Jetzt Tickets für die kommenden Jahn-Spiele sichern!
RE-Solar – 41.440
RE-Solar – 41.440

Abschied von German Vogelsang: Journalist und Verleger, Zeitzeuge und Menschenfreund

Weiden. Er war Journalist und Verleger, Zeitzeuge und Menschenfreund – und einer, mit dem man sich streiten konnte, ohne sich zu entzweien. Eine persönliche Erinnerung an German Vogelsang, der unabhängigen Journalismus nicht predigte, sondern vorlebte.

Weiden. Er war Journalist und Verleger, Zeitzeuge und Menschenfreund – und einer, mit dem man sich streiten konnte, ohne sich zu entzweien. Eine persönliche Erinnerung an German Vogelsang, der unabhängigen Journalismus nicht predigte, sondern vorlebte.
German Vogelsang (links) mit dem Tschechen Pavel Fidermak. Dessen Flucht über den Eisernen Vorhang am Grenzübergang Waidhaus hatte Vogelsang 1968 als Reporter hautnah miterlebt. 2018 trafen sich die beiden wieder. Foto: Jürgen Herda

Abschied von German Vogelsang: Journalist und Verleger, Zeitzeuge und Menschenfreund

Es gibt Sätze, die hängen bleiben. „Bleiben Sie, wie Sie sind“, war so einer. German Vogelsang sagte ihn nicht zu jemandem, von dem er erwartete, dass er künftig etwas pflegeleichter würde. Ganz im Gegenteil.

Er war nicht nur deshalb mein Lieblingsverleger. Der überzeugte Weidener gehörte für mich zu jener seltenen Sorte väterlicher Freunde, an denen man sich reiben konnte, ohne dass das Verhältnis darunter litt. Menschen, die Widerspruch nicht mit Illoyalität verwechselten. Bei Vogelsang durfte man anderer Meinung sein. Manchmal hatte man sogar den Verdacht, dass ihm das lieber war.

Ja-Sager hat ein Verleger genug um sich. Sarkastischer Humor dagegen konnte ihn herzlich zum Lachen bringen – auch dann, wenn er selbst die Zielscheibe war. Geschenkt bekam man deshalb noch lange nichts. Die Kämpfe um Blattlinie, Medienstrategie und journalistische Ideen hatte man gefälligst selbst auszufechten. Vogelsang hielt sich oft heraus, beobachtete, hörte zu und versuchte, die unterschiedlichen Interessen auszubalancieren. Das war eines seiner größten Talente.

Wenn der Verleger im Urlaub anrief

Natürlich schwebte auch German Vogelsang nicht über den Dingen. Wenn sich wieder einmal ein Unternehmer, Honoratior oder Rotarier über einen Artikel beschwert hatte, klingelte bevorzugt im Urlaub das Telefon. „Herr Herda, was haben Sie denn da über den wieder geschrieben?“ Dann erklärte man ihm den Sachverhalt. Man stritt hitzig. Man argumentierte leidenschaftlich. Und wenn die Argumente überzeugten, war die Sache erledigt. „Der beruhigt sich schon wieder“, sagte Vogelsang in sich hineinkichernd.

Solche Episoden erzählen mehr über sein Verständnis von Pressefreiheit als manches verlegerische Grundsatzpapier: Beschwerden anhören – unbedingt. Einfluss durch Vitamin B nehmen – nein. Wenn die Geschichte sauber recherchiert war, konnte man sich darauf verlassen, dass der Verleger hinter seiner Redaktion stand. Heute wäre mir diese Haltung kostbarer denn je.

German Vogelsang hatte eben jene zwei Herzen, die Heribert Prantl einmal so treffend beschrieben hat: ein Journalisten- und ein Verlegerherz. 21 Jahre arbeitete er selbst als Redakteur, 22 Jahre als geschäftsführender Verleger. Fast ein Jahrzehnt gehörte er dem Deutschen Presserat an. Das Journalistenherz hat das andere nie ganz in Ruhe gelassen.

Witron Zoiglbrotzeit
Witron Zoiglbrotzeit

Grenzgänger mitten im Leben

Um alle Geschichten aufzuschreiben, die German Vogelsang hätte erzählen können, wäre er besser in der Redaktion geblieben. 1962 begann er nach Mittlerer Reife und Banklehre als Volontär in der Sportredaktion des Neuen Tags. Mit 24 war er bereits Ressortleiter – und nebenbei ein so brauchbarer Fußballer, dass er seinem SV Weiden beim entscheidenden Spiel um den Aufstieg noch das 2:1 bescherte. Ein Grund dafür, dass man mit ihm auch trefflich über das Auf und Ab des SSV Jahn philosophieren konnte.

Seine eigentliche Arena wurde die Zeitgeschichte. Als im August 1968 die Panzer des Warschauer Paktes den Prager Frühling niederwalzten, saß der 28-Jährige nicht im sicheren Redaktionsbüro. Er fuhr an die tschechoslowakische Grenze und erlebte dort, wie der 22-jährige Pavel Fidermák vor Grenzern um sein Leben rannte, in einen Graben sprang – und schließlich Oberpfälzer Boden erreichte. Ein halbes Jahrhundert später spürte die Redaktion den Flüchtling wieder auf. Vogelsang konnte mit ihm Wiedersehen feiern.

