Jahn in Liga 3: Fahrige Regensburger überfahren Havelse
Jahn in Liga 3: Fahrige Regensburger überfahren Havelse
Eines hat Interims-Trainer Munier Raychouni von seinem ehemaligen Chef auf jeden Fall gelernt: die treffende Selbstkritik nach dem Spiel.
Wir sind sehr gut ins Spiel gekommen, natürlich nach zwei Minuten schon in Führung gegangen, und unmittelbar danach haben wir einfach den Faden, die Intensität verloren, wir haben im Pressing keine Aggressivität gezeigt, keine Ballgewinne. Wir waren mit Ball völlig unsortiert, haben nicht das gezeigt, was wir uns vorgenommen haben, waren im Ballbesitz viel zu nervös.
Munier Raychouni
Traumstart – und dann der Fadenriss
Damit bringt der ehemalige und möglicherweise auch bald wieder künftige Co-Trainer die Lage auf dem Platz auf den Punkt. Aufsteiger Havelse hat mehr Spielanteile, Ballbesitz, die gelungeneren Ballstafetten – nur mit dem Abschluss will es zunächst so gar nicht klappen.
Dabei beginnt alles wie gemalt: Nach zwei Minuten dribbelt sich Eric Hottmann (2.) auf links durch und jagt den Ball unhaltbar ins rechte Torkreuz. Regensburg wirkt danach jedoch erstaunlich passiv, überlässt den Gästen zunehmend die Kontrolle – und hat Glück, dass Abschlüsse wie von Ilic oder Boujellab zu harmlos bleiben oder geblockt werden.
Kurz vor der Pause dann der zweite Nadelstich: Freistoß Adrian Fein, Malte Karbstein (45.+3) verlängert mit der Haarspitze – 2:0 mit dem Pausenpfiff. Ein Ergebnis, das dem Spielverlauf arg schmeichelt.
Effektivität statt Kontrolle
Das bestätigt der Jahn zunächst auch in der zweiten Hälfte – mit überschaubaren, aber fast immer zielführenden Offensivaktionen. Den genialen Pass des ansonsten eher unglücklich agierenden Kapitäns Christian Kühlwetter veredelt Eric Hottmann mit seinem zweiten Treffer zum 3:0 (56.).
Und weil Effizienz manchmal wichtiger ist als Dominanz, folgt gleich der nächste Stich: Nach der ersten Jahn-Ecke des Spiels stochert Leopold Wurm den Ball zum 4:0 (66.) ins Netz. Spätestens jetzt scheint alles entschieden – zumindest theoretisch.
Schlafwagen-Fußball mit schwedischem Déjà-vu
Anstatt die niemals aufsteckenden Gäste jetzt brutal abzustrafen, schafft es Regensburg dann aber, Erinnerungen an ein längst vergessenes Länderspiel wachzurufen. Binnen Minuten kippt die Statik: Nach schönem Steckpass von Düker trifft Nassim Boujellab (70.) zum 4:1, wenig später läuft Christopher Schepp (76.) nach einem langen Ball allein auf Ersatzkeeper Leon Wechsel zu und spitzelt zum 4:2 ein.
Der Jahn wirkt plötzlich fahrig, schläfrig, beinahe schockiert von der eigenen Nachlässigkeit. Havelse wittert Morgenluft, spielt mutig nach vorne – und ist näher am dritten Treffer als Regensburg am fünften. Dass ein später Treffer zum 3:4 wegen Abseits nicht zählt, passt ins Bild eines Spiels, das der Jahn eigentlich längst hätte entscheiden müssen.
Erst als die Kräfte schwinden, nutzt Regensburg die Räume: Lucas Hermes setzt sich links durch, legt quer – und Florian Dietz (90.+1) schiebt zum 5:2-Endstand ein. Ein Ergebnis, das deutlich klingt, aber über weite Strecken wenig Souveränität kaschiert.
Raychouni: „Mit Ball völlig unsortiert“
Jahn-Trainer Munier Raychouni: „Wir sind sehr gut ins Spiel gekommen, natürlich nach zwei Minuten schon in Führung gegangen, und unmittelbar danach haben wir einfach den Faden, die Intensität verloren, wir haben im Pressing keine Aggressivität gezeigt, keine Ballgewinne. Wir waren mit Ball völlig unsortiert, haben nicht das gezeigt, was wir uns vorgenommen haben, waren im Ballbesitz viel zu nervös. Aber sobald wir in die Tiefe gespielt haben, wurden wir immer wieder gefährlich, weil die Kette sehr hoch stand.
