, dass Bürgernähe nicht aus Leitbildern entsteht, sondern aus Räumen, Angeboten und verlässlichen Strukturen.
Dass Seniorenpolitik mehr sein kann als Pflegeplatzverwaltung. Und dass demografischer Wandel gestaltbar bleibt, wenn Kommunen Mut zur Verantwortung haben. Für Zierer ist das kein Blick über den Gartenzaun, sondern ein Arbeitsauftrag: Eslarn soll profitieren – ganz konkret, Schritt für Schritt, gemeinsam mit dem böhmischen Nachbarn.
Ortsporträt Bělá nad Radbuzou (Weißensulz)
Bělá nad Radbuzou (deutsch Weißensulz) ist eine Stadt im Plzeňský kraj (Region Pilsen) in Westböhmen. Sie liegt an der Mündung des Bezděkovský potok in die Radbuza, rund zehn Kilometer östlich des bayerischen Marktes Eslarn, im Bezirk Domažlice. Im Ortsteil Železná (Eisendorf) befindet sich ein Grenzübergang nach Eslarn.
Erstmals erwähnt wird der Ort 1121 in der Chronica Boemorum des Cosmas von Prag. Ursprünglich eine Siedlung der Choden mit Grenzwächter-Privilegien, entwickelt sich Weißensulz ab dem 14. Jahrhundert durch Zuzug deutschsprachiger Siedler.
1875 wird der Ort zum Markt erhoben, erhält vier Jahrmärkte und eine ausgebaute Schulinfrastruktur. Eine Besonderheit ist die untere Brücke über die Radbuza – eine Nachbildung der Prager Karlsbrücke mit Heiligenfiguren.
Bis 1918 gehört Weißensulz zum Königreich Böhmen (Österreich-Ungarn), danach zur Tschechoslowakei. Nach dem Münchner Abkommen wird der Ort dem Deutschen Reich zugeschlagen, 1945 folgen Enteignung und Vertreibung der deutschen Bevölkerung auf Basis der Beneš-Dekrete.
Heute ist Bělá nad Radbuzou eine lebendige Kleinstadt mit 1718 Einwohnern (Stand 1. Januar 2023), die ihre Geschichte kennt – und ihre Zukunft aktiv gestaltet.




