112 – Wer steckt hinter dieser Nummer?

Weiden. Heute ist der 11.2. und somit der Tag der europäischen Notrufnummer 112. Wer dort anruft landet bei der ILS Nordoberpfalz. Was aber macht jemand, der hier arbeitet? Wer arbeitet dort? Und wie sieht so ein Arbeitstag eigentlich aus? Fragen über Fragen – und wir haben die Antworten. 

Von Yvonne Sengenberger

Zwischen der Hauptstelle des Roten Kreuzes, dem Krankenhaus und dem Stadtfriedhof liegt die Integrierte Leitstelle Nordoberpfalz (ILS). „Wer hier arbeitet verlässt das Dreieck nie mehr“, lacht Pressesprecher Jürgen Meyer. Einer davon ist Jürgen Göppl. Er ist seit 1998 bei der Rettungsleitstelle. Die integrierte Leitstelle gibt es ja erst seit 2012. Er ist heute Schichtleiter. Koordiniert, wer was zu tun hat und nimmt selbst Anrufe entgegen. Jeder, der hier arbeitet hat entweder eine Qualifizierung als Rettungssanitäter und Feuerwehrler hinter sich. Viele fahren auch heute noch ehrenamtlich zu Einsätzen. Auch Jürgen Göppl war sechs Jahre als Rettungsassistent BRK-Rettungsdienst unterwegs.

Die heiligen Hallen der Integrierten Leitstelle. Hier kommen alle Anrufe an. Und von hier werden alle Einsätze koordiniert
Die heiligen Hallen der Integrierten Leitstelle. Hier kommen alle Anrufe an. Und von hier werden alle Einsätze koordiniert

Aus dem Helikopter ans Telefon

Am Tisch vor ihm sitzt Thomas Schöner. Auch er ist schon lange im „Geschäft“. Die beiden kennen sich auch schon ewig. Thomas ist auch in der Flugrettung tätig. Die ILS stellt für die DRF-Luftrettung Personal. Er weiß also genau, was Sache ist, wenn er Christoph 80 alarmiert und losschickt. Der wird heute aus Mangel an Rettungswägen gleich mal nach Luhe geschickt. Da hatte ein junger Mann einen Kreislaufzusammenbruch.

Dann klingelt das Telefon. Man hört es rascheln. Im Hintergrund unterhält sich jemand. „Das sind Amis“, sagt Jürgen Göppl, „die rufen wir jetzt zurück. Denen ist sowas immer extrem peinlich.“ Ein bisschen Spaß muss bei diesem Job auch mal sein. Und abgesehen davon sind fast die Hälfte der Anrufe, die täglich bei der ILS eingehen sogenannte „Hosentaschenanrufe“. Das heißt jemand wählt versehentlich die 112. „Da kommen immer wieder seltsame Dinge dabei heraus“, erzählt Göppl.

Einmal habe ich mit einer Kuh telefoniert. Ich hab gefragt: ‚Brauchen Sie Hilfe?‘ und die Kuh hat mit ‚Muh‘ geantwortet.

Dabei müssen die Disponenten sich aber immer versichern, was wirklich los ist. Ob jemand tatsächlich Hilfe braucht. Auch einen Hund hatte Göppl schon in der Leitung: „Der war richtig aggressiv. Da haben wir dann geschaut, wo der Anruf herkommt und eine Streife der Polizei hingeschickt.“ Es wäre ja möglich gewesen, dass der Hund jemanden angegriffen hatte, der schnell noch den Notruf absetzen konnte. „Der Hund hat aber nur auf dem Telefon herumgekaut!“

Jürgen Göppl ist heute Schichtleiter. Seit 1998 ist er Disponent.
Jürgen Göppl ist heute Schichtleiter. Seit 1998 ist er Disponent.

Wo ist welcher Krankenwagen?

