Gift statt Champagner: Prozess gegen Niederländer Theo G. (46) vor Landgericht Weiden beginnt

Gift statt Champagner: Prozess gegen Niederländer Theo G. (46) vor Landgericht Weiden beginnt
Zollfahnder des Zollfahndungsamtes München aus Weiden ermittelten im Auftrag der Staatsanwaltschaft Weiden die Herkunft der tödlichen Droge. Die Recherchen führten schon früh in die Niederlande. Jetzt liegt die Anklage auf dem Tisch, die im Prozess ab 4. Dezember (Beginn 13.30 Uhr) von Staatsanwalt Christoph-Alexander May vertreten wird. Die Strafkammer am Landgericht Weiden hat 21 Verhandlungstage angesetzt, 40 Zeugen sind geladen.
Wer ist der Angeklagte Theo G.?
Der Angeklagte heißt Theo G., ist waschechter Niederländer, geboren 1979 in Arnheim. Offiziell betrieb er eine Eisdiele. Sein exklusiver Lebensstil lässt aber den Schluss zu, dass er über weit mehr Geld verfügte, als ein Eisverkauf generieren könnte. Er soll sich regelmäßig in Ibiza und Cannes aufgehalten haben.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er 2019 einer Gruppe angehörte, die in großem Stil MDMA produzierte. Es soll geplant gewesen sein, dass Theo G. die Droge per Flugzeug ins Ausland exportiert. Die entleerten und neu befüllten 3-Liter-Flaschen “Moët & Chandon Imperial Ice” waren als Tarnung gedacht.
Drogenbande wurde beklaut
Die perfekte Tarnung hatte ungeahnte Folgen: Theo G. hatte die Flaschen in einem Lager in Meinerswijk in Arnheim deponiert. Der damalige Lagerverwalter Frank B. soll die Flaschen geklaut haben – im Glauben an echten Champagner. Er verhökerte sie auf “marktplaats.nl” für ein paar hundert Euro pro Stück.
Tatsächlich enthielten die Flaschen je etwa 1.000 Gramm MDMA-Base. Wert pro Flasche: fünfstellig. 20 Flaschen sollen deponiert gewesen sein, sechs davon konnten bislang sichergestellt werden. MDMA-Base ist der Wirkstoff von Ecstasy. Man kann entweder Tabletten daraus machen oder das Pulver – normalerweise ist es das nämlich – einfach so schnupfen oder aufkochen und spritzen.
So kam die Flasche in die Oberpfalz
Eine der Flaschen gelangte über mindestens einen Zwischenhändler in die Oberpfalz. 2021 ersteigerte ein Käufer aus der Nähe von Weiden eine der Drei-Liter-Flaschen. Der Champagner-Liebhaber hatte sich den “Moët & Chandon Imperial Ice” zur Feier seines 40. Geburtstags besorgt. Sie blieb verschlossen – die Party fiel wegen der Corona-Pandemie aus.
Bis 2022 schlummerte das pure Gift im Regal. Dann verkaufte der Privatmann den vermeintlichen Champagner an die Gastronomen in der Weidener Altstadt. Der Rest ist bekannt. Am 13. Februar 2022 gegen 0.15 Uhr nahm das Schicksal seinen Lauf.
Anlässlich der Feier einer Freundesclique wurde die Flasche im Restaurant “La Vita” unter großem Hallo geöffnet. Es fiel nicht sofort auf, dass ölige, bräunliche Flüssigkeit aus der Flasche lief, weil blickdichte Acryl-Gläser verwendet wurden. Acht Personen nippten.
Bilanz: ein Toter, sieben Menschen in Lebensgefahr
Sieben Frauen und Männer erlitten lebensgefährliche Vergiftungen, darunter Restaurantleiterin Franziska Voigt. Ein Gast starb in der Notaufnahme des Klinikums Weiden: der 52-jährige Harald Z. aus dem Landkreis Schwandorf, Projektmanager beim Krones-Konzern, ein Golfer und Skifahrer, ein Genussmensch, der das Leben liebte.
Infos zum Champagner-Prozess
- Prozessauftakt am Donnerstag, 4. Dezember, 13.30 Uhr, am Landgericht Weiden. Öffentliche Verhandlung, begrenztes Platzangebot.
