Nie wieder – keine bloßen Lippenbekenntnisse!
Nie wieder – keine bloßen Lippenbekenntnisse!
Höhepunkt des Gedenkens war schon die Begrüßung der Gäste durch den ehemaligen Häftling Dr. Leon Weintraub, der am 1. Januar 2026 seinen 100. Geburtstag feierte. Als Überlebende waren neben Dr. Leon Weintraub (Schweden) Josef Salomonovic (Österreich), Shelomo Selinger (Frankreich) und Herzog Max Emanuel von Bayern (Deutschland) gekommen.
„Mein Name ist Leon Weintraub, Jahrgang 1926, Häftlingnummer 82707, des Lagers Flossenbürg“ – mit diesen Worten stellte sich Weintraub den Gästen vor. Er gestand ein, dass es ihm nicht leichtfalle, jährlich diesen Platz der Entmenschlichung und des Leidens zu besuchen. Aber er komme, um auch im Namen der Überlebenden, die nicht mehr teilnehmen können, die hier Ermordeten zu ehren. Dr. Leon Weintraub begrüßte dann alle Gäste, die an diesem Tag zur 81. Wiederkehr des Tages der Befreiung des Lagers Flossenbürg durch die amerikanische Armee gekommen sind, um damit die ums Leben gebrachten Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen und zu versichern, dass „wir alle“ die Erinnerung an ihr Leiden niemals in Vergessenheit geraten lassen werden.
Deutliche Zeichen gegen Antisemitismus
Er würdigte die Teilnahme aller Gäste als Zeichen für die Bestätigung, dass mit dieser Präsenz deutlich Menschenrechte und Demokratie bestätigt würden. Gleichzeitig sieht Weintraub damit auch das deutliche Zeichen gegen den Antisemitismus, der sich weltweit ausbreitet, zugleich aber auch Rechts- und Linksradikale, die die Grundrechte der Demokratie angreifen, was eine deutliche aktive Gegenwehr erfordere.
Sein Dank galt im Besonderen den Mitarbeitern der Gedenkstätte, die sich unter Leitung von Prof. Dr. Jörg Skriebeleit täglich und unermüdlich zur Bewahrung des Gedenkens an die Opfer der Nazi-Ideologie einsetzen und gleichzeitig auch die negativen Folgen von Menschenfeindlichkeit herausstellen. Mit einem „Danke für Ihr freundliches Zuhören und auf Wiedersehen in einem Jahr“, beendete Dr. Leon Weintraub seine Begrüßung. Stürmischer Beifall zeigte die vollkommene Zustimmung der Besucher.
„Ihr präsentiert das, worum es heute geht“
Prof. Dr. Jörg Skriebleit meinte eingangs seiner namentlichen Begrüßung der zahlreichen Gäste, Dr. Leon Weintraub sei bewusst an den Anfang der Willkommensgrüße gesetzt worden, um damit klar deutlich zu machen, warum sich hier dieser große Personenkreis versammelt habe. Dazu gehöre aber auch, dass Weintraub von seiner gesamten Familie, auch den Enkelkindern, begleitet werde. „Ihr präsentiert das, worum es heute geht – es nicht nur ein Gedenktag an einem Terrorort, es ist auch ein Familientreffen an einem Generationenort“.
Mit diesen Worten leitete Skriebeleit auf den überlebenden Josef Salomonovic über und beschrieb dessen Leidensweg. Das galt auch für den ehemaligen Häftling Shelomo Selinger aus Paris. Dann folgte eine lange Liste über die Heimat der Gäste: Belgien, Polen, Italien und Israel. „Viele, die kommen wollten, konnten aufgrund der aktuellen Situation in der Welt nicht zu uns kommen“.
Doch sei der Enkelin und Urenkelin einer Häftlingsfrau aus Weißrussland gelungen, nach ihrer Flucht nach Polen zur Gedenkfeier zu kommen. Auch die Präsenz zahlreicher Uniformträger, amerikanische Soldaten aus Grafenwöhr repräsentierten die Befreier, begründete Dr. Skriebeleit mit dem geschichtlichen Hintergrund der Befreiung am 23. April 1945.
Mit anwesend auch eine Vertretung der polnischen Armee, symbolisch für meisten Opfer eines Landes in Flossenbürg, zugleich aber auch für die anderen Opfer in Flossenbürg. Eine Abordnung, etwas weiter in Besucherreihen zurück, waren die Militärseelsorger aus der Ukraine, die augenblicklich zum Training in Grafenwöhr zu Gast sind und am Vormittag den Gottesdienst zu Ehren aller Opfer mit Chorälen so bereicherten, dass nach den Worten Skriebeleits niemand unberührt bleiben konnte.
Zugleich grüßte der Leiter der Gedenkstätte die vielen jungen Menschen, die an der internationalen Jugendbegegnung teilnehmen und damit die Bedeutung dieses Tages in Flossenbürg noch mehr hervorheben.
