Gesangverein mit 120 jähriger Geschichte löst sich auf
Gesangverein mit 120 jähriger Geschichte löst sich auf
Es gibt wohl verschiedene Gründe, warum ein Gesangverein keine Überlebenschancen mehr hat. Nach mehrfachen Versuchen den Verein aufrecht zu erhalten, gibt es nur noch den Weg der Auflösung.
Die Geschichte der ersten 50 Jahre
1906 hatten sich im Nebenzimmer der Bauer´schen Bierwirtschaft Bauernrösl in Etzenricht viele Interessenten versammelt und waren bei der Geburtsstunde dabei. Im Protokollbuch steht auf der ersten Seite „Omnia cum deo“ (Alles mit Gott). Erster Vorsitzender war Johann Prölß und Dirigent Leonhard Kohler. Der letzte Krieg lag über 30 Jahre zurück. Dies bewog viele junge Männer, vielleicht Muse nach der Tagesarbeit zu suchen. Bei den Treffen am Abend zum damaligen „Etzenrichter Pfisterbier“ stimmten sie Volkslieder an.
Übungsstunden fanden in den drei örtlichen Wirtshäusern statt. Man wollte es sich mit keinem Wirt verderben. 1908 nahm der Chor erstmals an einem Wertungssingen in Floß teil. Mit Leiterwagen und Pferdegespann machten sich die Sänger vier Stunden auf den Weg. Nicht umsonst, denn sie belegten den 2. Platz.
Der erste Weltkrieg veränderte die Situation grundlegend. Viele Sänger mussten an die Front und einige davon fielen. Erst 1919 gab es wieder Proben. Anfang der 20er Jahre trat die Gruppe wieder bei Liederabenden auf. In den Jahren 1926 und 1927 ließ das Interesse indes spürbar nach. Ende 1927 wurde schließlich der Singbetrieb eingestellt. Der letzte Vorsitzende Martin Bäumler verwahrte das vorhandene Notenmaterial und das Protokollbuch zu Hause.
1930 gaben Heinrich Paulus und Josef Beer neue Impulse. Aus dem Männergesangverein entstand ein gemischter Chor. 1932/33 war die Arbeitslosigkeit so groß, dass der monatliche Beitrag von 50 auf 30 Pfennig gesenkt wurde. 1933 fand der Singbetrieb mit der Machtergreifung der Nazis erneut ein Ende. Die Noten wurden beschlagnahmt, der Verein verboten.
In den folgenden Jahren musste die Etzenrichter Jugend ganz andere Lieder singen.
Am 1. Januar 1946 ergriffen Heinrich Paulus und Josef Beer wieder die Initiative zur Neugründung. 1947 schloss sich der Verein dem „Deutschen allgemeinen Sängerbund“ an und arbeitete ab 1948 nun wieder als Männergesangverein mit allen Nachbarvereinen eng zusammen.
Es wird gefeiert und eine Fahne geweiht
Im Jahr 1956 stand zum 50-jährigen Gründungsjubiläum eine Fahnenweihe an. Der Hermann- und Riebelsaal sowie der Festplatz hinter der damals neuen Schule waren geschmückt und Triumpfbögen aufgestellt. Festreiter und eine Kutsche mit Gründungsmitgliedern führten einen Festzug an. Der Festplatz war mit 1700 Sitzplätzen überfüllt. Von damals bis 1991 leitete Franz Schmidt aus Weiden den Chor mit großem Erfolg.
Faschingsbälle, Sommernachtsbälle, Liederabende, Gartenfeste, Adventskonzerte und noch so vieles mehr wurde durch den Gesangverein bereichert. Fortan feierten die Sänger alle 10 Jahre Jubiläumsfeste und werteten das Vereinsleben kulturell auf.
100 Jahre Gesangverein, ein ganzes Jahr wird gefeiert
Um ein besonderes Geschenk für den Gesangverein bemühte sich zum 100- jährigen Jubiläum der damalige Vorsitzende Rainer Köhler, indem er für den Chor die Zelter-Plakette der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände e.V. beantragte. Diese besondere Auszeichnung wurde am 2. April 2006 in Grünwald bei München durch Minister Thomas Goppel überreicht.
