Schobers Rock-Kolumne: Helau! Trump geht baden, Bolsonaro gleich mit!

Schobers Rock-Kolumne: Helau! Trump geht baden, Bolsonaro gleich mit!
Der 3. November war ja schon immer ein Grund für schier bacchantische Festlichkeiten. Vor allem in den 60ern labte ich mich am Sandkuchen (nur in der Kastenform!) meiner Mutter, das Kondrauer (Cola gab es auch an diesem Tag nicht für mich, denn meine Eltern wussten: zu viel Zucker. Hat sich bei mir anscheinend verinnerlicht, denn in meinem ganzen Leben habe ich wohl noch nicht einmal fünf Liter dieser Ami-Plärre getrunken) floss in Strömen, es war und ist mein Namenstag.
Seit dieser Woche ist es auch ein „Tag der Demokratie“ in den USA, Donald Trump und seine Republikaner haben die Quittung für Lügen, Machtmissbrauch, Korruption, Kriegstreiberei und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bekommen. Für mich ist der Mann der größte Despot und Massenmörder des 21. Jahrhundert, denn durch seine Taten, Unterlassungen und Budgetkürzungen ist er mittelbar für den Tod Hunderttausender Menschen vor allem in Afrika verantwortlich.
Die Schlappe bei den Midterms könnte den manischen Selbstdarsteller aber noch aggressiver und unberechenbarer machen, die Amerikaner und die Welt sollten gewappnet sein. Und schließlich hat er sein Vermögen und das seines unmittelbaren Umfelds ja erst um das Fünffache seit der Machtergreifung vermehrt, da ist also auch noch Luft nach oben. Wer sich sicherlich ebenso über den 03.11. freut ist eine Künstlerin von den Bermudas und zu der kommen wir jetzt gleich.
Ein Wiedersehen
Es müsste so 1994 gewesen sein als ich Heather Nova zum ersten (und auch einzigen) Mal live im Rahmen der Popkomm im E-Werk in Köln sah. Der Saal war brechend voll, es war irre heiß, eben war Ihr Durchbruchs-Album „Oyster“ erschienen und jeder wollte die attraktive Singer/Songwriterin von den Bermudas mal selbst in Augenschein nehmen.
Etwas verloren, wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen wirkte ihr Auftritt zunächst bis sich die Künstlerin mehr und mehr fing und ihrer zarten, luziden Stimme auch mal kräftigere Töne entlocken konnte. Über 30 Jahre später ist diese einnehmend Stimme immer noch nicht gealtert, klingt frisch und juvenil wie zu den Anfangstagen, aber zehn Alben liegen zwischen damals und „The Orchard“ (Bertus).
Aufgewachsen in einer -heute würde man sagen- Hippie- oder Aussteigerfamilie, teils auf einer eigenen, kleinen Insel, teils auf dem die Karibik kreuzenden Boot „Moon“ durchziehen weiterhin Metaphern aus dieser behüteten Kindheit in der freien Natur ihre Lieder. Heather Nova möchte sich ihre Träume, den Glauben an das Gute in einer immer schlechter werdenden Welt bewahren und spricht ihren Zuhörern Mut zu, Empathie zu wahren und sich selbst treu zu bleiben.
Mit dabei ist natürlich ihr anderes Markenzeichen, das geliebte Cello, aber auch Klavier und viele akustische Gitarren prägen das Soundbild zwischen Folk-Rock und Indie-Pop. „This Wild World“ erhält passend zum Titel dann auch schimmernde Twang-Gitarren zum leicht dystopisch grummelnden, cineastischen Tex-Mex-Sound a al Tarantino.
Honig in den Ohren
Da die Karibik ja schon auf halbem Weg nach Australien liegt, steigen wir ins Segelboot um in Melbourne anzulanden. Nach einer langen Seereise auf unruhiger See, klingen die Klänge von Karate Boogaloo wie Honig in den Ohren -um sich dann ganz langsam bis zu den inzwischen leicht wippenden Füßen auszuweiten.
Massiver Orgeleinsatz, ein solide federnder Bass, groovendes Schlagwerk und psychedelische Lava-Lampen-Gitarren erschaffen einen auf „Access All Areas“ (Cargo) einen locker groovenden Instrumental-Sound zwischen Siebzigerjahre-Krimi, Blaxploitation, Funk, Library Music und verrauchten Kellerclubs, in denen vermutlich noch Aschenbecher auf den Tischen standen und niemand wusste, was ein alkoholfreier Aperol Spritz ist. Man kann diese Platte in einem Fahrstuhl einsetzen, man kann dazu wunderbar Cocktails schlürfen und man kann dazu auch noch nach fünf Zoigl ein kleines Tänzchen wagen.
Mit Dreck unter den Fingernägeln
Weiter geht es ins Mutterland er einstigen Sträflings-Kolonie. Da gibt es einen Mann den es zu entdecken lohnt, auch wenn ich bei allem Zutun manchmal meine Schwierigkeiten mit dem guten alten Bluesrock habe. Es gibt ihn einfach schon zu lange, unzählige Platten wurden vor allem vor den 80ern gepresst und so weiß man zu oft, wann die Gitarre gleich aufheulen und der Mann am Griffbrett sein erstes Solo in Richtung Unendlichkeit schicken wird. Bei Ben Poole ist das nicht komplett anders, aber man hört ihm doch zu gerne zu.
