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Schobers-Rock-Kolumne: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben!

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.

Weiden/Amberg. Auch in Sachen Musik dürfen wir in dieser Ausgabe auf gleich zwei leuchtende und „bunte“ Meisterwerke blicken.
Stone, Souad Massi, Sleaford Mods, Jay Buchanan, The Colourfield, NMB

Schobers-Rock-Kolumne: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben!

Buenas Diaz!

Aktuell bin ich in Spanien und höre mir fast täglich grässlichsten Billig-Techno und Euro-Disco-Quatsch im hiesigen Fitnessstudio an, das aber an sich ganz nett ist, hat es doch auch ein Hallenbad integriert.

Um die Ohren wieder frei zu bekommen, bietet sich eine Liverpooler Kapelle mit dem kurzen wie prägnantem Namen Stone an. Die haben eben ihr zweites Album veröffentlicht, das auf den Namen „Autonomy“ (Bertus) hört. Darauf gibt es nach eigenen Aussagen „Post-Apocalyptic Scally Rock“ zu hören. Früher nannte man Lärm, der zwar Lärm war, aber doch irgendwie ganz süß klang „Grunge“.

Nun ja, PASR hört sich ja auch ganz urig an und wenn man es abkürzt muss man sich auch nicht weiter ärgern. Fin Power (Voc.), Elliot Gill (Git.), Sarah Surrage (Bass) & Alex Smith (Drums) hauen mir also eine Mischung aus Punk, Hardcore, Alternative Rock und Hip-Hop-Einflüssen um die Ohren und ich bekomme dabei manchmal sogar Sehnsucht nach meinem Fitnessstudio.

Späte Blüten eines Led Zeppelin Songs

Dort könnte ich die Betreiber ja mal bitten, anstelle der Beats-trächtigen Einheitssoße doch mal die neue Scheibe von Souad Massi laufen zu lassen. „Zagate“ (Galileo) hat zwar auch ein paar Balladen und Soundscapes im Repertoire, aber fürs Hantel-Training sollte das reichten.

Ansonsten musiziert die gelernte Bauingenieuren aus Algerien nämlich recht virtuos und hurtig im Tempo, irgendwo zwischen Weltmusik, Pop und Afro-Beat. Inspiriert hat die Musikerin Led Zeppelin`s grandioser Song „Kashmir“. So ist es auch kein Wunder, dass Musiker aus dem Dunstfeld von Robert Plant mit von der Partie sind, konkret sind es der Gitarrist und Produzent Justin Adams, der kongolesische Rapper Youssoupha und der ruandisch-französische Rapper Gaël Faye.

Außerdem John Baggott am Keyboard (Massive Attack, Robert Plant), Billy Fuller (Robert Plant) am Bass und Howey Gill am Schlagzeug. Wer des Französischen mächtig ist, darf sich zudem über eine Bandbreite intensiver Emotionen freuen, die von Schmerz, Wut und Auflehnung, aber auch Hoffnung und Mut handeln. Souad Massi ist nämlich auch ein Kind der arabischen Revolution.

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Wissenswertes aus Nottingham

Eine Revolution sehen Andrew Fearn und Jason Williamson leider nicht kommen, dafür aber den Untergang der Welt. Nicht als großer Paukenschlag mit Atomkrieg und Klimakollaps, eher als schleichende Verblödung, als das langsame aber sichere Abgleiten in soziale Langeweile, kulturelle Entropie und selbstsüchtige Korruption. König Trump und sein Tun trägt auch sein Scherflein zu dieser Weltsicht bei.

Und ja, man kann den Sleaford Mods aus Nottingham leider auch nur beipflichten: Es geht bergab, zügig aber unaufhaltsam. Auf „The Demise Of Planet X“ (Beggars) werden diese Gefühle und Eindrücke in agitatorische Songs gegossen, die stets repetitive, aber nichtsdestotrotz vielfältige Soundlandschaften vorzuweisen haben.

Hier mischt sich die Kreativität von Brian Eno oder Godley & Creme mit der von Billy Nomades und The Streets. Post-Punk, Spoken Word, Elektro-Beats und Lo-Fi-Charme auf höchsten Niveau. Mitgemacht haben dieses Mal eine ganze Reihe von KollegInnen wie die Schauspielerin Gwendoline Christie (Severance/Game of Thrones), die Singer/Songwriter Aldous Harding und Liam Bailey, Sue Tompkings und Snowy.

