Lesung und Gespräch in Erbendorf: Inklusion im Fokus

Lesung und Gespräch in Erbendorf: Inklusion im Fokus
Am 29. Januar fand die Abschlussveranstaltung zum zehnjährigen Jubiläum des Netzwerks Inklusion Landkreis Tirschenreuth mit einem echten Highlight statt: Aktivist und Autor Raúl Krauthausen kam zu Lesung und Gespräch in den Landkreis. Der fast ausverkaufte Saal im Aribo Hotel Erbendorf folgte fast zwei Stunden gespannt den vielseitigen Themen um Inklusion und Teilhabe. Netzwerkleitung Christina Ponader bedankte sich für die Unterstützung beim Aribo Hotel und bei der St. Peter Buchhandlung für den Büchertisch. Die Veranstaltung wurde im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ und durch die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit gefördert.
Herr Krauthausen eröffnete: „Ich wollte nie Autor und Berufsbehinderter werden.“ Er machte die Unterschiede zwischen einem Menschen, der durch einen Unfall behindert wurde, oder ab Geburt behindert ist, daran fest, dass er schon erlebt hatte, nicht überall dabei sein zu können, aber nie den Wunsch, nicht-behindert zu sein. Mit seinen vielseitigen Interessen und seiner Ausbildung im Bereich Politik, Medien und Werbung wuchs er in einem inklusiven Setting auf: Beinahe immer war er der einzige Mensch mit Behinderung in seinem Umfeld.
Perspektivwechsel und Erfahrungen aus dem Alltag
Von Anfang an nahm er das Publikum im Saal mit – die Menschen mit Behinderungen über ihre sehr ähnlichen Erfahrungen als Minderheit in der Gesellschaft, die Menschen ohne Behinderungen über Alltagserlebnisse und anregende Perspektivwechsel.
Seine Diplomarbeit schrieb er über Menschen mit Behinderungen in den Medien: Sie würden entweder als „Sorgenkinder“ oder als „Superkrüppel“ dargestellt, wobei die Menschen in der Mitte fehlen. Der Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Gruppen wie PoC oder queeren Menschen liege vor allem in der Repräsentation. Auch deswegen hat er gemeinsam mit Freunden die Sozialheld*innen gegründet – eine Organisation, die sich mit Schwerpunkt Kommunikation für disability mainstreaming einsetzt, also die Menschen mit Behinderungen aus den Nischen zu holen.
Aktivismus und Bestseller: Inklusion umfassend gedacht
Auf seinem Weg als Aktivist und Autor hat er sich auch mit anderen Aktivist:innen unterschiedlicher Themenbereiche auseinandergesetzt und ausgetauscht, um voneinander zu lernen.
In seinem Buch „Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden.“, das inzwischen ein Bestseller ist, setzt er sich anhand von Interviews allumfassend mit Inklusion auseinander. Sein Ansatz ist besonders darin, dass er Menschen begegnet ist, die sowohl eine Behinderung als auch Fachwissen in ihrem jeweiligen Bereich haben. Behindert sein alleine mache niemanden zu einem Experten – nur auf der Ebene seiner/ihrer persönlichen Erfahrung, aber eben ohne fachliche Einordnung dieser Meinung. Er prangerte auch die erwartete Dankbarkeit der Mehrheitsgesellschaft für ihren Einsatz für Menschen mit Behinderungen und Barrierefreiheit an. Er plädierte für Pragmatismus: Menschen mit Behinderung müssen bei Prozessen beteiligt werden und Flexibilität erleichtere den Alltag ungemein. „Warum muss ein Kino immer feste Sitzreihen haben? Wenn man flexibel bestuhlt, können auch mehr als zwei Rollstuhlfahrer:innen gleichzeitig in den Saal!“
Vielfalt annehmen: Rechte, Würde und Aushandlung
Von einem Weggefährten hat er als entscheidende Ausrichtung gelernt: Inklusion ist die Annahme und Bewältigung menschlicher Vielfalt. Das ist ein Perspektivwechsel auf beiden Seiten. Menschen mit Behinderungen können und sollen nicht immer privilegiert und geschützt werden. Aber sie haben ein Recht und eine Würde, die zu achten sind. Sie haben ein Recht, da zu sein, wo immer sie sein wollen.
Inklusion ist nicht Harmonie und Behinderung nicht über persönliche Anstrengung zu überwinden. Inklusion ist Streit und Aushandeln. Vor allem Nichtbehinderte müssten Anders-Sein und die andere Funktionalität aushalten.
Barrieren abbauen: Von Haltungen zu konkreten Maßnahmen
Raul Krauthausen arbeitete sich auch an dem Satz „Die Barrieren in den Köpfen überwinden“ ab. Er habe ihn selbst lange verinnerlicht verwendet, finde ihn aber inzwischen kritisch. Einerseits unterstelle der Satz zunächst Barrieren in den Köpfen der Nichtbehinderten. Andererseits decke dieser Satz vieles mit Empathie zu, enthalte aber keine Handlungsanweisungen und Messbarkeit von Aktivitäten. In unserer Gesellschaft gäbe es eine privatisierte Industrie für und um Menschen mit Behinderungen. Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wird hier auf wenige Institutionen übertragen.