Gäste aus Politik und Wirtschaft
Zum dritten Mal bei dem Gedenktag mit dabei: der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, bei dem Dr. Skriebeleit dessen Anwesenheit als „Herzensangelegenheit“ bezeichnete. Als Vertreterin der Bundesregierung hieß er die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dr. Silke Launert willkommen. Diesen Willkommensgruß verband der Leiter der Gedenkstätte auch mit der herzlichen Begrüßung der ehemaligen Kultusministerin Claudia Roth. Als Vertreter des Bayerischen Landtags, zugleich auch Vertreter aller weiteren Abgeordneten, hieß Skriebeleit den Vizepräsidenten des Bayerischen Landtags Tobias Reiß willkommen.
Zum ersten Mal bei der Gedenkfeier anwesend: Xavier Ros, Mitglied des Vorstandes Personal Audi AG, begleitet von vielen jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dessen Anwesenheit begründete Dr. Skriebeleit mit Vorgängerunternehmen, die im Umfeld des NS-Zwangsarbeitersystems tätig waren.
Weitere namentlich begrüßte Gäste waren Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma. Anna Zisler vertrat den Zentralrat der Deutschen Juden und die Israelische Kultusgemeinde in Deutschland. Im Besonderen hieß Skriebeleit noch den örtlichen Bürgermeister Thomas Meiler gemeinsam mit vielen weiteren Bürgermeisterkollegen aus Deutschland willkommen, wie auch Dr. Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter in Bayern.
Nie die Menschlichkeit vergessen
Dr. Jörg Skriebeleit machte am Ende seiner Begrüßung, oder „großen Umarmung“ deutlich, dass unterschiedliche Meinungen jederzeit offen gesagt werden können, aber nie aufgeben dürfen, die Menschlichkeit zu vergessen. Der Begriff „Hass“ sei unter allen Anwesenden, im Besonderen bei den Überlebenden und deren Familien, ein Fremdwort und existiere schlichtweg nicht.
Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Vizepräsident des Bayerischen Landtags, nannte Flossenbürg keinen „isolierten Ort des Verbrechens, sondern das Zentrum eines weitverzweigten Systems“. Deshalb, weil zu Flossenbürg annähernd 80 Außenlager gehörten. Für viele Opfer waren gerade diese Außenlager, oft verborgen oder vergessen, der eigentliche Ort ihres Leidens und Sterbens. Freller schilderte die Situation in diesen Lagern: 100.000 Menschen aus 47 Nationen waren inhaftiert, mindestens 30.000 überlebten nicht.
Der Direktor der Stiftung machte den Besuchern deutlich, mit welchen Begründungen Menschen inhaftiert wurden. So etwa die Anfertigung von Puppen wie bei Magda Watts, die Liebesbeziehung von Martha Drescher zu einem ukrainischen Zwangsarbeiter oder das heimliche Tragen eines Bildes der niederländischen Königin bei Seine Prins. Karl Freller bezeichnete diese drei Beispiele stellvertretend für Jüdinnen und Juden, politische Gefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und für alle, die das Regime als „fremd“, „unnütz“ oder „gefährlich“ stigmatisierte.
Die Erinnerungsarbeit, wie hier in Flossenbürg, so kein abgeschlossener Vorgang, betonte Karl Freller, sondern ein andauernder politischer und moralischer Prozess. Die Lehren aus Flossenbürg zeigen sich heute wieder, wenn Antisemitismus in Wort und Tat wieder offen ausgelebt werde, wenn queere Menschen, Sinti und Roma, Obdachlose oder Menschen mit Behinderung ausgegrenzt und Menschenrechte generell infrage gestellt würden. Die öffentliche Erinnerung sei der Widerstand gegen das Vergessen, aber auch der Beweis, dass die Achtung der Menschenwürde nicht nur behauptet werde, sondern lebe.
Ein Ort des Erinnerns und der Verantwortung
Joachim Herrmann, Bayerischer Staatsminister des Innern, für Sport und Integration, nannte der Gedenkstätte „ein Mahnmal“, zugleich einen Ort des Erinnerns und der Verantwortung. Konzentrationslager seien „Symbole einer Schreckensherrschaft“ gewesen, in denen Menschen gequält, gedemütigt und ermordet wurden. „Das Menschsein wurde hier den Menschen abgesprochen.“
Nicht selten seien Menschen von Nachbarn, Kollegen und von staatlichen Institutionen verraten und somit zu Opfern gemacht worden. „Diese Erkenntnis ist schmerzhaft.“ Deshalb sei es nach 1945 von entscheidender Bedeutung gewesen, die Polizei als Garant von Recht und Freiheit neu aufzubauen. Damit wurde die Polizei zur Hüterin des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung. „Unsere Polizei ist eine Stütze der Demokratie“, stellte der bayerische Innenminister deutlich heraus.
