Benjamin Zeitler im Echo-Interview (4): Weiden als Chancen-Stadt
Benjamin Zeitler im Echo-Interview (4): Weiden als Chancen-Stadt
Gleichzeitig skizziert er Verwaltung als Kulturprojekt – mit Digitalisierung, KI und Wertschätzung. Beim Thema Integration setzt er auf Dialog, Präsenz und die Grundgleichung Sprache–Wohnung–Arbeit.
Einnahmeseite und Wirtschaft: Du forderst „Vorfahrt für die Wirtschaft“. Was sind deine drei wichtigsten Punkte, um Unternehmen für Weiden zu begeistern? Und ist die Denkwelt am Ende an rechtlichen Bedenken oder an Erwartungshaltungen gescheitert?
Zeitler: Das beginnt bei der Kernaufgabe: Service für bestehende Betriebe. Unternehmer sagen nicht „unterstützt uns“, sondern „lasst uns arbeiten, gängelt uns nicht“. Vorfahrt heißt: wirtschaftsfreundliche Verwaltungsarbeit – schnell ins Tun kommen, keine unnötigen Baustopps. Zweitens: Raum geben – Unternehmen brauchen Grund. Ohne Flächen gehen sie weg. Drittens: Innovation treiben – gemeinsam mit Unternehmen, Hochschule, Klinikum.
Wir brauchen Rückenwind: Wenn ein Investor investieren will, muss die Stadt sagen: Ja, bitte mach!
Benjamin Zeitler
Im Moment erlebe ich eher Frust – Investoren sagen, Nachbarorte würden alles möglich machen, was Weiden nicht macht. Das darf nicht sein.
Du sprichst von einer Stabsstelle Wirtschaft beim OB. Wie genau soll das aussehen?
Zeitler: Es geht um Sichtbarkeit und Schnelligkeit, nicht um Organigramm-Liebe. Der Wirtschaftsförderer muss faktisch beim Oberbürgermeister sitzen – räumlich und strukturell. Wenn ein Unternehmen ein Problem hat, darf der Wirtschaftsförderer nicht vier Wochen auf einen Termin warten. Das muss am selben Tag passieren. Und es geht um Ausstattung: Wir haben rührige Leute, aber zu wenig Ressourcen.
In Landkreisen sind schlagkräftige Einheiten entstanden, die regionales Management, Gesundheit, vieles mitmachen. Bei uns soll einer alles: Innenstadt, Betriebe, Standort. Das ist ein Engpass.ehlt uns komplett: ein Zielbild.
Benjamin Zeitler
Wie stellst du dir die Taskforce Gewerbeflächen konkret vor?
Zeitler: Ich bin nicht naiv: Taskforce bedeutet nicht sofort bebaubare Flächen. Aber: Fokus, Verbindlichkeit, To-do-Liste. Keine Laberrunde. Drei Stoßrichtungen: Arrondierungen, großflächige Gebiete, interkommunal. Und im ersten halben Jahr braucht es Ergebnisse.
Habt ihr klare Vorstellungen, was an Potenzial vorhanden ist?
Zeitler: Es gibt Flächen, Eigentümer, Angebote. Aber man muss erst Grund sichern, bevor man plant. Wir machen oft Machbarkeitsstudien, reden über 40 Hektar – und uns gehört kein Quadratmeter. Dann wird es teuer oder unmöglich. Grundstücksgespräche sind Bürgermeister-Sache: hingehen, verhandeln, Taktgefühl. Das war bei Weiden-West IV ein Kernproblem: geplant ohne Grundbesitz.
Baugenehmigungen beschleunigen – ist das so einfach?
Zeitler: Baugenehmigungen sind besser geworden. Problem sind Bebauungspläne. Wir haben 30 Verfahren, keine Priorisierung – der Lauteste kommt dran. Ich würde mehr extern vergeben: Formell bleibt es bei der Stadt, Zuarbeit kommt von außen.
Bau-Turbo nutzen: weniger große Verfahren, mehr pragmatische Lösungen.anisieren, mit Partnern.
Benjamin Zeitler
Nenne drei Kriterien für deinen Bauturbo.
Zeitler: Erstens: mehr Abweichungen zulassen, mehr Befreiungen, Aufstockungen ermöglichen – statt großer Verfahren. Zweitens: Beim Turnerbund will ich Bagger sehen. Der Verkauf an einen Privaten, der jetzt entwickelt. Nicht zehn Jahre weiter feilen. Drittens: Stadtbau/WGS: Wir haben 1800 Wohnungen, sanieren 30–50 – da müssen wir Tempo machen und die Tochter wieder stärker als Stadtentwickler nutzen, auch bei Beständen, die der Markt nicht wirtschaftlich hinbekommt.
Privatinvestoren sollen Vorrang haben – aber wo muss Stadt aktiv werden?
Zeitler: Neubau schafft selten günstige Mieten. Bei Baupreisen, Zinsen landen wir schnell bei 13 bis14 Euro. Geförderter Wohnraum ist nicht so billig wie manche denken – unter 10 Euro wird es schwer.
Die Durchschnittsmiete in Weiden ist noch relativ günstig, weil die Stadtbau mit niedrigen Durchschnittsmieten und Genossenschaften den Schnitt drücken.
Benjamin Zeitler
Deshalb muss die Stadt Bestände aufbauen, kaufen, entwickeln. Die Wartelisten sind hoch. Und: Wir brauchen eine Mischung aus Bestandsentwicklung, Förderung und privatem Neubau.
