Südkorea verzockt sich in historischem Ausmaß - wenn die Börse zur Existenzbedrohung wird und wie man es verhindern kann

Südkorea verzockt sich in historischem Ausmaß - wenn die Börse zur Existenzbedrohung wird und wie man es verhindern kann
In meiner täglichen Arbeit begegnet mir immer wieder dasselbe Muster: Zu Beginn stehen häufig nicht rationale Überlegungen im Vordergrund, sondern die beiden stärksten Emotionen der Kapitalanlage, nämlich Angst und Gier.
Je nach Marktphase wechseln sie sich ab und prägen das Anlageverhalten vieler Anleger. Das ist für mich schon erstaunlich, dass das die Regel statt der Ausnahme ist.
Südkorea in Gier und Angst
In Südkorea ließ sich in den vergangenen Monaten der ständige Wechsel zwischen Gier und Angst auf eindrucksvolle und zugleich historische Weise beobachten. Eine Entwicklung, die auch mich erneut zum Nachdenken gebracht hat.
1,2 Millionen Koreaner haben einen Margin-Call erhalten. Einen was? Einen Margin Call.
Der Anruf von der Bank, den viele Koreaner ausgeblendet haben
Ein Margin Call ist vereinfacht gesagt eine Nachschussforderung. Sie entsteht, wenn Anleger nicht nur ihr eigenes Geld investieren, sondern sich zusätzlich Kapital von einer Bank oder einem Broker leihen, um damit eine Investition am Aktienmarkt einzugehen. Solange die Kurse steigen, funktioniert dieses Prinzip problemlos
Ein Beispiel:
Wir leihen uns von der Bank 100 EUR und kaufen uns dafür die Aktie A. Aktie A steigt auf 150 EUR. Wir verkaufen die Aktie, verdienen 150 EUR, zahlen 100 EUR an die Bank zurück und stecken 50 EUR in die eigene Tasche.
Wenn es aber nicht funktioniert, bekommt man von seiner Bank oder Broker einen Anruf (Call) und das kann sehr ungemütlich werden. Die Bank fordert dann nämlich zusätzliche Sicherheiten (Margin), daher der Name Margin Call.
Das geschieht jedoch nicht willkürlich. Ein Margin Call erfolgt erst dann, wenn aus Sicht der Bank das Risiko zu groß wird, das verliehene Geld vollständig zurückzubekommen. Das ist der Fall, wenn der Wert der Anlage so stark gefallen ist, dass die vorhandenen Sicherheiten den Kredit nicht mehr ausreichend abdecken.
In dieser Situation verlangt die Bank, dass der Anleger zusätzliches Geld oder andere Sicherheiten hinterlegt.
Noch ein Beispiel:
Fällt die Aktie von 100 EUR auf 50 EUR, dann hat man nur noch einen Vermögenswert von 50 EUR, aber gleichzeitig Schulden von 100 EUR – nicht so toll.
Doch was passiert, wenn man keine zusätzlichen Sicherheiten hat?
Der Broker rettet, was zu retten ist, verkauft den Bestand (ja das geht) und behält den Verkaufserlös. Die restlichen Schulden aber bleiben – noch weniger toll.
Was war geschehen?
In Südkorea entwickelte sich in den vergangenen Monaten ein Phänomen, das Erinnerungen an die Internetblase der frühen 2000er weckt. Mit dem rasanten Anstieg vieler Technologieaktien wuchs auch die Euphorie der Anleger. Die Won-Zeichen in den Augen wurden immer größer, die Gier, eine einmalige Chance zu verpassen, ebenso. Plötzlich schien jeder nur noch über steigende Kurse und den Traum von der Eigentumswohnung in Seoul zu sprechen.
Getrieben von dieser Euphorie begannen immer mehr Anleger, ihre Investitionen nicht mehr ausschließlich mit eigenem Kapital zu finanzieren. Stattdessen nahmen sie Kredite auf und wetteten mit geliehenem Geld auf weiter steigende Kurse.
Doch dann kam der Juli…
Die zuvor gefeierten Technologieaktien gerieten im Juli massiv unter Druck. Der südkoreanische Leitindex KOSPI verlor von seinem Rekordhoch im Juni zeitweise fast 30 Prozent. Die Folgen waren dramatisch: Mehr als eine Million Anleger erhielten einen Margin Call, weil ihre Sicherheiten nicht mehr ausreichten. Hunderttausende Depots wurden anschließend zwangsweise liquidiert, nicht weil die Anleger verkaufen wollten, sondern weil sie verkaufen mussten.
Für viele südkoreanische Anleger endete der Traum vom schnellen Vermögensaufbau in einem finanziellen Desaster. Statt der erhofften Eigentumswohnung in Seoul stehen zahlreiche Menschen heute vor hohen Schulden und einer ungewissen Zukunft.
Die wirtschaftlichen und psychischen Folgen sind so gravierend, dass die südkoreanische Regierung ihre Hilfsangebote für Menschen in finanziellen Krisen deutlich ausgeweitet hat. Neben Schuldnerberatungen wurden auch Maßnahmen zur Suizidprävention verstärkt, um Betroffene in existenziellen Notlagen frühzeitig zu erreichen.
Was lernen wir daraus?
- Bei großen, länger anhaltenden Schwankungen kann der Wertverlust durch Wertpapierkredite deutlich stärker ausfallen als ohne.
- Wer stark auf einzelne Branchen oder wenige Aktien setzt (hier: Halbleiter/KI-Hype), geht gefährliche Einzelwetten ein, egal ob mit oder ohne Darlehen.
- Das Beispiel Südkorea zeigt, wie schnell aus Kursrückgängen tatsächliche Notverkäufe werden, sobald Margin Calls von Brokern und Banken zum Einsatz kommen.
Die eigentliche Lehre aus diesem Beispiel ist nicht, dass Aktien gefährlich sind. Gefährlich wird es, wenn Emotionen die Kontrolle übernehmen und Anleger aus Gier immer höhere Risiken eingehen.
Historisch sind solche Übertreibungen kein Einzelfall. Exzessive Euphorie endet häufig mit erheblichen Vermögensverlusten. Genauso gut dokumentiert ist jedoch die andere Seite der Medaille: Kapitalmärkte gehören langfristig zu den erfolgreichsten Instrumenten für den privaten Vermögensaufbau, vorausgesetzt, sie werden mit einer durchdachten Strategie genutzt.
Genau hier setzt eine professionelle Vermögensverwaltung an. Ihr Ziel ist es nicht, auf den nächsten Börsenstar zu setzen oder kurzfristigen Trends hinterherzulaufen. Vielmehr basiert sie auf wissenschaftlich fundierten Anlagestrategien, einer breiten Diversifikation und einem Risikomanagement, das emotionale Fehlentscheidungen möglichst vermeiden soll.
Dabei ist es häufig weit weniger entscheidend, ob sich Aktie A oder Aktie B im Depot befindet. Entscheidend ist vielmehr, dass die gesamte Vermögensstruktur zu den persönlichen Zielen, dem Anlagehorizont und der individuellen Umständen passt.
Wer sein Vermögen auf diese Weise aufbaut, muss nicht jedem Börsenhype hinterherlaufen. Er kann langfristig investieren, kurzfristige Marktschwankungen gelassener einordnen und sich auf das konzentrieren, worauf es im Leben wirklich ankommt, anstatt von Gier, Angst oder gar einem Margin Call getrieben zu werden.




