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Schobers-Rock-Kolumne: Buenos dias companjeros de musica bonito!

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.
Iron & Wine, Bonnie „Prince“ Billy, Ásgeir, Kim Gordon, Shabaka, Gong

Schobers-Rock-Kolumne: Buenos dias companjeros de musica bonito!

Ja, Espana lässt uns noch nicht los, aber in Bälde geht es zurück die 2.000km in die Oberpfälzer Heimat, wo es dann ja auch schon ein wenig milder ist, Zoigl-Bier und Obatzter auf mich warten. Schön wars, aber trotzdem gilt frei nach Elvis Presley, „home is, where the heart is“ (und das ist nun mal Upper Palatinate), oder wie der Kitti das übersetzen würde, „dahoam is, wo i scho von weitem siegt wär es Depp is und wer ned“.

Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass wir auf der Rückfahrt im Auto die neue Scheibe von Sam Beam, besser bekannt als Iron & Wine, anhören. Der hat nicht nur eine seiner Töchter mit ans Mikrophon geladen, das ganz bezaubernde Americana-Trio I’m With Her – Sarah Jarosz, Aoife O’Donovan und Sara Watkins- steuern ebenfalls Chöre bei.

Überhaupt tummeln sich eine ganze Menge Musiker auf dieser, seiner achten Scheibe. „Hen’s Teeth“ (Cargo) ist zwar ein schräger Titel, darauf finden sich aber einmal mehr die himmlischsten Melodien, schwelgen Chöre in Streicher-Arrangements, erklingen allerliebste Americana- und West Coast-Harmonien, ein wenig Tropicana ist auch dabei.

Diese Songs wirken eher entschleunigt und im besten Sinne robust, nicht groß produziert oder bombastisch – eher wie ein persönliches Wohnzimmerkonzert zusammen mit seinen best buddies. Bon Iver, Elliott Smith, aber auch James Taylor und Jackson Browne lassen grüßen. Besser hätte dieses Jahr überhaupt nicht starten können!

Unser allerliebsten Bartträger mit neuen Meisterstücken

Genau, denn auch Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy hat uns ebenso noch beglückt. „We Are Together Again“ (Domino) ist natürlich nicht ganz so weit weg vom musikalischen Werk des Kollegen Sam Beam und daher trifft auch vieles, schon Gesagtes, auch hier zu. Oldham`s neue Scheibe ist jedoch fragiler, noch intimer, noch mehr Innenschau,

Hier hat es ausschließlich Balladen, die dezent eingesetzten Bläser oder die Geige sind zarte Farbtupfer im folkloristischen Americana-Kontext. Mehr Nick Drake, weniger Jackson Browne eben. Will Oldham`s Lieder berichten von einem Weltenwechsel. Die Welt, in die wir hineingeboren wurden, zieht sich zurück, ausgehöhlt und umgeformt durch menschliches Handeln. Was bleibt, ist die Frage, was wir mitnehmen und wo wir uns weigern, uns selbst preiszugeben.

Grammer Solar
Grammer Solar

Das ist keine Verdrängung des Kollapses, das wäre Selbstbetrug. Es ist eher eine Form von Trotz: ganz Mensch zu bleiben, ganz gegenwärtig, in einer Welt mit schrumpfendem Horizont. Das Album rahmt sich selbst mit „Why is the Lion?“ und „Bride Of The Lion“, These und Epilog zugleich. „Hope of something beginning to rise … is it my voice, or, better yet, ours?“ Genau so klingt diese Platte: Menschen, die nicht reparieren wollen, was zerbrochen ist, sondern das Licht lange genug halten, um einander noch zu erkennen. Solche Menschen sind aktuell wichtiger denn je -vor allem in Amerika.

Und auch aus Island, sehr Feines (natürlich auch mit Bart)

Und weil wir gerade so richtig im Schwelgen mit unseren liebsten Singer/Songwritern sind, möchte ich Euch einen Mann aus Island nicht vorenthalten, denn wahrscheinlich nicht jeder gleich auf der Schnur hat. Die Rede ist von Ásgeir Trausti, kurz Ásgeir geheißen. Der Künstler mit der variablen und sehr warmen Falsett-Stimme hat bis dato meist Texte seines Vaters Einar Georg Einarsson vertont, jetzt wagt er sich erstmals an die Poesie.