Wir hätten viel früher schon in die Tiefe spielen müssen, haben das auch in der Halbzeit sehr klar angesprochen, gehen auch vor der Halbzeit 2:0 in Führung. Zweite Halbzeit haben wir es dann besser gemacht, haben aber auch dann wieder zwei völlig unnötige Gegentore bekommen, war auch gut ausgespielt. Sind dann auch wieder in eine Situation gekommen, in der es brenzlig wurde. Wir hatten, wie schon in der ersten Halbzeit, immer wieder mal das Glück auf unserer Seite.
Und am Ende dann trotzdem noch das 5:2 gemacht – gute Zeiten, schlechte Zeiten. Auch nach dem 1:0 schon, weil wir dann gedacht haben, wird schon irgendwie funktionieren – und ich habe vorher schon gesagt: Der Abstand zwischen 95 und 100 Prozent sind nicht fünf, sondern sind wesentlich mehr. Wir müssen an diese 100 Prozent rankommen und das permanent. Das ist in dieser Liga generell so. Am Ende ein wichtiger Sieg für uns.“
Hottmann: „Immer geil, wenn man früh trifft“
Jahn-Doppelpacker Eric Hottmann: „Wir kommen sehr gut ins Spiel, machen sehr früh das erste Tor. Danach kommen wir etwas ins Schwimmen, ich glaube, es ist trotzdem wichtig, solche Phasen zu überstehen, weil man gegen Ende der Saison vielleicht nicht mehr die Körner hat. Ich glaube aber, dass wir als Mannschaft diese Phase überstanden haben, dann glücklicherweise vor der Halbzeit das 2:0 machen – das war vom Timing her sehr wichtig. Es war immer wieder so, dass wir zwischendrin geschwommen sind, aber am Ende haben wir unsere Tore gemacht.
Natürlich ist es als Stürmer immer geil, wenn man früh trifft. Ich hatte zuletzt eine kleine Durststrecke, von daher nehme ich das dankend an. Das Toto-Pokal-Spiel wollen wir unbedingt gewinnen. In den DFB-Pokal zu kommen, ist immer geil. Die Fans sind heiß – so werden wir das Spiel angehen.“
Ferchichi: „Vielleicht sogar die bessere Mannschaft“
Havelse-Coach Samir Ferchichi: „Wir müssen das Positive rausnehmen: Dass wir nach dem 4:0 weiter Gas geben, auf 4:2 rankommen und am Ball viele gute Stafetten haben – vielleicht sogar die bessere Mannschaft waren.
Aber auf dem Level reicht es nicht, wenn man Woche für Woche zwei, drei oder vier Gegentore bekommt. Die Gegentore sind schlichtweg zu einfach. Wir müssen extrem viel aufwenden, um ein Tor zu schießen – und kriegen sie hinten zu leicht. Das ist der Unterschied zu einer Mannschaft, die vorne Qualität hat und das eiskalt bestraft.“
Schepp: „Müssen weiter dran glauben“
Havelse-Torschütze Christopher Schepp: „Wir haben alles reingeworfen, kommen nochmal gut ran. Wir können uns nichts vorwerfen, aber die Gegentore sind zu einfach. Daran müssen wir arbeiten und weiter dran glauben.“
Nächsten Samstag: Löwenjagd im Toto-Pokal-Halbfinale
Jetzt also: Bonusmaterial. Länderspielpause, Liga auf Standby – und plötzlich wird aus einer durchwachsenen Drittliga-Saison ein Spiel mit Wucht. Das Toto-Pokal-Halbfinale gegen den TSV 1860 München ist mehr als ein Pflichttermin. Es ist ein Versprechen.
Ein Versprechen an die Fans, die in dieser Saison oft genug zwischen Hoffnung und Ernüchterung pendeln mussten. Ein Versprechen an eine Mannschaft, die weiß, dass ihr der große Wurf über die Liga wohl verwehrt bleibt – aber über diesen einen Weg noch alles möglich ist.
DFB-Pokal. K.o.-Spiel. Löwen. Mehr Emotion geht kaum. Und vielleicht ist genau das die Chance dieses Jahn-Teams: Wenn es nicht um Kontrolle geht, nicht um Tabellenrechner und Konstanz, sondern um diesen einen Moment, an dem alles passen muss. Die Fans sind heiß, sagt Hottmann. Die Gelegenheit ist es auch. Jetzt muss nur noch der Jahn liefern.
Das BR-Fernsehen überträgt am Samstag, 28. März, das Drittliga-Duell zwischen dem SSV Jahn Regensburg und dem TSV 1860 München live im Free-TV (Anstoß: 14 Uhr). Bereits vier Tage zuvor, am Dienstag, den 24. März, bestreiten der FC Würzburger Kickers und der SV Wacker Burghausen ab 18.30 Uhr das erste Toto-Pokal-Halbfinale.














