Ernüchternd: Kaum eine Apotheke macht ein Impfangebot
Ernüchternd: Kaum eine Apotheke macht ein Impfangebot
Um die vierte Coronawelle zu brechen und beim Boostern Gas zu geben, hatte Berlin im Dezember beschlossen auch die Apotheken ins Impfprogramm aufzunehmen. Im Freistaat soll jetzt dort ab 8. Februar zur Spritze gegriffen werden. Doch was von der Politik vollmundig angekündigt worden war, ist vor Ort – wieder einmal – alles andere als einfach umzusetzen. Zudem hat die Impfbereitschaft der Bevölkerung massiv nachgelassen.
Im Landkreis Tirschenreuth etwa gibt es gar keine Apotheke, die mit von der Partie ist. “Mit den Arztpraxen und den Impfzentren haben wir ohnehin ein ausreichendes Angebot”, begründet der dort zuständige Apothekensprecher Christian Züllich die Zurückhaltung. Aktuell werden in der gesamten Nordoberpfalz gerade mal drei Pharmazien diesen Impfservice anbieten.
Es gibt am 8. Februar keinen “Big Bang”
Und auch Josef Kammermeier, Regensburger Apotheker und stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands glaubt nicht, dass es am Dienstag einen “Big Bang” geben wird. “Es wird bestimmt noch ein, zwei Monate dauern, bis alle, die mitmachen wollen, soweit sind”, erläutert er. Was den Politikern so leicht über den Lippen gegangen ist, bedeutet für die Apotheker nämlich einen immensen Mehraufwand.
Es müssen separate Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden, das Impfpersonal muss ein mindestens zwölfstündiges Fortbildungsprogramm absolviert haben, es müssen Hygienepläne ausgearbeitet, notwendige Utensilien angeschafft und Impfstoff bestellt werden.
Jede Impfung muss ans RKI gemeldet werden
Außerdem müssen in den Apotheken die technischen Voraussetzungen geschaffen werden, um pflichtgemäß jede Impfung ans Robert-Koch-Institut (RKI) melden zu können. Da hakt es zum Beispiel noch bei der Stadt-Apotheke in Grafenwöhr. “Die Technik ist derzeit mein größtes Problem”, betont Apothekerin Catharina Stoll-Graml. Bei ihr wird man sich definitiv impfen lassen können, aber noch nicht am 8. Februar.
“Es gibt bereits einige Interessenten”, erzählt die Apothekerin. Bei ihr wird das Vakzin von Biontech verabreicht, ein in der Handhabung schwieriger Impfstoff. Er ist in Fläschchen abgefüllt, der Inhalt reicht für sechs Dosen. Aufgrund der geringen Haltbarkeit muss er schnell injiziert werden, alles andere als einfach in Zeiten absoluter Impfmüdigkeit. “Das ist für uns wirklich eine logistische Herausforderung”, erläutert Catharina Stoll-Graml. Denn die Lieferzeit von Biontech beträgt auch noch eine Woche. Also in der Apotheke vorbeischauen, Medikament abholen und gleich noch schnell impfen lassen? Von wegen.
Marienapotheke schon bei der Grippeschutzimpfung am Start
Auch in der Moosbacher Marienapotheke wird man zur Corona-Spritze greifen. Apothekerin Julia Gatz hat wie ihre Grafenwöhrer Kollegin Catharina Stoll-Graml schon Impferfahrung. Beide waren schon bei der vor zwei Jahren gestarteten Grippeschutzaktion dabei. Die Oberpfalz war damals als bayerische Modellregion ausgewählt wirden, in der die Apotheker zur Spritze greifen durften. “Darum war für uns klar, auch bei Corona mitzumachen”, erzählt Julia Gatz.
Doch bislang hat noch kein Piks-Interessent an ihre Apothekentür angeklopft. Da ist sie momentan auch nicht so wahnsinnig unglücklich drüber, denn sie macht sich über ein anderes Problem Gedanken. Pro Impfung sollen die Apotheken 28 Euro bekommen, am Wochenende werden acht Euro draufgelegt, so viel steht fest. “Ich weiß aber bis jetzt nicht, wie das überhaupt abgerechnet werden soll”, betont sie.
Der Ärztin keine Konkurrenz machen
Das impfwillige Pharmazie-Trio komplett macht die Weidener Stockenhut-Apotheke. Doch Inhaber Werner Riedl zögert noch. Er muss, weil keine Termine mehr frei waren, erst noch seine Corona-Fortbildung absolvieren. Dazu muss er sich nach München auf die Socken machen. “Ich möchte auch in keinster Weise der Ärztin, die im Haus praktiziert, Konkurrenz machen”, erklärt er ein zusätzliches Dilemma. Außerdem ist er noch skeptisch, ob er das Impfen überhaupt parallel zum laufenden Apothekenbetrieb wird durchführen können. “Es ist aber bestimmt nicht schlecht, mitzumachen”, erläutert Riedl. Das sieht auch seine Moosbacher Kollegin genauso: “Wir sind da, wenn die Hausärzte überrannt werden sollten”, beschreibt Julia Gatz die Impfrolle der Apotheken.
Impfen ist nicht wirklich lukrativ
Josef Kammermeier ist zuversichtlich, dass rund ein Viertel bis ein Drittel der rund 3.000 bayerischen Apotheken, diesen Impfservice anbieten werden. Sein Blick ist auch eher in die Zukunft gerichtet, in der es vielleicht keine teueren Impfzentren mehr geben wird und daher die Hausärzte eine Entlastung brauchen werden.
Richtig Geld verdienen können die Apotheken damit ohnehin nicht. “Ich sehe das eher als eine Art Aufwandsentschädigung”, sagt Kammermeier. Ihm kann Catharina Stoll-Graml nur zustimmen. Ein wirtschaftliches Zusatzstandbein ist die Impferei in ihren Augen ganz bestimmt nicht. “Ich möchte aber mithelfen, die Pandemie einzudämmen”, betont sie – und spricht damit auch ihrer Moosbacher Kollegin Julia Gatz aus der Seele.