Das Ergebnis ist ein zutiefst nachdenkliches Werk, durchdrungen von Nostalgie, in dem Ásgeir über vergangene Reue ebenso reflektiert wie über Hoffnungen für die Zukunft – geführt vom Geist der titelgebenden Figur des Albums, „Julia“ (Embassy Of Music). Die Musik ist einmal mehr den amerikanischen Kollegen sehr ähnlich, nur liegt hier der Fokus klar beim Folk, wobei auch typisches Americana-Instrumentarium wie eine Pedal Steel neben dezenten Bläsern zum Einsatz kommt. Diese Lieder plätschern dahin wie ein gezähmter Gebirgsbach, klar, rein und erfrischend schön. Wer Nick Drake heraushört hat aufgepasst.

Eine Sonic Youth auf Solo-Pfaden

Sie ist zwar erst 72 Jahre „jung“, aber von Gemütlichkeit ist die Musik von Kim Gordon meilenweit entfernt. Ja „Play Me“ (Matador) ist eher ein Angriff auf gängige Hörgewohnheiten. Bei ihrer Mutterband, Sonic Youth, war das ja auch oft so. Der eröffnende Titelsong ist mit seinen Bläsern und dem markant-tanzbaren Trip-Hop-Groove noch richtig leicht verdaulich, bevor die Grand Dame des Lärms dann Kraut-Rock, Indie-Rock, Electronic, Avantgarde und Noise zu kurzen, prägnanten, repetitiven Liedern formt. Volltrottel Trump bekommt sein Fett weg, aber auch die dystopischen Techno-Milliardäre von Musk bis Thiel werden „geschlachtet“.

Weitere Themen sind der Abbau demokratischer Strukturen, KI-getriebene Kulturverflachung und der absurde Alltag im Spätkapitalismus. Kim Gordon ist also weiterhin informiert, voll auf der Höhe der Zeit, sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Eine wichtiger Platte.

Die Pandemie als Glücksfall

Seiner Zeit vielleicht schon etwas voraus ist ein Multitalent namens Shabaka. Für den schwarzen, britischen Musiker kam die Pandemie gerade richtig, konnte er doch in dieser Zeit noch eine ganze Menge weiterer Instrumente erlernen, so dass er „Of The Earth“ (Rough Trade) komplett alleine einspielen konnte. Seine Hauptinstrumente sind weiterhin unüberhörbar die Alt-Flöte und das Saxophon.

Dazu gesellen sich vielfältige, tribalartige Perkussion, aber auch elektronische Beats und Loops, flächige Synthis und dann rappt der Mann auch noch hin & wieder. Das Ganze klingt wie ein vielzähliges Orchester und nicht wie ein Solo-Werk. Diese exotische Melange aus Jazz und experimenteller Musik ist so interessant wie anstrengend, man muss sich darauf schon erst einmal einlassen können.

Visionäre aus den Kindertagen des Rock

Gleiches galt und gilt schon immer für die uralt Visionäre der englischen Jazz- und Fusion-Rock-Formation Gong. Ja, die gibt es tatsächlich immer noch und ihr 13. Album, stilsicher als „Thirteen“ (Bertus) bezeichnet, strotzt nur so vor Ideen, dass es dem Zuhörer ganz schwindelig werden könnte.

Wie beim Kollegen Shabaka hat es auch hier viele Flöten, nur klingen die eher nach Mittelalter als nach Jazz. Canterbury und seine Szene lassen grüßen. Von den Gründungsmitgliedern ist inzwischen niemand mehr dabei, John Marshall, zweiter Schlagzeuger nach dem tragischen Unfall von Robert Wyatt hat kürzlich den Hut gezogen und wurde durch Asaf Sirkis ersetzt, über den Wyatt nur die lobensten Worte hat.

Immerhin ist noch Gitarrist John Etheridge von der Partie -und das seit schon immerhin 50 Jahren. Kompositionen von bis zu 13 Minuten Spielzeit, zusammengesetzt aus Prog-Rock, Jazz, freier Improvisation und weltmusikalischen Einflüssen. Vertrackt, komplex wie kompliziert und sicher nichts für den Fahrstuhl.