[Update] Nach Schockanruf: Landgericht schickt Abholer für 5,5 Jahre ins Gefängnis

[Update] Nach Schockanruf: Landgericht schickt Abholer für 5,5 Jahre ins Gefängnis
[Update 19. Dezember 2025] Der 28-jährige Elektrotechniker aus Belgrad geht wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in vier Fällen hinter Gitter. Tatort: Garmisch-Partenkirchen, Harburg, Augsburg und zuletzt Weiden.
Die Strafkammer hörte am zweiten Prozesstag die letzten Zeugen. Der Modus Operandi ist immer der gleiche: Die Banden arbeiten arbeitsteilig, erklärt ein Kriminalhauptkommissar vor der 1. Strafkammer. Es gibt Keiler (Anrufer) – Logistiker – Abholer.
„Die Anrufer befinden sich zu 99,9 Prozent nicht in Deutschland, befinden sich im europäischen Ausland“, so der Zeuge aus dem Polizeipräsidium Schwaben-Nord. Manchmal sei noch zweiter Logistiker zwischengeschalten, um die hohen Beträge einzusammeln.
Anrufwelle auf Raum Augsburg
Der schwäbische Kommissar berichtet auch, wie man den jetzt vor Gericht stehenden Serben schnappte. Im März 2025 gab es zunächst eine Anrufwelle im Bereich Augsburg: „eine Vielzahl solcher Schock-Anrufe von dieser Tätergruppierung.“ Die Region sei massenweise mit Anrufen bombardiert worden. Bei zwei Opfern verfing die Story mit dem angeblich tödlichen Unfall von Enkelin bzw. Sohn.
Beide sollten Kautionsforderungen leisten. „Es wird mit Behördennamen gespielt: Staatsanwaltschaft, Amtsgericht Augsburg“, berichtet der Ermittler. Fakt ist: Die Senioren glaubten die Geschichte und übergaben zigtausende Euros.
Überführt durch Taxi-Fahrten und Telefonanrufe
Bei den Ermittlungen konnte der Taxifahrer ermittelt werden, der den Abholer zu seinen Treffpunkten chauffierte. Es war zufällig jedes Mal der gleiche Taxifahrer. Damit konnte der Angeklagte einem Hotel zugeordnet werden. Zudem gelang es, seine Telekommunikationsdaten zuzuordnen.
Auf diese Weise konnte der 28-Jährige ein paar Tage später in Weiden geortet werden, nachdem er von einer Seniorin am Hammerweg Wertgegenstände entgegengenommen hatte. Danach hielt er sich zunächst im Bereich des Funkmasts am Bahnhof auf, schließlich bewegte er sich in Richtung Nürnberg: Er saß im Zug. Bei Vilseck erfolgte der Zugriff. In der Tasche: zigtausende Euro.
Die Geschädigte aus Weiden hat damit ihr Geld wieder. Anders sieht das bei den Opfern aus Südbayern aus. Eine Frau aus Garmisch-Partenkirchen startet jetzt den Versuch, im laufenden Prozess per Adhäsionsantrag ihre Ansprüche geltend zu machen. Es kam auf Anregung von Vorsitzendem Richter Peter Werner ein Vergleich zustande: Der Angeklagte schuldet der Frau 80.000 Euro – aber Verteidiger Brian Härtlein wies zugleich auf seine Mittellosigkeit hin.
Nur kleiner Lohn für Abholer
Ein wenig erfährt das Gericht auch über das Vorleben des Abholers: Es ist überraschend durchschnittlich. Der Serbe ist in normalen Familienverhältnissen aufgewachsen, Schulbildung, Ausbildung zum Elektrotechniker, Arbeit in einer Firma. Am Ende war er arbeitslos. „Das Leben in Serbien war aber sehr teuer geworden.“ Während er auf ein Arbeitsvisum für Deutschland gewartet habe, habe er das Jobangebot angenommen.
Fest steht wohl auch: Er selbst ist damit nicht reich geworden. Die Ermittler nennen die Summe von 500 bis 1.000 Euro, die erfahrungsgemäß an den Abholer gezahlt wird. Bei dem 28-Jährigen war es möglicherweise sogar noch weniger.
[Erster Verhandlungstag, 5. Dezember 2025] Staatsanwältin Anja Ackermann wirft dem 28-jährigen Serben vor, Senioren Bargeld und Schmuck abgenommen zu haben. Die Anklage umfasst vier Fälle – drei in Oberbayern und Schwaben – sowie eine Tat in Weiden, bei der der mutmaßliche Abholer persönlich am Hammerweg auftauchte. Danach gelang die Festnahme.