- Die Anklage lautet auf bandenmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung in sieben Fällen.
- 21 Verhandlungstage sind angesetzt, nächste Termine: 12. und 22. Dezember; 9., 15., 16., 19., 20., 22., 26., 27. und 29. Januar; 5., 6., 9., 10., 26., 27. Februar; 5. und 6. März, Beginn jeweils 9 Uhr
- Große Strafkammer besetzt mit den Richtern am Landgericht Peter Werner, Vera Höcht, Florian Bauer und zwei Schöffen.
- Verteidiger: Dr. Alexander Stevens, Karin Steer-Rieger und Philip Müller (alle München).
- Staatsanwalt: Christoph-Alexander May.
- Eine Nebenklage besteht derzeit nicht.
Außergewöhnlicher Tatvorwurf
Wird es der Weidener Staatsanwaltschaft gelingen, dem Niederländer eine Mitverantwortung an seinem Tod zu geben? 2019 hatte Theo G. die Flasche eingelagert. 2022 wurde sie fast 700 Kilometer entfernt in den Ausschank gebracht – nachdem sie durch mindestens sechs Hände gegangen war.
Ein außergewöhnlicher Tatvorwurf, aber nicht unmöglich. Laut Anklageschrift soll es für den Angeklagten vorhersehbar und ihm daher zurechenbar gewesen sein, dass diese mit Betäubungsmittel gefüllte Champagnerflasche in den Verkehr gelangt
Bei einem Haftprüfungstermin sah das Oberlandesgericht Nürnberg durchaus eine Verantwortung, begründet in der Verschleierung. So war die Neu-Abfüllung nicht erkennbar – und damit die Ursache für den Konsum gesetzt.
True-Crime-Anwalt Stevens verteidigt Theo G.
Verteidigt wird Theo G. von drei Münchner Anwälten, voran Dr. Alexander Stevens (bekannt aus True-Crime-Podcasts mit Jacqueline Bell). Der Jurist stellt in Frage, ob der – “ohne Frage tragische und völlig sinnlose” – Tod des Menschen überhaupt jemanden zugerechnet werden kann. “Unabhängig von der Frage, ob mein Mandant überhaupt mit den besagten Champagnerflaschen peripher zu tun hatte.”
Stevens begründet das mit dem Dazwischentreten Dritter, einem völlig “atypischen Kausalverlauf” und dem Umstand, dass “der Schutzbereich einer Norm erst gar nicht tangiert” wurde. Er zweifelt auch an, ob Weiden der richtige Ort ist (übrigens die Heimat seines Vaters). In der Hauptsache gehe es im Prozess um mutmaßliche Drogendelikte, deren Aufarbeitung in den Niederlanden nach Ansicht von Stevens besser aufgehoben wären.
Erste Zeugen im Januar
Für den ersten Prozesstag am Donnerstag, 4. Dezember, ab 13.30 Uhr, sind keine Zeugen geladen. Es wird der erste Auftritt für Wahlverteidiger Stevens und seine Kollegen Karin Steer-Rieger sowie Philip Müller (alle München).
21 Verhandlungstage sind angesetzt. Die ersten Zeugen sind für den dritten Prozesstag vorgesehen. Als Erste werden die Gäste und Beschäftigten des Lokals gehört. Als weitere Zeugen sind Zollfahnder, Mediziner, Zeugen aus den Niederlanden und Sachverständige vorgesehen.
Großer MDMA-Aufgriff im gleichen Lagerkomplex in Arnheim
2021 wurden im gleichen Lagerkomplex in Arnheim 662 Kilogramm Metamphetamin (“Crystal”) im Wert von 42 Millionen Euro sichergestellt. Mehrere holländische Zeitungen berichteten über die Räumung des Lagers. Mehrere Kolumbianer kamen vor Gericht. Mit dem Weidener Fall soll der Aufgriff nichts zu tun haben. (Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Textes war von 662 Kilogramm MDMA die Rede. Richtig muss es heißen: Metamphetamin.)

Franziska Voigt nippte vom Champagner: Ich dachte, jetzt sterbe ich
Weiden. Franziska Voigt (37) war Restaurantleiterin des "La Vita". Auch sie hat vor einem Jahr vom Champagner getrunken.







