OTH Amberg-Weiden
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Gäste und Mitarbeiter im Champagner-Prozess: Es war wie ein schlechter Horror-Film

Weiden. Gäste und Mitarbeiterin schildern die Horror-Nacht im "La Vita" im Februar 2022. Von einer Sekunde zur nächsten kippte die Stimmung. Aus fröhlich Feiernden wurden "Zombies" mit Schaum vor dem Mund, die zu Boden sanken. "Es war wie ein schlechter Horrorfilm", sagt ein städtischer Mitarbeiter, zufällig Gast und Ersthelfer.

Weiden. Gäste und Mitarbeiterin schildern die Horror-Nacht im "La Vita" im Februar 2022. Von einer Sekunde zur nächsten kippte die Stimmung. Aus fröhlich Feiernden wurden "Zombies" mit Schaum vor dem Mund, die zu Boden sanken. "Es war wie ein schlechter Horrorfilm", sagt ein städtischer Mitarbeiter, zufällig Gast und Ersthelfer.
ie Altstadt war während des Einsatzes abgesperrt. Screenshot: Redaktion

Gäste und Mitarbeiter im Champagner-Prozess: Es war wie ein schlechter Horror-Film

Erster Zeuge am zweiten Prozesstag ist der damalige Geschäftsführer des Schwesterlokals des “La Vita”, der gegenüberliegenden Bar “Il Baretto”. Er hatte die Flasche besorgt. Für den Samstag hatte sich kurzfristig eine Gruppe angesagt. Die Clique wollte die Teilnahme eines Freundes an der TV-Sendung “Take me out” feiern. Dazu habe man gezielt eine größere Flasche des süßen Champagners “Moet Chandon Ice Imperial” geordert. 

Der Barkeeper sagt, er habe in der Folge alle möglichen Getränkehändler erfolglos abgefahren. “Ich konnte keinen auftreiben.” Er kontaktierte einen Landkreisbürger, der privat mit Champagner handelt. Mit diesem Mann sei man schon in den Wochen zuvor ins Geschäft gekommen. Kurz vor Silvester kaufte man ihm vier, fünf Flaschen “Moet” und “Dom Perignon” ab. Das “Baretto” hatte zu dieser Zeit gerade neu eröffnet, Champagner war das In-Getränk. 

Der Privatmann hatte auch eine Drei-Liter-Flasche zuhause. Mit dieser Doppel-Magnum hatte er eigentlich 2021 seinen Geburtstag feiern wollen, was dann wegen Corona abgesagt worden war. Dort habe die Flasche abgeholt, berichtet der “Baretto”-Chef. Kostenpunkt: “so 400, 500 Euro”.  Die Flasche war versiegelt und lag in einer Holzbox.  

“Baretto”-Chef sagt: “Die liefen herum wie Zombies”

Der Geschäftsführer des “Baretto” hatte an dem Abend eigentlich gar nicht arbeiten wollen, weil er einen positiven Corona-Test hatte. Der Chef des “La Vita” bestand darauf, weil man in beiden Lokalen knapp besetzt war. Am späten Abend holte ihn die Restaurantleiterin ins “La Vita” nach gegenüber, um die Drei-Liter-Flasche zu öffnen. 

“Ich habe die Flasche aufgeschnitten, aufgezogen, die war auch komplett verplombt, versiegelt. Mir wäre nichts aufgefallen.” Er habe die blickdichten Original-Imperial-Ice-Gläser eingeschenkt und sei wieder in die Bar zurückgelaufen, weil er alleine Dienst hatte.  “Nach zehn Minuten kam eine Kellnerin aus dem La Vita. Da sei etwas passiert. Die laufen rum wie die Zombies und die Chefin liege auf dem Boden.”  

Erster Verdacht: Blausäure

Der Eindruck des Baretto-Geschäftsführers von der Situation im “La Vita”: “Die Leute waren nicht ansprechbar, starrer Blick, ganz komisch.” Gemeinsam mit dem italienischen Wirt habe er eine Probe in ein Glas gefüllt: Die Flüssigkeit war ganz leicht lilafarben, “so pastellig”. Man stand vor einem Rätsel. 

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“Ich habe gegoogelt wie ein Blöder.” Im Internet fand er einen Artikel, dass Champagner in Fässern reife, die mit Blausäure ausgewaschen würden. “Ich dachte, das könnte es sein.” Diesen Hinweis habe er den Rettungssanitätern gegeben. “Dann ging das alles seinen Weg, alles war voll mit Polizei und Rettungswagen.” Er sei von der Polizei mit zur Vernehmung genommen waren. “Es hieß: Ein Mann sei verstorben.”  