Aber „Binsenweisheiten“ und Aufklärungskampagnen ziehen nicht automatisch politisches Handeln nach sich. „Wenn man das ganze Geld, das in Kampagnen fließt, stattdessen direkt in die Umsetzung von Barrierefreiheit steckt, wäre viel gewonnen.“ Bevor wir die Haltung verändern und Barrieren in den Köpfen senken, müssten erst die realen Barrieren beseitigt sein, so Krauthausen. Inklusion gelingt über Begegnung und Erleben, über den Rechtsweg und umgesetzte Barrierefreiheit.
Schule, Qualifikation und gleiche Wertschätzung
Behinderung wird immer noch als spezifische Eigenschaft wahrgenommen im Vergleich zu Migrationserfahrung, Armut oder anderen Teilhabeeinschränkungen. Viele beriefen sich hier auf die Notwendigkeit, qualifiziert sein zu müssen, um zum Beispiel mit Kindern mit Behinderung in der Schule umgehen zu können. Aber: „Es gibt keine Ausbildung für Behinderung! Wir müssen das im ‚learning by doing‘ lösen – mit Rücksicht auf die Individualität jedes und jeder Einzelnen.“, so Krauthausen. Er kritisierte die gelebten Unterschiede zwischen Menschen mit Körperbehinderungen und Sinnesbehinderungen und zum Beispiel Lernbehinderungen oder seelischen Behinderungen. „Es darf kein ‚Die sind okay und die sind nicht okay‘ geben. Wir müssen die Grenzen auflösen, statt sie immer nur zu verschieben und die Gruppe der nicht-inkludierten nur kleiner und spezifischer zu machen.“
Stärken von Behinderung und Wirkung des Abends
Ein besonderes Anliegen war Raul Krauthausen auch, dass Inklusion nie als „Restebecken“ verstanden werden dürfe. In der Heterogenität und Vielfalt liege vielmehr eine Stärke und ein Vorteil – „wir müssen viel mehr voneinander lernen“. Die Menschen in den Bildungseinrichtungen werden damit zu Moderator:innen. „Auch die nichtbehinderten Kinder haben ein Recht auf Vielfalt! Wer hat das Recht, ihnen diese Chance zu nehmen?“ Die ideale Mischung einer Gruppe, so zitiert er die Wissenschaft, sei 25 zu fünf. Durch die Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen gibt es keine Einschränkung von Nichtbehinderten. Durch Labeling und Stigmatisierung werden Menschen mit Behinderung allerdings oft unterschätzt und ihnen Lebenschancen genommen. Auch sie hätten das Recht, ihre eigenen Grenzen herauszufinden. Was Inklusion aus seiner Sicht vor allem hemmt, ist, dass sie auch die Eliten abschaffen würde.
Abschließend sprach er über die Stärken von Behinderung, basierend auf dem Buch von Al Etmanski. Seine drei Lieblingsstärken: der Einfallsreichtum / die Kreativität, die Resilienz und die Authentizität. Viele Produkte, die ursprünglich für Menschen mit Behinderungen entworfen worden seien, sind inzwischen Lifestyle und Teil unseres Alltags (Brille, E-Book, Earpods). Je nachdem, wie man seine Behinderung sehe, könne man sich als Opfer oder als Mensch mit Bedürfnissen sehen. Die Behinderung mache sich nicht an der Diagnose oder einer Erklärung dazu fest. „Es ist eine Stärke, sich zu zeigen und nicht zu verstecken.“, so Krauthausen.
Nachhall der Lesung im Landkreis Tirschenreuth
Mit seiner humorvollen und ehrlichen Art verstand es Raul Krauthausen das Publikum mitzunehmen, Mut zu machen und auch kritische Themen so anzusprechen, dass man sich vielleicht ertappt fühlte, aber dennoch etwas mitnehmen konnte und ein Perspektivwechsel stattfinden konnte. Er sprach von Recht und Stärken, aber an keiner Stelle von Macht. Der Abend war ein Beispiel für die hohe Wertigkeit von Begegnung und für viele Teilnehmende nachhaltig eindrücklich. Raul Krauthausen ist durch seine Präsenz und Arbeit wichtig für die Repräsentation von Menschen mit Behinderungen – die eigentliche Aufgabe liegt jedoch darin, dass das nicht nur exemplarisch, sondern überall gesichert wird. „Danke – heute Abend hat mir wirklich gut getan“, so eine Teilnehmerin mit Behinderung. Daran will und wird das Netzwerk Inklusion Landkreis Tirschenreuth auch die nächsten Jahre weiterarbeiten. Das Motto „gemeinsam mehr (er)leben“ ist hochaktuell und lange nicht erfüllt.




