Schobers-Rock-Kolumne: Ein Kessel Buntes zum Jahresanfang kann ja nicht schaden

Schobers-Rock-Kolumne: Ein Kessel Buntes zum Jahresanfang kann ja nicht schaden
Harmonieseliges aus Australien
Einige wissen ja sicher, dass ich viele viele Jahre mit der Produktion, „Mother Africa“ weltweit unterwegs war. Unser Weg führte uns rund um den Erdball und zweimal auch nach Australien. Dort produzierte ich dann -ich glaube es war 2014- eine CD mit dem Soundtrack der aktuellen Mother Africa Show in den Sing Sing Studios in Melbourne.
Die sind nicht nur in Down Under eine Legende, Künstler wie Blondie, The Mars Volta, Elvis Costello, Cat Power und selbst Lady Gaga nahmen dort auf. Es war für uns somit eine große Ehre, auch hier sein zu dürfen und ihr könnt mir glauben, die Atmosphäre in diesen holzgetäfelten, Patina gesättigten Räumen mit einem überquellendem Instrumentenfundus, den ganzen alten Ledersofas und sonstigem Mobiliar ist schon beeindruckend. An solchen heimeligen Orten kann man (nur) Wohlfühl-Platten aufnehmen.
Das dachten sich auch die Paper Kites und produzierten hier ihr siebtes Album mit dem schönen Titel, „If You Go There, I Hope You Find It“ (Nettwerk). Den richtigen Ort haben die Jungs & Mädels auf alle Fälle schon gefunden und so erklingen hier zehn durch und durch harmoniesüchtige Indie-Folk-Songs zwischen Ballade und Mid-Tempo. Banjo, Geige, Pedal Steel, Harmonium, Mandoline und viele Gitarren umgarnen Sänger und Gitarrist Sam Bentley während Keyboarderin und Duett-Sängerin Christina Lacy etwas in den Hintergrund gerutscht ist.
Diese unaufgeregte Musik hat der Band inzwischen 2 Milliarden Streams und prominenten Platzierungen in Serien wie Grey’s Anatomy, This Is Us und Virgin River eingebracht und auch das aktuelle Werk wird sicherlich wieder viele Liebhaber finden.
Ein schwerer Brocken aus den Staaten
Wo wir schon bei berühmten Aufnahmestudios sind: Jeff Tweedys Loft in Chicago zählt da sicherlich dazu, die Black Box im Loiretal ebenfalls. Hier und auch noch andernorts haben Dry Cleaning unter den Fittichen von Cate Le Bon ihr neues Album aufgenommen. „Secret Love“ (4AD) kann Trost spenden aber auch weh tun.
Es klingt dunkel und dystopisch, widmet sich den eher unschönen Dingen dieser Welt mit direkten Bezügen zu Gaza-Genozid oder Trampel-Trump, Florence Shaw versucht aber dennoch immer ein wenig positiv zu klingen, das berühmte Licht am Ende des Tunnels eben. Manchmal ist aber auch nicht so ganz klar, was sie uns da sprech-singend erzählen will, der Verweis zu Laurie Anderson funktioniert also in jeder Hinsicht. Ihre Bandkollegen, Tom Dowse, Nick Buxton und Lewis Maynard mühen sich diese fließenden Botschaften mit den unterschiedlichsten musikalischen Mitteln zu begleiten.
Das kann dann eher nach dem quecksilbrigem New Wave von Television klingen, nach dem Art-Rock von Alt-J oder auch mal akustisch daher kommen. Wirklich angenehme Unterhaltung wird nie daraus, diese heimliche Liebe fordert den Zuhörer zu zu hören.
Irland wie es singt & lacht? Denkste!
Noch dystopischer, noch dunkler, noch hoffnungsloser kann der irische Singer/Songwriter A.S. Fanning. Mit dem Licht am Ende des Tunnels sieht es hier eher schlecht aus, das Liebeslied, „Now I’m in Love“ kann da als Solist gerade noch durchgehen, wenn sein Protagonist sich hier auch anfühlt, als wäre er an eine Autobatterie angeschlossen (was ein netter Verglich ist, aber halt auch arg schmerzhaft sein dürfte).