Ohne zunächst eine bestimmte politische Gruppierung beim Namen zu nennen, räumte Joachim Herrmann klar ein, dass mit Schaudern, Entsetzen und Empörung wahrgenommen werden müsse, was sich rechtsextreme Politiker in Deutschland wieder unverhohlen zu sagen trauen. „Deutschlands Erinnerungskultur ist eine demokratische Stärke und keine ‚Identitätsstörung‘ – bei dieser Aussage ging Bayerns Innenminister Herrmann auf die AfD in Sachsen-Anhalt ein. Wer ein Land davon heilen wolle, befinde sich auf einem ähnlichen Irrweg wie jene, die damals verblendet „Heil“ geschrien hätten, sagte Herrmann.
Die „Erinnerungskultur“ schaffe keine „Mahnmale der Schande“, sondern sei die Erinnerung an die Menschen, die zum Schweigen gebracht werden sollten. Die „Erinnerungsorte“ zeigen das freiheitliche Leben als „Kostbarkeit“, für die es den Einsatz aller benötige.
Vergessen ist niemals neutral
Dr. Silke Launert, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, stellte die Aussage „Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Vergessen niemals neutral ist – es ist gefährlich“ an den Beginn ihrer Ansprache. Dieser Satz fiel am 27. Januar 2026 im Deutschen Bundestag anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust und wurde gesprochen von Tova Friedmann, die 1938 nahe Danzig in Polen geboren wurde und gemeinsam mit ihrer Mutter das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt hat.
Die Staatssekretärin nannte Flossenbürg einen Ort, an dem „Unvorstellbares“ geschehen sei, wo Menschen entrechtet, gedemütigt und zu Objekten gemacht worden seien und zugleich Hunger, Kälte, Misshandlungen und Todesangst zum Alltag gehört hätten. All dies sei für die Menschen heute nicht vorstellbar, betonte Launert. Für die Zukunft gibt die Parlamentarische Staatssekretärin ein „Seien wir wachsam“ mit auf den Weg, um aber auch die Erkenntnis herauszustellen, dass der Antisemitismus nicht verschwunden sei, sich vielmehr nur „angepasst“ habe.
Es müsse jedem antisemitischen Satz widersprochen werden, ansonsten bleibe der Satz stehen und der Boden, auf dem neuer Hass gedeihen kann, wachse. Deshalb bestehe die Verpflichtung, die Erinnerung wachzuhalten und Hass und Hetze nicht unwidersprochen hinzunehmen.
Wirtschaft übernimmt Verantwortung
Xavier Ros, Personalvorstand der AUDI AG, erklärte, dass zu den historischen Wurzeln von AUDI auch Vorgängerunternehmen gehören, im Umfeld des NS-Zwangsarbeitersystems standen. Dazu gehörte auch die Auto Union AG, wo Gefangene aus dem KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern zur Zwangsarbeit eingesetzt worden waren. Ros betonte, Mitarbeiter von AUDI aus allen Schichten des Unternehmens kommen regelmäßig nach Flossenbürg , vor allem, um eine persönliche Haltung aus der Vergangenheit abzuleiten. Unabhängig davon unterstütze der Betriebsrat mit vielen Initiativen die Aufarbeitung dieses Gedenkens.
Bewegende Worte
Malgorzata Niespialowska sprach im Namen von 31.000 Polen, die unterschiedlichen Lagern inhaftiert waren. Sie schilderte in ihrer Muttersprache, (den deutschen Text hatten alle Besucher am Eingang erhalten), dass ihr Vater durch ein Urteil der Geheimpolizei, unterzeichnet von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, zum Tode verurteilt worden war, weil er für das Dritte Reich als Feind galt und angeblich „durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und des Staates gefährde und sich außerdem für die illegale Widerstandsorganisation hochverrätisch betätige“.
Ausführlich beschrieb die Sprecherin das Leben ihres Vaters nach dessen Flucht bis hin zur Befreiung. Malgorzata Niespialowska als Angehörige der nächsten Generation gestand, dass das, was ihr Vater durchgemacht habe, auch zwangsweise ihr Leben geprägt habe. Ihr Vater selbst habe nie die Möglichkeit gehabt, nach Flossenbürg zu kommen. Seine vollständigen Erinnerungen seien in dem Buch „Zeit des Schreckens und des Widerstandes“ niedergeschrieben.
Eindringlich bat die Sprecherin alle Anwesenden, dass die Worte „Nie wieder“ Wirklichkeit werden und bleiben und keine bloßen Lippenbekenntnisse sind.
Die Gedenkfeier umrahmten Mitglieder des Universitätsorchesters Regensburg unter Leitung von Arn Goerke. Nach der Gedenkfeier zogen die Teilnehmer, auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ins „Tal des Todes“, um mit Kranzniederlegungen nochmals ihre Toten zu würdigen.


























