Bahnhof Weiden als Ort der NS-Verbrechen: Gedenkzeichen erinnern an Deportationen

Bahnhof Weiden als Ort der NS-Verbrechen: Gedenkzeichen erinnern an Deportationen
Die Vorstellung des Projekts fand am Dienstagabend mitten im regen Betrieb in der Halle des Bahnhofs statt. Das war durchaus passend, denn auch die Deportationen und die Häftlingstransporte geschahen am helllichten Tag. Laura López begrüßte für die KZ‑Gedenkstätte Flossenbürg eine beachtliche Gästeschar. Vertreten waren unter anderem die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, „Weiden ist bunt“, die „Omas gegen rechts“, außerdem Landtagsabgeordnete Laura Weber (Grüne).
Wie Selbi Ataeva von der Stiftung EVZ (Erinnerung, Verantwortung und Zukunft) erklärte, wolle das Projekt die Verbrechen des Nationalsozialismus vor Ort sichtbar machen. 66 Prozent der Befragten hätten in einer Studie angegeben, kaum etwas über die NS-Geschichte ihres Wohnorts zu wissen. Ein Beispiel dafür ist der Weidener Bahnhof. Ein Ort, der vielen vertraut sei. Aber auch ein Ort, der für viele Menschen Ausgrenzung, Verlust und den Weg in den Tod bedeutete. Ab 1938 wurde die Eisenbahn für den Transport Zehntausender Häftlinge in das Konzentrationslager Flossenbürg genutzt.
Deportation wurde fotografiert
Auch für die Vertreibung und Ermordung der Juden von Weiden und Umgebung wurde dieser Bahnhof zum Symbol: Von diesem Bahnsteig aus verließen die letzten Juden im Frühjahr 1942 die Stadt Weiden. Ein „Ereignis“, das nicht heimlich vonstatten ging, wie Dr. Sebastian Schott, Leiter des Stadtarchivs, berichtete. Sondern in aller Öffentlichkeit, mit medialer Begleitung: NS-Bürgermeister Hans Harbauer beauftragte eigens einen Fotografen, der den „Wegzug der letzten Juden“ im Bild festhalten sollte.
Neun der letzten zwölf Weidener Juden wurden am 3. April 1942, einem Karfreitag, zunächst nach Regensburg gebracht, wo rund 300 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus der Oberpfalz und Niederbayern „gesammelt“ wurden. Am 4. April 1942 wurden ihre Waggons an einen Zug aus München mit 776 Menschen angehängt. Nach vier Tagen kam der Zug im Ghetto Trawniki bei Lublin an, „Drehkreuz“ in die Vernichtungslager Ostpolens. Keiner der Insassen hat den Holocaust überlebt.
Abschiedsbrief an den Sohn
Eines dieser letzten Fotos ist auf einer der Gedenktafeln zu sehen: Es zeigt Ernst Ansbacher (61) aus Floß. Monika Grötsch von der KZ‑Gedenkstätte Flossenbürg hat sich mit dem Schicksal seiner Familie intensiv befasst. Ansbacher wurde mit seiner Frau Pauline deportiert. Sohn Fritz (Jahrgang 1920) war 1939 nach England emigriert, Willi (1925) befand sich in der Lehre in München.
Monika Grötsch verlas einen letzten Brief, den Ernst Ansbacher in der Nacht vor der Deportation an seinen Sohn geschrieben hat: „Es ist nicht wert, noch zu schlafen, in zwei Stunden kommt die Ronde und dann auf ewig fern. (…) Denke nicht zu viel an uns. Sei stark mit allen guten Menschen.“ Er schließt mit den Worten: „Wenn Zeichen von uns ausbleiben sollten, so verzage nicht. Eines Tages geht’s ja wieder menschlicher. Bleibe ein guter Sohn und Bruder.“
Das Projekt „MemoRails“
Rüdiger Marx von Dekoder stellte das Projekt „MemoRails“ am Dienstag vor. Es ist umfangreich erweitert durch ein Online-Projekt. Dekoder aus Hamburg hat sich ursprünglich einen Namen als gemeinnütziges deutschsprachiges Online-Magazin gemacht, das Exil-Medien aus Russland und Weißrussland übersetzt und verbreitet.
Weiterer Schwerpunkt sind NS-Verbrechen in Osteuropa. Dekoder ist der Projektträger des Weidener MemoRails-Projekts „Letzter Halt: Flossenbürg“. Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ist Kooperationspartner.
MemoRails ist ein Drittmittelprogramm des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Stiftung EVZ. Es richtet sich an zivilgesellschaftliche Initiativen in Deutschland, die auf kreative und zeitgemäße Art und Weise an die Verbrechen des NS-Regimes und ihre Folgen an Bahnhöfen in Deutschland erinnern.