Die Feiern zum 100-jährigen Jubiläum erstreckten sich über das ganze Jahr und waren ein großer Erfolg. Unter anderem mit Kreissängertag, Festabend, Kirchenkonzert und Jubiläumssingen.
„Felix“ für den Kindergarten
Ehrenvorsitzender Hermann Koehler knüpfte eine Patenschaft mit dem Etzenrichter Kindergarten. Ein Versuch, schon den Kindern die Freude am Singen näherzubringen.
Die Frauen durften und mussten wieder mitsingen
Im Jahr 2011 öffnete sich der Verein wieder für Frauen, denn es plagten Nachwuchssorgen und es fehlten Sänger in verschiedenen Stimmlagen.
Mit dieser Verstärkung ging der Verein mit Vorsitzender Astrid Spitzkopf und Dirigentin Larissa Burgardt gestärkt in die nächsten Jahre und brachte sich erfolgreich bei Maikonzerten, Sommerserenaden, Gedenkfeiern Adventssingen und Weihnachtskonzerten ein.
Corona veränderte alles
Nach der zwangsläufigen Coronapause zeichnete sich jedoch schon ab, dass es schwierig sein würde, den Chor aufrecht zu erhalten.
Seitdem musste sich der Gesangverein von 13 Mitgliedern verabschieden, darunter waren auch fünf aktive Sänger.
„Das war das Ende unseres Chores, da wir auch in all den Jahren vorher keinen Nachwuchs aufbauen konnten,“ erklärt Astrid Spitzkopf.
„Trotzdem hatten wir viel Freude an unserem Singen und haben uns auch gerne in die Gesellschaft eingebracht.“
Neben Gottesdiensten, Geburtstagsfeiern, der Beteiligung am Dorffest und den Serenaden war der Gesangverein jedes Jahr bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag und bei der Adventsfeier am Rathaus dabei.
Neue Ideen, eine neue Heimat und Spenden
Zweimal veranstaltete der Chor einen Nachmittag unter dem Titel „Kaffee mit Gesang“. In schöner Runde wurden so manche Anekdoten erzählt und die Gäste mit Liedblättern zum Mitsingen motiviert.
Im Albert-Weidner-Haus hatte der Chor wieder eine Heimat für die Chorarbeit gefunden. Als Dank ging an die evangelische Kirchengemeinde eine Spende, genauso wie das gesangliche Musizieren mit einer Spende an die Schola und an die Kindergottesdienstgruppe unterstützt wurde.
Auflösung schweren Herzens
„Die Vorstandschaft des Gesangvereins 1906 Etzenricht hat lange überlegt, wie sie mit der gesamten Situation umgehen soll. Jeder einzelne hat für sich entschieden, dass eine weitere Arbeit in der Vorstandschaft für ihn nicht mehr in Frage kommt, was natürlich zur Folge hat, dass der Verein aufzulösen ist,“ so die Vorsitzende.
Chorarbeit ist aber auch ohne Verein möglich. Vielleicht finden sich in der Zukunft Personen zusammen, die Freude am Singen haben und dies dann auch mit Beiträgen zu Veranstaltungen weitergeben. „Alles hat seine Zeit.“
Bürgermeister Martin Schregelmann startete trotzdem noch einen leider vergeblichen Versuch, an die anwesenden Mitglieder in sich zu gehen, ob der Schritt tatsächlich gemacht werden müsse.
Da dies nicht funktionierte, dankte er allen, die in den vergangenen 120 Jahren aktiv gewesen sind und den Verein getragen haben.
Das verbliebene Geld, aus der Vereinskasse geht an die Gemeinde und wird, sollte sich ein neuer Chor bilden, als Startkapital gerne wieder dort angelegt.
Viele Sänger und Sängerinnen hatten eine wunderbare Zeit mit ihrer Leidenschaft zu singen und den Zusammenhalt bei den Proben und Auftritten zu genießen. Und auch die Geselligkeit wurde stets gepflegt.
Jedoch wirkt für die heutige Jugend der Verein wohl trotzdem so, als sei etwas aus der Zeit gefallen, denn Nachwuchs konnte leider schon lange nicht mehr für den Gesangverein begeistert werden.
Aber, wie heißt es so schön, „Wenn eine Tür zu geht, geht eine neue Tür auf!“; vielleicht passiert dies ja auch in Etzenricht.