Begegnungen mit der Zeitgeschichte

1969 begegnete er auf einer Reise in die Türkei zwei jungen deutschen Frauen und diskutierte mit ihnen über Politik. Eine davon ging ihm wegen ihres Fanatismus ziemlich auf die Nerven. Erst später erfuhr er, mit wem er da gestritten hatte: Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Johannes Rau, Edmund Stoiber – die Republik zog durch sein Verlegerleben. Aber wenn Vogelsang davon erzählte, stellte er sich selten selbst ins Zentrum. Meist interessierte ihn die Pointe.

Etwa die Geschichte von Johannes Rau. Vogelsang hatte dem Bundespräsidenten Grüße von Hans Schwemmer versprochen. Nur starb der Pressather Kirchenmann acht Wochen vor dem Treffen. Vogelsang hielt das Versprechen trotzdem. Er lief dem sich bereits verabschiedenden Bundespräsidenten hinterher und sagte den vermutlich ungewöhnlichsten Satz, mit dem Johannes Rau an diesem Tag konfrontiert wurde: „Entschuldigen Sie, ich muss die Grüße eines Verstorbenen ausrichten.“ Rau war zunächst erschrocken – und dann tief berührt.

Dass German Vogelsang die Bühne dieser Welt an dem Tag verlassen hat, an dem weltweit an den 25. Jahrestag des terroristischen Anschlags auf das World Trade Center erinnert wird, passt ins Bild. Die Golden Gate Bridge – das ikonische Wahrzeichen San Franciscos über der gleichnamigen Meerenge war für den weltoffenen Verleger ein Symbol für den amerikanischen Pioniergeist. Seit jener historischen Zäsur haben gesellschaftliche Verhärtung, politische Polarisierung und autokratische Züge das Bauwerk der liberalen Demokratie ins Wanken gebracht. Fluctuat nec mergitur.

Größe zeigt sich beim Abschied

Vielleicht erkennt man die Qualität einer Beziehung nicht daran, wie sie beginnt. Sondern daran, wie sie eine Trennung übersteht. Als ich mich entschied, meine Vorstellung von konstruktivem Journalismus andernorts zu verwirklichen, bedauerte German Vogelsang das. Nachgetragen hat er es mir nie. Kein zerschnittenes Tischtuch, keine beleidigte Funkstille. Stattdessen besuchte er mich in der neuen Redaktion und blieb später ein gern gesehener Gast beim Lunch, wenn ihn sein Weg nach München führte. Was für ein Move, wenn man ihn mit den Gepflogenheiten so mancher Medienhäuser vergleicht!

Genauso mitreißend war seine Begeisterungsfähigkeit. Als ich ihm die Idee eines europäischen Reise- und Nachrichtenportals vorstellte, musste man ihm nicht erst Businesspläne mit sieben Renditespalten vorlegen. Er begriff die Idee – und war Feuer und Flamme. In Europeonline-Magazine.eu leben auch seine Wesenszüge weiter: Neugier auf die Welt, journalistischer Spieltrieb, die Weigerung, den eigenen Horizont an der Landkreisgrenze enden zu lassen. Gegen Widerstände hielt er daran fest. Und dass dieses Projekt eine Zukunft hat, auch dank seiner Frau Ursula, die ihn in den vergangenen Monaten so aufopferungsvoll umsorgt hat, bedeutet mir viel.

Der Mann mit den zwei Herzen

German Vogelsang war kein Heiliger. Zum Glück. Mit Heiligen kann man schlecht streiten. Er konnte stur sein, empfindlich, überzeugt von Dingen, die man selbst für grundfalsch hielt. Aber er konnte zuhören. Er konnte lachen.

Er konnte Menschen eine zweite Chance geben. Und er besaß etwas, das in hierarchischen Organisationen erschreckend schnell verloren geht: die Souveränität, Widerspruch auszuhalten.

Als in wirtschaftlich schwieriger Zeit Personalkürzungen drohten und Edmund Stoiber ihm das Bundesverdienstkreuz verleihen sollte, wollte Vogelsang sich nicht öffentlich feiern lassen. Er sagte ab. Stoiber nahm ihm das übel. Vogelsang nahm das in Kauf. Auf diese Haltung konnte man als Mitarbeiter Stolz empfinden.

Er war kein Verleger, der seine Redaktion an der kurzen Leine hielt, sondern einer, der wusste, dass eine Zeitung von Reibung lebt. Dass Meinungspluralismus manchmal anstrengend ist. Dass Journalisten unbequem sein müssen – gelegentlich sogar für den eigenen Verleger. Und dass ein Chef nicht kleiner wird, wenn Mitarbeiter ihm widersprechen.

German Vogelsang ist in den vergangenen Monaten immer weniger geworden. Was einen Menschen ausmacht, lässt sich nicht messen. Was bleibt, sind unvergessliche Geschichten, Sätze, Gesten. Er bleibt lebendig in der Erinnerung seiner Redaktion und der Menschen, denen er in seiner für ihn typischen Offenheit begegnete. Und bei mir mit den vier Worten. „Bleiben Sie, wie Sie sind.“

Lieber German, ich werde es versuchen. Und ich werde Sie vermissen.

Tipp: Wenn Du etwas googelst, bekommst Du neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt.
Wenn Du OberpfalzECHO als bevorzugte Quelle hinterlegst, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für Dich auf.
Füge jetzt OberpfalzECHO Deinen Quellen hinzu!