Verwaltung und Digitalisierung: Nenne einen durchgängigen Prozess, der kommen soll.
Zeitler: Ich würde eine Prozesseinheit schaffen, dezernatsübergreifend, die Prozesse analysiert: Braucht es den Prozess überhaupt? Der beste digitale Prozess ist der, den man nicht mehr braucht. Dann: wo hilft Digitalisierung, Robotik, KI? Quick Wins identifizieren. Am Anfang ist Digitalisierung Mehraufwand – aber das ist kein Grund, es nicht zu tun. Bayern will Modellkommunen – da müssen wir rein.
Gibt es irgendwann eine KI-Verwaltung?
Zeitler: Wir sind Rechtsbehörde, müssen rechtssicher entscheiden. Aber KI kann in Vorbereitung und Zuarbeit helfen. Man darf natürliche Intelligenz nicht ausschalten, aber es hilft, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.
Wie motivierst du die Verwaltung – welche Instrumente hast du außer Appellen?
Zeitler: Wertschätzung. Dankbarkeit. Sinn vermitteln: Nicht „Stein klopfen“, sondern „Kathedrale bauen“. Menschen machen lassen, Rückendeckung geben, Fehlerkultur. Nicht „nicht geschimpft ist gelobt genug“ – den Spruch finde ich schrecklich. Loben tut gut. Fehlertoleranz: Innovation heißt ausprobieren. Verantwortung trägt der OB – also muss er hinter den Leuten stehen.
Integration: Objektiv ist Weiden sicher, subjektiv wird Angst geschürt. Wie damit umgehen?
Zeitler: Weiden ist Vielfalt: 120 Nationen, 25 Prozent Ausländeranteil, manche Schulklassen ohne deutsche Kinder sind Realität. Vorurteile entstehen, wenn man Menschen nicht kennt. Das muss man aufbrechen: Austausch fördern, Begegnungsorte schaffen. Vereine leisten viel Integration, etwa Weiden-Ost – da zählt Fußball, nicht Herkunft. Sicherheitsgefühl ernst nehmen, Präsenz zeigen, kommunizieren, Ordnungskräfte sichtbar machen. Integration funktioniert, wenn Sprache, Wohnung, Arbeit passen. Und man braucht Brückenbauer, die ehrlich über Probleme sprechen können, ohne die Chance kaputtzureden.
Zum Schluss: Wofür willst du als OB stehen?
Zeitler: Für neuen Aufbruch, Optimismus, Stolz. Weiden ist eine Chancen-Stadt – wir müssen die Chancen nutzen.
Und garantiert unpopulär?
Zeitler: Sicher. Konsolidierung führt zu Diskussionen.
Dein Versprechen, was du nach zwei Jahren garantiert umgesetzt hast?
Zeitler: Ich bin vorsichtig mit Versprechen. Aber ich sage zu: ab Tag eins 120 Prozent – Wirtschaft, Wohnen, Investitionen ankurbeln.
![[Video] BDS und OberpfalzECHO holen Weidener OB-Kandidaten aufs Podium: Diskussion um Zukunft Weidens](https://redaktion.oberpfalzecho.de/wp-content/uploads/2026/02/ac897ec0-bundschnitt.jpg)
[Video] BDS und OberpfalzECHO holen Weidener OB-Kandidaten aufs Podium: Diskussion um Zukunft Weidens
Weiden. Der Bund der Selbständigen und OberpfalzECHO luden am Mittwochabend zur Podiumsdiskussion mit fünf Weidener Oberbürgermeister-Kandidaten ein. Die Bilanz: engagierte Debatten in entspannter Atmosphäre. Rund 120 Zuhörer füllten das Bistrot Paris.
Entweder-oder-Finale …
Espresso oder Weißbier? – Espresso.
Menschlich oder digital? – Menschlich digital.
Estland oder Bayern? – Bayern mit estnischen Ansätzen.
Turbo oder Denkpause? – Turbo.
Konflikte austragen oder Kompromisse sichern? – Kompromisse bringen weiter.
Feierabend um 18 oder 23 Uhr? – Immer aktiv.
Zahlenmensch oder Bauchmensch? – Zahlenmensch.
Podcast oder Stadtratssitzung? – Ab nächster Periode Stadtratssitzung.
Analyse (Teil 4): Zeitlers Profil in der Verdichtung
- Wirtschaft als Leitmotiv: „Vorfahrt für Wirtschaft“ als Organisationsidee: Nähe zum OB, Geschwindigkeit, Flächen, Investorensignale.
- Taskforce & Bauturbo = Anti-Stillstand-Architektur: Er will Verbindlichkeit erzwingen (To-do-Logik) und Prozesse/Planungen extern beschleunigen. Offen: Welche Meilensteine bis wann?
- Verwaltung als Kulturprojekt: Wertschätzung + Fehlertoleranz + Prozessdenken. Digitalisierung ist bei ihm weniger Technik als „Prozess amputieren“.
- Integration pragmatisch: Er vermeidet moralische Predigt, setzt auf Begegnung, Präsenz, Brückenbauer und klare Grundbedingungen (Sprache–Wohnung–Arbeit).
- Erzählkern: Weiden als „Chancen-Stadt“ – Zeitler will das als positives Gegennarrativ zur Krisenkommunikation etablieren.