„Wir peitschen ein totes Pferd, wenn es um Massenkonsum und Geldgier geht, während Teile der Welt völlig zerfallen und der Westen das einfach ignoriert. Es ist, als hätten wir Armageddon übersprungen und wären direkt in die Zeit danach gesprungen.“ Recht hat er.

Eine Singdrossel aus Amiland

Und dann gibt es da noch einen, der hat schon mal geübt, ob kreatives Schreiben auch in solchen diabolischen Zeiten möglich ist. Jay Buchanan, der Frontmann der Rival Sons zog sich in der Mojave-Wüste in einen fensterlosen Bunker unter der Erde zurück (wäre interessant, warum es dort überhaupt so einen Schutzraum gibt!) um sich sein Solo-Debüt auszudenken.

„Weapons of Beauty“ (Thirty Tigers) trägt den Krieg als auch die Schönheit im Namen, Letztere dominiert diesen atmosphärischen Americana-Leckerbissen. Buchanen tobt sich stimmlich aus, als gäbe es kein Morgen (sic, der Bunker!). Er barmt, er fleht, er heult den Mond an, er tremoliert, er gibt den weltgewandten Crooner als wolle er Elvis persönlich vom Thron stoßen. Lap-Steel, Mandoline, Banjo, Pedal-Steel, Honky Tonk Piano, Fidel, das große West Coast-Besteck wird ausgebreitet. Diese zehn Songs zwischen Melancholie und Hoffnung wollen groß sein und sind es auch.

Vergessene Perlen aus den 80ern

Nicht aus einem Bunker, aber aus Archiven wurde so Manches der feinen britischen Kapelle The Colourfield ausgegraben. Um genau zu sein enthält das 5 CD/1 DVD-Set, „Sound Of The Colourfield“ (Bertus) wirklich alles, was Frontmann Terry Hall und seine Band jemals komponiert hatten. Der Mann war ja zunächst bei The Specials vorständig um politisch gewürzten Ska zu servieren. Dann folgte die kurzlebige Formation Fun Boy Three, bevor er 1984 The Colourfield ins Leben ruf.

Ska ade hieß es dann, das große Pop-Besteck wurde mit viel Grandezza ausgepackt, mit ein wenig Soul und Jazz abgeschmeckt. Diese Lieder erinnern an die Großtaten von The Beautiful South, von The Prefab Sprout, Aztec Camera und natürlich auch The Style Council. All die Genannten waren deutlich langlebiger, die Songs von Terry Hall füllten leider nur zwei reguläre aber exquisite Alben („Virgin and Philistines“, 1985 und „Deception“, 1987), bevor man sich schon wieder auflöste.

An der Güte der Songs kann es nicht gelegen haben, denn die sind über alle Zweifel erhaben und klingen auch heute noch frisch und inspiriert. Nachzuhören wie gesagt auf diesem üppigen Set, dass auch alle Singles, sämtliche Promo-Videos und BBC-TV-Auftritte, als auch einen Mitschnitt aus dem Hammersmith Palais von 1985 enthält.

Überzeugender Progressiv-Rock

Wenn man nach diesen luftig leichten, fluffigen und sonnigen Liedern ein wenig mehr Wumms und Tiefgang sucht, könnte man sich z.B. die neu Scheibe von NMB zu Gemüte führen. Kenn ich nicht? Lohnt sich aber kennen zu lernen, zumindest wenn man etwas für progressive Rockmusik übrig hat.

Zudem sind NMB schon fast eine kleine Super Group des Genres, werden sie denn von dem Spock’s Beard- und Transatlantic-Gründer Neal Morse, als auch dem Gründungsmitglieder von Dream Theater, Mike Portnoy angeführt. „L.I.F.T.“ (Sony) enthält bestes Prog-Rock-Futter, dass die Konkurrenz etwas alt aussehen lässt.

Das Konzeptalbum erzählt die Geschichte eines Menschen, der nach einer Phase der Selbstfindung wieder zu sich selbst findet. Das Zusammenspiel der einzelnen Bandmitglieder und die Lebendigkeit der Songs vermitteln ein Gefühl von Ausgewogenheit und Begeisterung, dass vielen anderen Prog-Alben oft abgeht. Vor allem Yes-Fans möchte ich dieses Werk zum Abschluss ans Herz legen. Hasta luego!