„Post-Midnight Behaviour“ (Gypsy Soul Records) hat genau das, was mir bei vielen Kollegen fehlt: Dreck unter den Fingernägeln, aber eben auch Soul und Groove. Poole kann natürlich Gitarre spielen wie der Teufel – erfreulicherweise muss er uns das aber nicht in jedem Takt beweisen. Manchmal lässt er eine Note einfach stehen, statt noch zwölf hinterherzuschicken. Allein dafür möchte man ihm ein Bier ausgeben (um im Duktus zu bleiben). Und irgendwann merkt man, dass man gar keine klassische Bluesrock-Platte mehr hört.
Da funkt, rockt und soult es, die Songs haben Luft und Poole ist auch als Sänger viel zu gut, um lediglich Stichwortgeber für seine Gitarre zu sein. Und bei zwei Stücken schmiergelt sich dazu noch die Stimme von Elles Bailey mit ins Bild. Der Titel passt übrigens hervorragend. Das ist Musik für deutlich nach Mitternacht, wenn man eigentlich längst ins Bett wollte. Nur noch ein Glas. Und noch eine Nummer. Wir wissen ja, wie das endet.
Mächtige Blues-Röhre
Angekommen nach durchzechtem Flug in New York und somit nach einer flotten Erdumrundung peitscht uns „Mr. In The Middle“ ins Gesicht und wir sind augenblicklich hell wach. Der Song stammt aus dem neuen Album von Sari Schorr, „Running Wild“ (Bertus) geheißen und auch hier passt der Titel hervorragend zum musikalischen Inhalt.
Stimmlich irgendwo zwischen der rauen Wucht einer Beth Hart und dem ungebremsten Furor von Janis Joplin betont sie bei ihrer Version des Blues-Rock klar den (Classic-)Rock, Soul, Country und Jazz spielen Randerscheinungen. 2016 erschien Schorrs Debütalbum „A Force of Nature“, das von Star-Produzent Mike Vernon (u.a. John Mayall, Eric Clapton oder Fleetwood Mac) in Szene gesetzt wurde. Es folgte eine Zusammenarbeit mit Blues-Ikone Robin Trower, auf weiteres Name Dropping kann man inzwischen getrost verzichten, denn Sari Schorr hat sich längst frei geschwommen und ist diesen Herbst/Winter auch auf großer Europa-Tournee zu bewundern.
Dass sie nicht nur Wumms kann, zeigt übrigens die wunderbar einfühlsame Ballade „Man On Fire“. Davon hätte es nach dem langen Flug ruhig etwas mehr geben können…
Tolle Retro-Mucke aus UK
Aber man hätte ja einfach im vereinten Königreich bleiben können, denn da haben fünf Jungs nach acht Jahren Pause mal wieder richtig die Sau rausgelassen. Ehen gehen schneller kaputt, Regierungen sowieso, und bei manchen Bands hat man nach so einer Pause längst vergessen, warum man sie eigentlich einmal mochte.
Bei The Temperance Movement reichen mir dagegen ein paar Takte von „New Promise Land Incorporated“ (Earache Records ) – und alles ist wieder da: Dieser herrlich altmodische, erdige Rock, der nach Faces, Free, Thin Lizzy, Bad Company und ein bisschen Black Crowes riecht, ohne sich deren alte Klamotten anzuziehen. Dazu Phil Campbells Stimme: rau, beseelt und immer ein wenig so, als hätte die Nacht zuvor länger gedauert als geplant.
Produzent Ethan Johns (Ryan Adams, Kings of Leon, Ray LaMontagne, The Jayhawks) ist für so eine Mucke genau der Richtige, hat die fünf Briten gemeinsam im Raum und live auf Band spielen lassen. Genau so klingt die Platte auch: nichts totpoliert, nichts zurechtgerückt. „Shadows“ schiebt und flirrt, „Mongrels“ nimmt wunderbar den Fuß vom Gas, und bei „Saving Grace“ merkt man wieder, dass diese Band neben all dem Rock’n’Roll vor allem richtig gute Songs schreiben kann.
Retro? Meinetwegen. Wenn rückwärts so gut klingt, muss man schließlich nicht ständig nach vorne rennen.
23 Minuten Anspannung
Macht man das nach diesen fünf doch recht traditionellen Scheiben doch landet man zum Abschluss in Skandinavien. Dort stolpert man über eine Platte und weiß nach zwei Minuten noch immer nicht so recht, was man da eigentlich hört. Das kann durchaus als Kompliment gemeint sein. Murex kommt aus Schweden, lebt in Stockholm und hat ihr Debüt „Inventio“ (Beggars) nach Bachs zweistimmigen Inventionen benannt, die sie als Kind am Klavier spielte. Das erklärt vielleicht einiges – aber längst nicht alles.
Hier treffen nordische Folklore und klassische Harmonien auf Glitch-Elektronik, seltsame Rhythmussprünge, Flöten, Klarinetten, Streicher und eine Stimme, die mal wie aus weiter Ferne herüberweht und sich Sekunden später gleich mehrfach selbst umkreist. Björk fällt einem natürlich ein, gelegentlich auch Elizabeth Fraser und die Cocteau Twins. Interessant ist das allemal, manchmal sogar faszinierend – auf Dauer aber auch ganz schön anstrengend. Zehn Stücke, gerade einmal 23 Minuten. Ich habe diesen avantgardistischen Bastard trotzdem ein zweites Mal gehört. Viel schlauer war ich anschließend nicht. Beim dritten Durchgang hätte ich es vielleicht verstanden. Aber irgendwo muss Neugier schließlich auch ihre Grenzen haben.
Bis zum nächsten Mal!