Es wird gebarmt („Save Us“) und versucht, dem ganzen weltlichen Irrsinn aus Krieg, Social Media Fakes und moralischem Zerfall zu entfliehen („Today Is For Forgetting“), was sich in seinen eignen Worten so anhört. „What’s the sense in struggling against this overwhelming tsunami of chaos and senselessness? A breakdown in the construct of reality. A slipping of the mask, of the illusion of civilisation… leading to numbness and surreality, a withdrawal into a fictional world.“
In warmen, ein wenig an Nick Cave erinnerndem Bariton singt er zu einer Begleitung aus Post-Wave, Neo-Folk und Ambient-Sounds gemischtem Amalgam diese Lieder, am Ende mündet „Take Me Back To Nowhere“ (K&F Records) in einem Epilog der dann doch ein wenig Trost spendet, eine warme Wolldecke um den Gebeutelten legt.
Let´s dance!
Bevor wir jetzt alle im kollektiven Trübsinn dahinwelken, kurz mal eine kleine Frischzellenkur mit Lettuce aus den Staaten. Das Sextett steht für Funk, Soul und auch ein wenig Hip-Hop und Jazz in seiner vorwiegend instrumentellen Version. Mit den „7 Tribes“ zieht zudem die Weltmusik in den Lettuce-Kosmos ein. „Cook“ (Lettuce Records), das neue Album, bringt Couch Potatos den Hüftschwung bei, unterstützt aber auch beim Kochen und Saufen. Ja, richtig gehört, dem Album liegt ein Kochbuch bei, außerdem sind die beiden von der Band initiierten Weinmarken Lettuce Red Crush & Orange Crash erhältlich.
“Lettuce has always stood for well-made things in their purest form”, so die Band. “Well-made records, well-made instruments, well-made food—and now, well-made wine. We don’t need filler, additives or any gobbledygook (steht für Kauderwelsch, Geschwafel, Papierdeutsch). So, we decided to make a wine that is just that, nothing added or taken away, just as Mother Earth intended it.”
Hört sich lecker an wie übrigens diese Musik auch, dürfte aber eventuell auf logistische und finanzielle Probleme stoßen, wenn man wie wir hier nicht in den USA beheimatet ist. Also rein zum Rewe, Wein gekauft, Kochbuch ausgepackt, die Jungs von Tower Of Power und Maceo Parker eingeladen und anschließend den Hüftspeck wieder abtanzen. Sollte kein Problem sein.
Let`s dance, Teil II
Klare Kante, keine Gefangenen. Es wird nicht gesäuselt, wenn eine Gun Moll (Gangster-Braut) auf den Plan tritt. Eine holländische Kapelle um die Sängerin Jolien Grünberg hat sich so benannt und bieten auf seinem Debüt mit dem schönen Namen „Kill Your Darlings“ (Bertus) knalligen Surf Punk und Balkan-Rock. In zwölf locker assoziierten Episoden wird eine Art Bonnie & Clyde-Story erzählt, die Musik lädt zum toben, wenn nicht gar zum pogen ein. Klar muss hier auch der (berechtigte) Verweis zu Quentin Tarantino, zu Tito & Tarantula (auf Speed) und David Lynch kommen. Ein herrlich überdrehter Hör-Spaß getreu dem Motto (und Song-Titel), „Fuck Everything Up“.
Liebesbriefe an den Atomkrieg
Anschließend sei ein Päuschen erlaubt, wobei man mit dem Singer/Songwriter Stephen Wrabel, kurz Wrabel geheißen auch seinen Spaß haben kann. „Blumen blühen trotz allem immer noch.“
Dieses Zitat, gedruckt auf einem Werk des britischen Künstlers David Shrigley, hängt an der Wohnzimmerwand des Künstlers und kann so als eine Art Überbegriff für sein neues Werk, „Up Aove“ (Nettwerk) gesehen werden. Angetrieben vom Surrealismus und dem Gespenst eines Atomkriegs in Vorlage des Buches, „Nuclear War: A Scenario“ von Annie Jacobsen hat er diese Lieder geschrieben, die aber eben auch Hoffnung verbreiten sollen.
Es gibt ein Zurück, wir müssen uns nur ändern -und an die Liebe, an das Gute im Menschen glauben. Wrabels Texte sind oft surreal, spielen mit Bildern, sind selten direkt und explizit. Die Musik ist es auch nicht. Hier klampft keiner auf der Gitarre, die Musik-Welt des Stephen Wrabel ist bunt und vielfältig, vermischt Elektronik mit Folk-Texturen um am Ende einen dezent schillernden Pop-Kosmos zu entfalten. Lewis Capaldi oder Dean Lewis sind artverwandte.




