Das Stalag XIIIb in Weiden: Stadt gedenkt toter russischer Kriegsgefangener
Das Stalag XIIIb in Weiden: Stadt gedenkt toter russischer Kriegsgefangener
80 Jahre nach Kriegsende: Viele Weidener wissen vielleicht gar nicht um das große Kriegsgefangenenlager, das von 1939 bis 1945 neben der Kaserne in der Frauenrichter Straße in Betrieb war. Tausende Soldaten aus Russland, Großbritannien, USA, Frankreich, England, Serbien, Polen, Spanien und Jugoslawien waren hier oder in einem der zugehörigen Arbeitskommandos interniert.
Während die westlichen Gefangenen unter dem Schutz der Genfer Konvention standen, ging die Wehrmacht mit den Gefangenen aus der damaligen Sowjetunion rücksichtlos um. Das so genannte “Russenlager” war durch Stacheldraht gesondert abgetrennt, erinnerte OB Jens Meyer in seiner Rede am Donnerstag.
Sowjetische Kriegsgefangene “Menschen dritter Klasse”
In diesem Bereich des Stalag XIIIb gab es keine Kontrollbesuche des Internationalen Roten Kreuzes. Die Bewachung war strenger, die Versorgung schlechter, die Unterbringung katastrophal. Die Folge: sehr viele Tote, von vielen kennt man noch nicht einmal die Namen. Das Stadtarchiv geht von Hunderten aus. Selbst im Tod blieben die sowjetischen Kriegsgefangenen “Menschen dritter Klasse”: Sie sollten möglichst unauffällig, “in gebührendem Abstand” zu anderen Gräbern beerdigt werden.
Ab 1941 wurden ihre Leichen nach Flossenbürg gebracht und im Krematorium des Konzentrationslagers verbrannt. Ab 1943 – als alle Juden vertrieben oder ermordet waren – nutzte die Stadt Weiden den entweihten jüdischen Friedhof (nahe Thermenwelt). Ab spätestens 1944 kippte man die Leichen in Massengräber.
Nach Kriegsende exhumiert und umgebettet
Nach Kriegsende fasste der neu gebildete Stadtrat den Beschluss, die hier begrabenen mindestens 107 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter zu exhumieren und umzubetten. Sie fanden ihre letzte Ruhe im Stadtfriedhof, 66 davon in einem Massengrab. 75 Jahre waren sie im öffentlichen Raum unsichtbar, bis 2020 – auf Anregung des Regensburger Journalisten Thomas Muggenthaler hin – eine Gedenkplatte verlegt wurde. Das Kulturamt leistete die Recherchearbeit, ein Vohenstraußer Steinmetzbetrieb fertigte den Stein mit den Namen.
“Wir geben diesen Menschen damit etwas ganz Grundsätzliches zurück: ihre Namen – und damit ein Stück ihrer Würde”, sagte OB Meyer. Jeder Name stehe für ein Leben, für eine Familie, für eine Biographie, die gewaltsam abgebrochen wurde. Die Männer seien aus ihrer Heimat verschleppt, zur Arbeit gezwungen und letztlich hier begraben worden.
Kommandeure der Bundeswehr vor Ort
Meyer erinnerte auch, dass die Verbrechen “nicht irgendwo im Verborgenen geschahen”, sondern unter den Augen der Bevölkerung. Erinnern heiße nicht nur Zurückschauen: “Erinnern heißt auch, uns selbst zu fragen, wo heute Menschen entwürdigt werden, wo Arbeit über Menschenwürde gestellt wird, wo rassistische und menschenverachtende Sprache wieder hoffähig wird, wo Gewalt verherrlicht und Kriege relativiert werden”.
Zum Gedenkakt waren neben Bürgermeister Reinhold Wildenauer, Kulturamtsleiterin Sabine Guhl und einigen Stadträten auch ranghohe Vertreter der Bundeswehr gekommen: Oberstleutnant Hekja Marlen Werner, Kommandeurin des Panzerartilleriebataillons 375, und Oberstleutnant Stefan Zadlo, Kommandeur des Panzerartilleriebataillons 131. Das Team des Städtischen Friedhofs und der Stadtgärtnerei hatte im Vorfeld für einen würdigen optischen Rahmen gesorgt.
Das Stalag XIIIb in Weiden
Am 22. April 1945 befreite die 11th Armored Division der US-Armee 1.722 alliierte Gefangene aus dem Kriegsgefangenenlager Stalag XIIIb in Weiden. Zu Spitzenzeiten waren im Stalag in Weiden 35.000 Kriegsgefangene (Stand: 1. April 1944) gemeldet. Nicht alle lebten auf dem Gelände der heutigen Major-Radloff-Kaserne (früher Ostmark-Kaserne). Über 29.400 waren in Arbeitskommandos im Umkreis von bis zu 150 Kilometern verteilt – bis hinauf in die Waldsassener Porzellanfabriken oder hinüber zum Heinrichsschacht, dem Braunkohle-Untertagebau bei Falkenau (heute Sokolov, Tschechien).
Russische Kriegsgefangene litten unter erheblich schlechteren Bedingungen als die Gefangenen europäischer Nationen, die unter der Kontrolle des Genfer Komitees standen. Das überfüllte “Russenlager” war abgetrennt durch Stacheldraht.
Ein belgischer Gefangener notierte im April 1945: “Diese armen Russen, sie sind bis auf die Haut abgemagert und ihre Zahl wird durch Tuberkulose immer weniger. In der zweiten März-Hälfte 1945 starben jeden Tag zwei oder drei Russen. Ohne Respekt verlädt man die Körper auf die Pferdewagen, um sie im Leichenschauhaus des städtischen Friedhofs abzustellen, wo man sie wenig später holt, um sie im KZ Flossenbürg zu verbrennen.”
2012 wurde auf Initiative des Weidener Stadtarchivs mit Petra Vorsatz und Dr. Sebastian Schott die letzte noch stehende Gefangenen-Baracke (gelegen an der Kasernenstraße gegenüber der Kaserne) in die Denkmalliste der Stadt Weiden aufgenommen.
In diesen Jahren entstand eine Reihe von Kontakten zu Nachfahren der sowjetischen Kriegsgefangenen. Das russische Verteidigungsministerium hatte 2006 eine Online-Datenbank (OBD-Memorial) für alle Sowjetbürger eröffnet, die im Zweiten Weltkriegs getötet oder vermisst wurden. Über 9 Millionen Blätter wurden gescannt. Angehörige konnte so die Verbindung zum Stalag XIIIb nach Weiden herstellen.
(Quelle: “Sie kommen! Die letzten Kriegstage in der Oberpfalz”, Battenberg-Bayerland-Verlag)








