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Schobers Rock-Kolumne: Geschichten über einen Widerstandskämpfer treffen auf betörende Instrumentalmusik

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.
White Denim, Michael Moravek, Builders and the Butchers, Femi Luna, The Milk Carton Kids, kiil

Schobers Rock-Kolumne: Geschichten über einen Widerstandskämpfer treffen auf betörende Instrumentalmusik

„Unter den Waffen schweigen die Gesetze“, wusste schon Cicero 52 v.Chr. zu berichten. Ist es also „normal“ oder legitim fremde Despoten zu ermorden und das Völkerrecht damit zu brechen? Welcher Krieg ist moralisch sauber und legitim?

Wir als Deutsche sind Claqueure, heimliche, denn als Moralaposteln müssen wir natürlich auch auf besagtes Völkerecht aufmerksam machen. Eine Zwickmühle, sicherlich, aber wer hätte einst nicht über die Ermordung Adolf Hitlers gejubelt, wie viel Leid wäre der Welt erspart geblieben. Nun hat Donald Trump, der unbedingt einen richtigen Friedensnobelpreis (und nicht nur den extra für Ihne von der FIFA geschaffenen) will Hand angelegt und wir wissen nicht, wie wir darauf korrekt reagieren sollen. Das macht aber auch nichts, die Sachlage ist einfach verdammt kompliziert und man muss auch nicht auf alles eine plausible oder gar einfache Antwort haben. Oft, so wie hier, gibt es auch viele verschiedene Antworten.

Bunte Indie-Rock-Haribo-Mischung

James Petralli, Sänger, Gitarrist und Bandleader von White Denim hat auf einige Fragen Antworten parat. So geht es auf dem „13“ (Bella Union), dem eben 13. Album der Crossover-Rocker aus L.A. im Song, „(God Created) Lock And Key“ ganz konkret um Macht, generationsübergreifende Missbrauchskreisläufe, Scham, Gewalt und Überleben. Warum ich das hervorhebe? Darum geht es in Kriegen eben auch und Wunder, Wunder, eine amerikanische Rakete ziert ausgerechnet das Cover dieser Platte.

James Petralli der Visionär? War wohl eher Zufall, dass ein Artwork so aktuell ist. Und überhaupt geht es auf „13“ nicht ums Abschlachten, die ganz normalen Ängste, Bedürfnisse, der Alltag eines Vaters im mittleren Alter wird verhandelt. Hört sich vielleicht jetzt etwas banal an, ist es aber nicht. Und dann erst diese Musik! Da freut sich der Eklektiker ein Rad ab, hört er doch so viele wie verschiedene Einflüsse, die teils gleichzeitig Eingang in nur einen Song finden. Besagter Song eröffnet mit kruder Kakophonie, dann wird Captain Beefheart mit Gentle Giant und Sun Ra zu einem psychedelischen Funk-Blues arrangiert. Geht nicht?

Geht! Wer Ohren hat, hört Einflüsse von Scritti Politti bis The Gap Band, von Terry Reid bis King Tubby, von Caetano Veloso bis John Cale, von Stevie Wonder und Prince bis Steve Winwood aus den 80er Jahren, von den Kinks bis zum ELO, von Tom Petty bis weiß der Kuckuck. Neben der Band hat der fantastische Owen Pallet die Streicher arrangiert, Jesse Chandler steuert Klarinette, Saxophon und Flöte dazu, die Geschwistern Griffin und Taylor Goldsmith von Dawes trällern. Das Album braucht Zeit und will mehrmals gehört werden, bis sich seine ganze Pracht entfaltet.

WITRON – Nachmittag der Ausbildung
WITRON – Nachmittag der Ausbildung

Ein Denkmal dem antifaschistischem Widerstand

Das Völkerecht ging dem schwäbischen Kunstschnitzer Georg Elser 1939 sicherlich am Arsch vorbei. Der mutige Mann wollte einfach nur einen Tyrannen und Massenmörder stoppen: Adolf Hitler. Das Attentat ging bekanntlich fehl, Elser wurde ermordet. Im deutschen Widerstand führt er dennoch ein unverdientes Schattendasein. Der Singer/Songwriter Michael Moravek hat ihm jetzt mit „Georg“ (Note 1) ein musikalisches Denkmal gesetzt, sein erstes Album in deutscher Sprache.

Die Texte sind düster-poetisch und von zeitloser Wucht. In „Und brechen die Finger“ entlarvt er die Banalität des Bösen: „Und sie herzen ihre Kinder, kämmen durch das wilde Haar, Sagen ‚Ich liebe dich für immer‘ – Und am Morgen sind sie wieder da und brechen dir die Finger.“

Aufgenommen hat er es mit seiner Kapelle, Electric Traveling Show – Tomáš Skřivánek (Bass), Christian Krischkowsky (Drums), Andrej Polanský (Viola, Mandoline, Banjo), Wibke Becker (Zweite Stimme, Percussion) und Štěpán Vodenka (Keyboards). Sie erschaffen einen Sound, der zwischen Folk, Jazz und Americana schwebt, zugleich aber eine Dringlichkeit entfaltet, die weit über ein gewöhnliches Singer-Songwriter-Projekt hinausgeht, Element Of Crime lassen hier grüßen.