Laut Anklageschrift setzte die Bande die älteren Menschen in stundenlangen Telefonaten unter Druck. Mit erfundenen Geschichten über angebliche tödliche Unfälle durch Angehörige der Opfer täuschten sie eine Notlage vor und forderten hohe „Kautionszahlungen“.
Ich fühle mich wie der größte Idiot auf dem Erdball, ich schäme mich so sehr.
Geschädigte eines Schockanrufs vor dem Landgericht Weiden
Der Weidener Fall: 83-Jährige verliert mehr als 60.000 Euro
Am 20. März 2025 hatte eine angebliche Staatsanwältin bei einer 83-jährigen Frau am Hammerweg angerufen. Sie erklärte ihr am Telefon, dass die Enkelin in einen schweren Verkehrsunfall mit Todesfolge verwickelt sei. Es wurde sogar das Telefon an die angebliche Enkelin übergeben, die mit der Oma sprach. Nur gegen eine erhebliche Kaution könne eine Haft abgewendet werden.
Am nächsten Morgen wurde die Seniorin erneut kontaktiert. Unter dem Druck der Täter ließ sie sich mit einem Taxi zur Bank fahren und holte aus dem Schließfach ihr Erspartes. Zuhause sammelte sie weiteres Bargeld und Goldschmuck – darunter mehrere Armbanduhren, Ringe, Ohrringe und Ketten. Insgesamt soll sie 52.000 Euro Bargeld und Schmuck im Wert von etwa 8000 Euro in eine Einkaufstüte gesteckt haben. Dazu packte sie noch eine schwarze Mappe mit Stammbuch und Heiratsurkunde.
Die Täter wiesen die Frau schließlich an, mit einer blauen Handtasche in die Anton-Wurzer-Straße zu gehen. Dort erschien – wie angekündigt – der mutmaßliche Abholer, der sich in Weiden zuvor per Taxi aus Nürnberg hatte hinfahren lassen. Die Geschädigte übergab ihm die Tasche im Glauben, damit ihrer Enkelin zu helfen. Kurz danach verschwand der Mann.
Weidener Kripo gelingt Festnahme
Der Kripo Weiden gelang in der Folge der Zugriff. Über die Ortung von Funksignalen konnte der Serbe im Regionalzug bei Vilseck festgenommen werden.
Was solche Taten bei ihren Opfern auslösen, zeigte auch der Fall eines Beutezugs in Donauwörth. Einer 48-Jährigen war vorgespiegelt worden, ihr Sohn habe einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht. Eine Frau mit einem Fahrrad sei ums Leben gekommen. Mit äußerst geschickter Verhandlungsführung bewegten die Täter die Frau dazu, 24 Krügerrand-Münzen (Tagesgoldpreis bei 2800 Euro pro Stück) zu einem Hotel zu bringen.
Die Zeit dränge, sonst drohe Gefängnis. „Die Gerichtskasse hätte geschlossen, sie würden einen Boten schicken“, schildert die Zeugin die Legende der Betrüger. „Ich war so vor den Kopf gestoßen, dass mein Sohn sowas gemacht hat!“ Sie kann heute noch nicht fassen, den Kriminellen geglaubt zu haben. „Ich fühle mich wie der größte Idiot auf dem Erdball, ich schäme mich so sehr.“ Die Frau ist den Tränen nahe.
Richter Peter Werner tröstet: „Sie sind weiß Gott nicht die einzige. Da brauchen Sie sich nichts denken.“ Und: „Das heißt nicht umsonst Schockanruf.“
Der Prozess wird am 17. Dezember fortgesetzt (Beginn 9.45 Uhr), am gleichen Tag könnte auch noch das Urteil fallen.
Weitere Fälle in Bayern: Gesamtschaden fast 220.000 Euro
Die Anklageschrift umfasst im März 2025 drei weitere Fälle mit ähnlichem Modus Operandi:
- Garmisch-Partenkirchen: Eine 83-jährige übergab Bargeld und wertvollen Schmuck im Wert von rund 53.000 Euro.
- Harburg: Einer 48-Jährigen wurden 24 Goldmünzen „Krügerrand“ abgenommen – Schaden über 66.000 Euro.
- Augsburg: Ein 89-Jähriger händigte dem mutmaßlichen Abholer 40.000 Euro Bargeld aus.
Die Gesamtschadenssumme liegt laut Staatsanwaltschaft bei mehr als 219.000 Euro.




