Tödlicher Champagner: Hätte das Unglück in Weiden verhindert werden können?

Tödlicher Champagner: Hätte das Unglück in Weiden verhindert werden können?
Es ist nicht von der Hand zu weisen: Das Unglück in Weiden hätte womöglich verhindert werden können. In den Niederlanden war es vorher schon zu einer Vergiftung mehrerer Menschen mit MDMA aus einer Champagner-Flasche gekommen. „Die Polizei hat das damals nicht ganz so ernst genommen“, sagt ein Kriminalbeamter aus Weiden. Man tat die Betroffenen als Rauschgift-Konsumenten ab.
Dieser Kommissar hat im Nachhall weitere Käufer der betroffenen Charge ermittelt und gewarnt. Allein er konnte sieben Stück aus dem Verkehr ziehen. Eine Familie hatte drei der kontaminierten Doppel-Magnum daheim stehen. In einem Fall erreichte er einen Käufer – einen Arzt – in der Praxis und klärte ihn über die Gefährlichkeit des vermeintlichen Schampus auf. Auch in diesem Fall stand der Champagner noch ungeöffnet zuhause.
Der Beamte aus Weiden beauftragte Polizeidienststellen in ganz Deutschland mit der – vorsichtigen – Abholung der Beweismittel. Am Dienstag präsentiert Staatsanwalt Christoph-Alexander May die Weidener Flasche vor Gericht: Im Flaschenboden ist ein gebohrtes Loch zu erkennen. Durch diese Öffnung ließen die Drogendealer den Champagner ab und füllten flüssiges MDMA hinein.
Auch Moët wusste von Vorfall in Niederlanden
Der Kriminalbeamte war in der Weidener Sonderkommission auch als Verbindungsbeamter zur Firma Moët eingesetzt. Er tauschte mit einer Vertreterin des französischen Unternehmen Informationen aus. „Es kam sehr bald die Information, dass in den Niederlanden ein ähnlicher Fall stattgefunden haben soll.“
Die Infos darüber seien „sehr vage“ gewesen: Vier Personen hatten sich bei einer Silvesterfeier in den Niederlanden beim Probieren der Flüssigkeit vergiftet. Zwei mussten vom Rettungsdienst intensiv behandelt werden. Der Kommissar bekam eine E-Mail von Moët: „Wir sind im Besitz der leeren Flasche und dem Korken und können beides zusenden.“ Weitere Info von Moët: Diese Flasche und die Flasche aus Weiden können der gleichen Lieferliste zugeordnet werden.
Tödliche braune Brühe
Die sieben in Deutschland eingesammelten Flaschen landeten zur Untersuchung im Landeskriminalamt. Der forensische Chemiker Dr. Jan Schäper erklärt die Ergebnisse. Jede Drei-Liter-Flasche enthielt knapp 1.000 Gramm MDMA-Base, dazu am Flaschenboden aufgewachsene Kristalle. Die „braune Brühe“ (Zitat Vorsitzender Richter Peter Werner) roch aminartig, also nach Ammoniak.
Eine herkömmliche Ecstasy-Tablette enthält 140 Milligramm MDMA. Der Chemiker zückt den Taschenrechner seines Smartphones: Rechnerisch enthielt jede Flasche den Wirkstoff von über 6.400 Ecstasy-Tabletten. (Am Rande notiert: Bei einem Verkaufspreis von durchschnittlich 8 Euro pro Tablette in Deutschland, ergibt sich damit ein Marktwert von über 50.000 Euro pro Flasche.)
Trinke ein Mensch einen kleinen Schluck davon (10 bis 20 Milliliter Flüssigkeit), nehme er 2,1 Gramm MDMA in sich auf, erklärt der Chemiker. Schon 500 Milligramm können tödlich sein. Er hält das Zeug für so giftig, dass er bei der Herstellung eine Gasmaske tragen würde.
Wie wird MDMA hergestellt?
Wie produziert man MDMA-Base? Ganz ähnlich wie Metamphetamin (Crystal), erläutert Dr. Schäper. Metamphetamin hat er selbst schon einmal – aus dienstlichen Gründen – im LKA-Labor nachgekocht. „Wir haben zwei Tage gebraucht – als ungeübte Köche.“
Die illegalen Hersteller starten eine Synthese. Dazu bedarf es chemischer Apparaturen, wie sie auch in der Industrie verwendet werden, und Druckfässer. „Das kann man sich vorstellen wie einen Schnellkochtopf: Unter Druck wird das synthetisiert und gekocht.“
Vom Raumbedarf her reiche ein Wohnwagen – „wie in Breaking Bad“ – eher nicht, der Sitzungssaal dagegen „locker, locker“. Er würde ein solches Labor eher in einer Fabrikhalle oder einer Scheune vermuten. Man brauche einen Wasseranschluss und Strom, außerdem Kenntnisse in Chemie und Verfahrenstechnik.
Warum flüssig? Der Endverbraucher bekomme MDMA in Pulverform als Ecstasy-Tabletten. Das habe den Hintergrund, dass man die ölige, harzige MDMA-Flüssigkeit schlecht auf der Straße handeln könne. Daher werde sie zu Salzen umgewandelt. In der Flasche befand sich also der Rohstoff, aus dem man später Ecstasy-Tabletten hätte herstellen können.
Niederländische Ermittler berichten
Es grenzt tatsächlich an ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist. Auch niederländische Polizisten sammelten nach dem Todesfall in Weiden vergiftete Flaschen ein. Auf Basis von Rechtshilfeersuchen aus Weiden kam es zu Durchsuchungen bei Zwischenkäufern und Verkäufern.
„Wir sahen die Gefahren“, sagt ein niederländische Polizeibeamter am Montag im Zeugenstand. Es sei immer deutlicher geworden: Es ist eine ganze Charge von Flaschen im Umlauf, womöglich alle gefüllt mit hochgiftigem MDMA. Die Flaschen wechselten – ausgehend vom Ursprungsverkäufer, dem Lagerverwalter aus Arnheim – x-mal die Besitzer. Die Ermittlungen führten die niederländische Polizei in alle Himmelsrichtungen des Landes.
Flaschen als „Dummys“ zur Deko angeboten
Ein Zwischenkäufer war ein Fischhändler: Er hatte zehn, zwölf Flaschen gekauft und an einen Weinhändler weitervertickt. Als dieser eine öffnete, sah er die schwarze Flüssigkeit und reklamierte. Daraufhin nahm der Fischhändler den Fake-Champagner zurück und bot die weißen Drei-Liter-Flaschen erneut im Internet an: diesmal als „Dummys“ zur Deko zum Schnäppchenpreis von 50 oder 60 Euro.
Der Fischhändler sah sich als Betrugsopfer. Er setzte sich mit weiteren Käufern von marktplaats.nl (das niederländische eBay) in Verbindung. Man recherchierte die ursprüngliche Herkunft der Flaschen: den Arnheimer Lagerverwalter. „Wir hatten den Eindruck, von ihm betrogen worden zu sein“, gab der Fischhändler zu Protokoll.
Andere Käufer schütteten den Inhalt in den Ausguss. Möglicherweise sind noch welche in Umlauf.