Es klingelt schon wieder. Es ist das Weidener Klinikum. Ja, auch die rufen hier an. Denn die ILS hat alle Rettungs- und Krankenwägen im Blick, weiß wer, wo ist. Wenn also eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus einen Patienten verlegen oder nach Hause bringen will, wird die ILS angerufen. Die tragen die Termine dann ein. Ein Notfall hat aber logischerweise immer Vorrang. „Jemand der im Krankenhaus ist und nach Hause gebracht werden soll, der ist ja an sich gut versorgt. Da ist es nicht so tragisch, wenn der mal warten muss. Wenn sich aber jemand den Daumen abgesägt hat, sollte der Rettungswagen sofort kommen.“

Plötzlich ploppt ein Fenster auf dem Bildschirm auf. Ein Feuermelder in der Burg Falkenberg hat Alarm geschlagen. Es dauert keine 15 Sekunden, schon hat Disponent Stefan Radies die zuständige Feuerwehr verständigt. Ein paar Minuten später meldet die sich per Funk zurück und rückt aus. Dann erst sucht Jürgen Göppl die hinterlegte Telefonnummer heraus, um die Verantwortlichen zu kontaktieren. „Da hat noch keiner gemerkt, was los ist. Wahrscheinlich ist es aber sowieso ein Fehlalarm.“ Da merkt man ihm die viele Erfahrung an. Eine viertel Stunde später gibt die Feuerwehr Entwarnung. Nirgendwo im Gebäude brennt es.

Zwölf Stunden Schichten

Zwölf Stunden gehen die Schichten der Mitarbeiter. Die dürfen sich aber abwechselnd vier davon in einen Aufenthaltsraum (mit Bett, Fernseher und Co.) zurück ziehen. Dann werden sie nur gerufen, wenn oben die Hütte brennt. Auch zwischendurch bauen die Mitarbeiter gemeinsame Pausen ein. Dann kommen auch die „von unten“, wie Pressesprecher und stellvertretender Leiter Jürgen Meyer, nach oben: „Auch wenn es blöd klingt, wir sind schon ein bisschen Familie.“ Gleich nebenan ist eine Küche. Hier wird gemeinsam gekocht und gegessen.

„Einmal hatte ich fünf Wiederbelebungs-Anleitungen hintereinander. Da hab ich mich dann erst mal kurz verabschiedet und ’nen Kaffee getrunken“, erzählt Sarah Friedrich, sie ist auch Disponentin und Schichtleiterin. Auch das ist kein Problem. „Wenn jemand eine Pause braucht, muss er die auch machen. Wir müssen uns am Telefon ja auch konzentrieren“, sagt Jürgen Meyer. Und vor allem Multitasking-fähig muss man hier sein. Während man mit dem Anrufer spricht werden gleichzeitig die Daten in ein Formular eingetragen und der passende Rettungswagen gesucht. „Am Anfang dauert es ein bisschen, bis man das alles im Griff hat. Aber das kann man lernen“, erzählt Göppl.

Was man nicht so leicht lernen kann, ist mit den Fällen und Schicksalen klar zu kommen. Als Sanitäter wissen die meisten, wie es bei Unfällen zugeht. „Man hat immer gleich ein Bild im Kopf. Aber man weiß ja auch, dass die Sanis das im Griff haben und man alles getan hat um den Leuten zu helfen. Nur manchmal habe ich ein blödes Gefühl, weil ich weiß ich kann von hier nichts machen.“

So sieht der Arbeitsplatz eines Disponenten aus. Karte, Formular, Standorte der Rettungswägen - alles auf einem eigenen Bildschirm. Telefon, Headset und Touch-Screen zum Annehmen der Telefonate
So sieht der Arbeitsplatz eines Disponenten aus. Karte, Formular, Standorte der Rettungswägen – alles auf einem eigenen Bildschirm. Telefon, Headset und Touch-Screen zum Annehmen der Telefonate

Zur ILS: 

Täglich gehen bei der ILS rund 400 Anrufe ein – bei großen Ereignissen auch mal mehr. In etwa 200 Fällen müssen Rettungsdienst und Feuerwehr ausrücken. Allein im Januar waren es 3055 Einsätze für die Sanitäter, 60 Brände, 173 technische Hilfeleistungen (wie Bäume auf der Straße) und satte 2232 Anrufe, die nicht zu eine Einsatz führten.

Insgesamt überwacht die Integrierte Leitstelle die Landkreise Neustadt/WN, Tirschenreuth und die Stadt Weiden. Also eine Fläche von 2585 Quadratkilometern mit 213.582 Einwohnern. Rund 900 Feuerwehr- und Rettungsdienstfahrzeuge sind in diesem Gebiet im Einsatz. Die ILS ist eine von 26 Leitstellen in Bayern und beschäftigt rund 50 Mitarbeiter, davon arbeiten etwa 20 als Disponenten. 

Wer einen Notfall absetzen möchte, sollte IMMER die 112 wählen. Das ist die europäische Notrufnummer. Die gilt auch im Ausland. Alle anderen Nummern können Sie getrost vergessen. 

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