Wer mit deutschsprachigen Alben seine Schwierigkeiten hat, kann auch bis zum Jahrestag des Attentats im November 2026 warten und „ELSER“ (TYXart/Naxos) als atmosphärisches, englischsprachiges Album mit komplett unterschiedlichen Arrangements und leicht veränderter Songauswahl erwerben. Ich bin da schon mal positiv gespannt.

Sympathische Waldschrate

Einer der bekanntesten wie erfolgreichsten Nicht-Sänger der Musikgeschichte ist sicherlich Bob Dylan. Der Mann knödelt und nölt einfach, Gesang im eigentlichen Sinne kann man das nicht nennen. Aber es ist eben sein Markenzeichen und markant.

Ryan Sollee, Gitarrist und Frontmann der The Builders and the Butchers hängt vor dem Mikro auch ziemlich windschief in den Seilen, nachdem „No Tomorrow“ (Broken Silence) aber schon das sechste Album der Americana-Kapelle ist, scheint es einigen Leuten zu gefallen.

Und ja, man muss zugeben, diese einfachen Songs sind in der amerikanischen Wolle aus Folk, Country, Rock, Blues und ein wenig Bluegrass gegerbt und kommen einfach kreuz-sympathisch rüber. Da ist alles echt, da braucht es keine großen Gesten, das gesamte Album hört sich an, als wäre es live in einem Wohnzimmer mit ein paar Freunden aufgenommen. „Ich war mein ganzes Leben lang ein stolzer Technikmuffel“ sagt Sollee selbst und wir glauben es ihm aufs Wort.

Sympathische Feen-Musik

Irgendwie passt auch das neue Album von Femi Luna in den Americana-Kanon, obgleich die Singer/Songwriterin ja aus der Schweiz stammt -Swiss-Americana so zu sagen. Aufgenommen hat die Künstlerin das Album, „Wash My Pain Away“ (s/r) im Winter in einer ehemaligen Kirche im kanadischen Quyon. Und beides hört man! Man spürt förmlich die Kälte, fühlt die weiße Winterlandschaft und man hört auch dieses natürlich Echo, das bei hohen, meterdicken Mauern entsteht.

Darin, behutsam eingebettet, die leicht nebelverhangene, zarte, schwebende Stimme unserer Protagonistin, achtsam umspielt von viel organisch-analogem Instrumentarium mit flirrenden Gitarren, schwebenden Orgelklängen, perlendem Klavier und betulichem Schlagwerk. Es lässt sich gut einrichten bei dieser Musik, ein Feuer im Kamin würde der Traurigkeit, der Melancholie dieser Lieder etwas die Tiefe nehmen, aber auch nur mit einer kuscheligen Decke hält man das auch gut aus.

Wer Vergleiche braucht: Angel Olsen, Lana Del Rey, Weyes Blood lässt man gelten.

Gemütliches Abhängen auf der Couch

Ich sehe schon, dies wird eine recht entspannte Kolumne, denn auch die The Milk Carton Kids kann man unter Americana, dieses Mal aber mit massiver Folk-Ausrichtung subsumieren. Was meiner Generation Simon & Garfunkel waren, sind der Generation Z Kenneth Pattengale und Joey Ryan. Wo Paul und Art auch gerne mal mit Streichern und großem Besteck gearbeitet haben, bleiben Kenneth und Joey schön rein akustisch und minimalistisch.

„Lost Cause Lover Fool“ (Thirty Tigers) ist im Kern eine Sammlung von Songs über Verwandlung“, reflektiert Pattengale, „über das sich wandelnde Terrain des Bewusstseins und die Geschichten, die wir konstruieren, um zu verstehen, wer wir waren, wer wir sind und wer wir werden. Jeder Song greift einen einzelnen Moment auf, manchmal mit mikroskopischer Genauigkeit untersucht, manchmal aus großer Entfernung betrachtet, und lässt ihn sich ausdehnen, bis er zu einer ganzen Welt wird. Indem kleine Gefühle so lange vergrößert werden, bis sie bewohnbar sind, sucht das Album die Ewigkeit nicht im Großartigen oder Monumentalen, sondern in den intimen Details, die normalerweise zu schnell vorbeigehen, um sie wahrzunehmen“.

Diese Sinnsuche bricht sich für mich ein wenig zu gemütlich in neun Songs ihren Bann. Da fehlt ein bisschen ein stürmischer Wind, der die Veranda-Schaukel mal ein wenig durchgeschüttelt hätte.

Interessante Klanglandschaften, vorwiegend in Moll

Zum Schluss daher ein allerdings rein instrumentaler Kontrapunkt zum bis dato recht gemütlichen Liedreigen (White Denim einmal ausgenommen). Unter dem Moniker kiil veröffentlicht die Berliner Multiinstrumentalistin Alexa Rose ihr Debüt, „Sunny, Eyes Closed“ (Beggars).

Es enthält zehn instrumentale Klangwelten, die sie nur mit Synthesizern, Klavier, Querflöte und elektronischen Beats erschafft, aber teils klingen, als wäre ein ganzes Orchester im Einsatz. Dieser Liedreigen ist eine Art Fluss, der mäandert, sich zusammenrafft um in Stromschnellen Fahrt aufzunehmen und dann wieder ganz gemütlich vor sich hin plätschert. Das organische klingt digital, das digitale analog, die Grenzen fließen zwischen den Polen Indie-Tronic und Neo-Klassik -als würde Wim Mertens Stücke von Terry Riley interpretieren.