“Ich habe mir sehr lang große Vorwürfe gemacht.” Der muskulöse Barkeeper knetet die tätowierten Hände.

Prozess Champagner Landgericht Weiden Theo
Eröffnung des zweiten Sitzungstags. Foto: Christine Ascherl

Kellner des “La Vita”: “Es war die Hölle” 

Der zweite Zeuge (53) war Kellner im “La Vita”. Er wollte gerade in den Feierabend gehen. Er hatte schon die Jacke an, als die Restaurantleiterin zu Boden ging. Der Chef lief zu ihr und sagte: “Was ist los, steh auf!” Andere Gäste rüttelten an ihr. “Es  war schrecklich.” Und plötzlich fiel noch ein Gast zu Boden. “Irgendwas stimmte nicht.” Eine Frau sei Richtung Toilette getaumelt. Mit anderen Gästen schleppte er die Verletzten vors Haus. “Es war die Hölle.” 

Für ihn war klar, dass die Ursache der vermeintliche Champagner war. Testweise habe er aus der Drei-Liter-Flasche eine Probe in ein Cola-Glas geschüttet. Das habe ausgesehen wie Traubensaft. 

Besucherin: “Meine Freundin sagte, sie werde jetzt sterben”

Eine Zahntechnikerin (41) aus Weiden war mit ihrer Freundin zu Gast im “La Vita”. Die beiden hatten die Clique am Vorabend kennengelernt und waren spontan zur Feier der TV-Show eingeladen worden.

“Uns wurden zum Anstoßen Champagner-Gläser gereicht”, erzählt die 41-Jährige. Sie selbst trinkt nie und hatte nur “anstandshalber nippen” wollen. “Deshalb habe ich vielleicht ein wenig länger gebraucht, um das Glas zum Mund zu führen.” Da hieß es schon, das Getränk schmecke nicht. “Und dann ging das schon los, dass alle umfielen.”

Nach dem Anstoßen habe ihre Freundin gesagt: “Ich habe jetzt Gift getrunken und werde jetzt sterben.” Ich sagte: “Komm, Schmarrn.” Aber die Freundin – von Beruf Intensivkrankenschwester – schrie in Panik und schlug wild um sich. “Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film. Alles war so unwahr.”  

Sie habe die Freundin nach draußen geführt, dort sackte diese zu Boden. Als sie noch einmal ins Restaurant lief, um deren Jacke zu holen, fand sie eine surreale Szene vor: “Alle haben geschrien, geweint.” Menschen lagen am Boden. Dann trafen die Rettungskräfte ein: Blaulicht bis vor zum Alten Rathaus. Ein Hubschrauber kreiste. 

Städtische Angestellte unter den Ersthelfern

Letzter Zeuge des Tages ist ein städtischer Angestellter (45). Er war ebenfalls Gast im “La Vita”. Mit Arbeitskollegen und Freunden sei man zunächst im “Pallas” zum Essen gewesen. Es war der erste Abend nach Aufhebung der Corona-Beschränkungen. Man war in Feierlaune. Im “Il Baretto” gab es keinen Platz mehr, deshalb sei man ins “La Vita”, wo noch Musik lief. “Es war ein total schöner, lustiger Abend.”  

Die Clique am Nachbartisch habe berichtet, dass man die Teilnahme an der TV-Sendung feiere. Die Flasche Champagner wurde hereingetragen, mit Sterndl-Werfern und viel Brimborium. “Wir könnten uns gern ein Glas nehmen und mit anstoßen.” Der städtische Angestellte wollte keinen Champagner, sein Freund griff zu. “Ihn hat’s am Ende auch erwischt.”  

Leute fielen um, hatten Schaum vor dem Mund. “Wir hatten keine Ahnung, was los ist.” Manche dachten an ein Leck in der Gas-Leitung. Gemeinsam mit seinen Freunden habe er versucht, die Verletzten aus dem Gebäude zu bringen. “Es war wie ein schlechter Horror-Film.” Die Vergifteten zeigten “unmenschliche Kräfte”, machten seltsame Verrenkungen.  

Auch der Freund, der genippt hatte, half anfangs noch mit. Bei ihm zeigte sich die Wirkung mit 20 bis 30 Minuten Verzögerung. Dann verlor auch dieser Mann das Bewusstsein. 

Fortsetzung am 22. Dezember

Die Verhandlung wird am 22. Dezember, 9 Uhr, fortgesetzt. Zeugen sind dann unter anderem Gäste, die Vergiftungen erlitten. 

10 Uhr Rückkehr aus der Unterbrechungspause. Die Anwälte Alexander Stevens und Philip Müller mit ihrem niederländischen Mandanten. Foto: Christine Ascherl